Autor:
Aude Penouty

Kurze Beschaffungswege: Was kann Local Sourcing?

Die Schuhe nach Hause holen

Die Brand Salomon verschreibt sich dem Local Sourcing, Sportler*innen wie Trailrunner Xavier Thévenard verzichten auf lange Flugreisen. Die französische Sportswear- und Outdoor-Industrie stellt sich den Herausforderungen einer nachhaltigen und ökologischen Produktion. Wie? Insights von Expertin Aude Penouty von Entada Textile.

So macht Outdoorsport Spaß: Trailschuhe zu einem vernünftigen Preis – dank KI
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Lokale Produktion für alle?

Kurze Wege haben viele Vorteile: von der Flexibilität bei den Mengen, über Investitionen in innovative Strukturen bis zum Erhalt von Qualifikationen in Europa. Die ganze Branche profitiert davon. Dennoch ist es je nach Rohstoffkategorie und Produkttechnik schwierig, Partner*innen mit einem marktgerechten Preis zu finden.

Zwischen anspruchsvoller CSR-Politik (Corporate Social Responsibility) und steigenden Rohstoffkosten ist der kurze Kreislauf das brennende Thema vieler Marktakteure. Den Beweis dafür liefern Salomon und Chamatex, die nach der Untersuchung anderer Industriemodelle in der Automobil- und der Pharmaindustrie 2021 die neue Advanced Shoe Factory 4.0 (ASF) in Frankreich eröffnen. Ebenfalls beteiligt sind Babolat und Millet. Da die Sitze aller vier Firmen in einem 200-Kilometer-Radius voneinander liegen, ist die ASF 4.0 eine bemerkenswerte regionale Kooperation der Region Auvergne-Rhône-Alpes in Südost-Frankreich.

Unter dem Motto: „Die Schuhe nach Hause holen“ stellt Salomon dort dank eines Künstliche-Intelligenz-Systems und der Robotisierung bestimmter Montageschritte seine Trailschuhe zu einem vernünftigen Preis her. Die Kombination aus nahegelegenen Rohstoffen, hoch qualifizierten Mitarbeiter*innen, modernisierten Produktionsverfahren und effizienten Energieanlagen könnte daher die Zukunft der Fabriken in Europa sichern.

Re-Lokalisierung: Haltung und Strategie zugleich

Unter den Outdoor-Produkten gibt es einige, die re-lokalisiert werden könnten – unter Inkaufnahme eines höheren Selbstkostenpreises. Das Know-how in bestimmten Segmenten, wie beispielsweise bei der Produktion technischer Skijacken oder Surfanzüge, ist aber bis dato noch nicht in industriellem Maßstab vorhanden. Textilhersteller Picture („sustainable natives“) der seit jeher forscht, um seine Umweltbelastung zu reduzieren und nachhaltig zu produzieren, organisiert die Beschaffung bewusst auf den Kontinenten, in denen die Produkte vertrieben und produziert werden. Getreu des Mottos: „Ride, Protect, Share“. Jede Entscheidung wird von folgenden Überlegungen geleitet: Die Picture-Inhaber wollen dort produzieren, wo die Rohstoffe angebaut beziehungsweise abgebaut werden, um einen möglichst geringen CO2 -Fußabdruck in Ländern mit einem geeigneten Energiemix zu haben.

„Wir haben den Wunsch, näher an unsere Basis zurückzukehren und haben begonnen, interne Überlegungen anzustellen. In einer Markenreflexion denken wir über bestimmte Mutationen hin zu hybriden Vertriebsmodellen nach, um diesen Prozess der sehr kohlenstoffarmen Relokalisierung zu beschleunigen.“ 
Julien Durant, Mitbegründer von Picture Organic

Neue Kommunikation des CO2 -Fußabdrucks in Frankreich

Die REACH-Norm (REACH steht für Registration, Evaluation, Authorisation and Restriction of Chemicals) schreibt eine Qualitätsanforderung für die europäische Herstellung vor. Der französische Textilindustrie-Verband kündigt an, dass eine Verlagerung von 25 Prozent der Textilproduktion nach Frankreich den CO2 -Fußabdruck um 3,5 Millionen Tonnen verringern könnte. Allerdings: Nur die Rückverfolgbarkeit vom Material bis zum Ende des Lebenszyklus kann dies bestätigen. Diese Daten werden in Europa mit dem Green Deal und der PEF-Gesetzgebung (Product Environmental Footprint) bald verpflichtend sein. In Frankreich tritt ab 2023 diesbezüglich ein neues Gesetz (zuerst für Firmen mit höherem Umsatz in Frankreich) in Kraft: Auf den Etiketten muss die komplette Produktionskette kommuniziert werden – von der Materialherkunft bis hin zum Ort des Finishings

Europäische Union diskutiert zusätzliche Maßnahmen

Dieser gesetzliche Rahmen verleiht dem Local Sourcing für viele Marken eine vorrangige Stellung. Beispielsweise in Bezug auf den „tückischen letzten Kilometer“, der manchmal den Kohlenstoffanteil in der Lieferlogistik zu den Lagern, Geschäften und Händler*innen erheblich erhöht. Die Scope-3-Kohlenstoffbilanz ist der beste Indikator, um diesen globalen Fußabdruck zu messen. In der Europäischen Union werden derzeit zusätzliche Messungen diskutiert. Dabei geht es um die Taxonomie, die Betonung fairer Wettbewerbsbedingungen, und eine mögliche europäische Ausweitung des Gesetzes zur Sorgfaltspflicht.

Oxbow: Authentische Rückkehr zu den Wurzeln mit „Made in France“

Mit dem Collector-Projekt transformiert die Surf-Brand Oxbow eine ihrer Produktlinien und überarbeitet diese ikonischen Klamotten: Von der Beschaffung über das Design bis hin zu den Botschafter*innen haben alle Akteur*innen des Unternehmens die Idee aufgegriffen, ihre Produkte mit geringeren Auswirkungen auf die Umwelt wieder zu etwas Besonderem zu machen. Dank der zu 100 Prozent französischen Herstellung ist die gesamte Produktionskette leichter zugänglich. Laut Aurélien Silvestre, dem Verantwortlichen für das Sammlersortiment, ermöglicht eine lokale Produktion eine größere Reaktionsfähigkeit, wovon der gesamte Prozess profitiert. Um diese Herausforderung anzunehmen, waren die Anpassung der Arbeitsmethoden der Teams und die Geduld, ein Netzwerk von Lieferanten wieder aufzubauen und mit ihnen in Know-how zu investieren, unerlässlich.  

„Die Collector-Reihe feiert eine authentische Rückkehr zu den Wurzeln von Oxbow: leuchtende Farben, lockere Schnitte, ein Etikett auf der Schulter, schwere Materialien und vor allem eine lokale Herstellung. Diese Linie markiert die Wiederbelebung des lokalen Know-hows und der Qualität mit Reaktivität, Flexibilität und ökologischer Verantwortung.“
Aurélien Silvestre, Produktmanager Collector & 1985 bei Oxbow

Sportler vertreten ökologische Werte

Trailrunner Andy Symonds hat kürzlich die Schätzung seines CO2 -Fußabdrucks veröffentlicht, welcher entstanden wäre, hätte er an den World Trail Running Championships im November in Thailand teilgenommen. Den Run sagte er ab. Damit schloss er sich seinem Laufkollegen Xavier Thévenard an, der auf Flugreisen und einige Sponsoren verzichtet, um seinen Überzeugungen gerecht zu werden. Auch Snowboarder Mathieu Crépel verließ seinen bisherigen Sponsor und verband sich mit Oxbow. Er hat diese Wahl getroffen, um seine Werte des Umweltschutzes zu vertreten. Außerdem gibt er sein ökologisches Know-how mit dem Verein „La Water Family“ weiter. 

„Als Markenbotschafter ist es für mich von größter Bedeutung, mit den Werten und Handlungen meines Partners in Einklang zu stehen. Die lokale Produktion beziehungsweise die Produktion so nah wie möglich am Ort des Endverbrauchs ist eindeutig ein wichtiger Punkt. Auch der Umgang mit Wasser ist ein zentrales Thema.“
Mathieu Crépel, Snowboarder & Markenbotschafter von Oxbow

 

Kurze Wege sorgen für Innovationen

Dank der Flexibilität und der Transformation des Sektors investieren die Marken und Unternehmen in ihre Region, um eine verantwortungsvolle und autonome Kette neu zu knüpfen. Ob es nun um Herzenswerte oder um hohe Innovation geht, die kurzen Wege in der Sportswear- und Outdoor-Branche ermöglichen Innovationen, tragen zu einer Relokalisierung bestimmter industrieller Praktiken bei und bieten eine Konsum-Alternative.

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Aude Penouty
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