Dr. Regina Henkel
Autor:
Regina Henkel

Kooperation statt Abschottung ist die Zukunft der Innovation

Gebündelte Kräfte: So startet Salomon in Frankreich die Schuhproduktion 4.0

Im September fand die Grundsteinlegung der neuen, vollautomatisierten Schuhfabrik 4.0 von Salomon, Millet und Babolat in Frankreich statt. Zehn Millionen Euro kostet das Projekt. Es ist ein Paradebeispiel für eine innovative Cross-Industry-Zusammenarbeit.

Im französischen Ardoix, etwa zwei Autostunden vom Salomon-Hauptsitz in Annecy entfernt, entsteht gerade die erste vollautomatische Schuhfabrik.
Im französischen Ardoix, etwa zwei Autostunden vom Salomon-Hauptsitz in Annecy entfernt, entsteht gerade die erste vollautomatische Schuhfabrik.

Im französischen Ardoix, in der Region Auvergne-Rhône-Alpes, entsteht gerade die erste vollautomatische Schuhfabrik mit digital gesteuerter, intelligenter Fertigung. Die vier vollautomatisierten Produktionsstraßen reichen vom Zuschnitt der verschiedenen Schuhkomponenten bis zu zur Verpackung des fertigen Produkts, einschließlich aller Montagephasen. Bei voller Auslastung im Jahr 2025 soll die „Advanced Shoe Factory 4.0“ (ASF 4.0) in der Lage sein, 500.000 Paar Sportschuhe pro Jahr zu produzieren.
Entwickelt wurde die ASF 4.0 als gemeinsames Großprojekt von dem französischen Textilhersteller Chamatex als Haupteigner, den Schuhherstellern Salomon, Millet und Babolat, dem Technologieanbieter Siemens Digital Industries und der Innovationsschmiede Groupe Zebra. Bereits im Sommer 2021 soll die Fabrik ihre Arbeit aufnehmen, 2022 kommen die ersten Produkte auf den Markt. Das Ziel der ganzen Anstrengung: Relokalisierung der Fertigung von Asien nach Europa, Verkürzung der Reaktionszeit, Flexibilisierung der Fertigung.

Neue Technologien ermöglichen neue Fertigungsprozesse

Für Salomon tritt damit ein Projekt in die Realisierungsphase, an dem das Unternehmen schon lange arbeitet. „Wir begannen schon vor zehn Jahren, uns mit dem Thema Industry 4.0 zu beschäftigen und entwickelten in unserer R&D Abteilung in Annecy eine eigene kleine Produktionsstätte mit zwei Robotern“, erklärt Guillaume Meyzenq, VP Footwear Category bei Salomon. Für Salomon war klar, dass die bisherige Art der Produktion in riesigen Werken in Fernost nicht mehr lange die einzige kosteneffiziente Option bleiben wird. Neue Materialtechnologien und Klebetechniken eröffneten völlig neue Produktionsverfahren, die kaum mehr Handarbeit erforderten und sich automatisieren ließen.
2017 lancierte Salomon die erste, in Annecy hergestellte, limitierte Schuhkollektion ‚Made in France‘. „Und je mehr wir dort gelernt haben, desto besser konnten wir mit der Suche nach geeigneten Partnern beginnen“, so Meyzenq weiter.

Bündelung der gemeinsamen Kräfte

Salomon hatte zwar eigene Erfahrungen, wie automatisierte Produktion funktionieren könnte und welche Art von Produkten damit möglich werden, aber alleine eine eigene Produktionsanlage zu bauen war nicht das Ziel. Dafür brauchte es Partner. Chamatex und Salomon arbeiten schon seit mehreren Jahren zusammen, von Chamatex stammt z.B. das Material Matryx, das Salomon im Sommer 2020 erstmals für Trailrunningschuhe einsetzte und das auch in der ASF 4.0 verwendet werden soll. Siemens stieg ein, um das sogenannte Industrial Internet of Things (IIoT) für die Smart Factory zu entwickeln, inklusive der Integration zahlreicher neuer Technologien wie Augmented Reality, digitale Zwillinge und autonome Roboter.
Um sicher zu gehen, dass die Auslastung in der Anfangsphase stimmt, wurden noch weitere Chamatex-Kunden ins Boot geholt, die in der ASF 4.0 produzieren wollen: Millet und der französische Tennisanbieter Babolat. Alle Marken verpflichten sich nicht nur auf bestimmte Volumina, sondern beteiligen sich auch an der Investition und werden zum Teilhaber und Mitgestalter der Anlage.

„Man muss und kann heute nicht mehr alles selbst erfinden“

Diese Art der Kooperation zwischen mehreren Marken aus dem gleichen Umfeld ist ungewöhnlich. „In unserer Branche gibt es noch immer viele Vorbehalte gegen so eine Zusammenarbeit“, weiß Meyzenq. „Jeder will immer alles alleine machen, aus Angst, Wettbewerbsvorteile zu verlieren. Aber in unserer Denkweise sehen wir mehr Vorteile in der Zusammenarbeit. Man muss und kann heute nicht mehr alles selbst erfinden.“
Das trifft auch auf die Erfüllung der Nachhaltigkeitsziele zu. Bisher musste Chamatex viele Textilien nach Asien zur Weiterverarbeitung schicken. Für Chamatex und dessen Kunden verkürzen sich jetzt die Wege massiv. Wenn alles läuft wie geplant, sollen zudem in anderen Märkten lokale Smart Factorys entstehen, die wiederum dazu beitragen, die Klimabilanz der dort hergestellten Produkte weiter zu verbessern.  

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