Benedikt Böhm im Interview

Dynafit zum Pistentouren-Boom: „Wir brauchen Lenkungssysteme und langfristige Konzepte“

Pistentouring erfreut sich auch im Corona-Winter großer Beliebtheit. Doch welche Folgen hat der Skitouren-Boom für die Wintersport-Branche? Dynafit-Geschäftsführer Benedikt Böhm spricht über die Entwicklung und was sie für die Branche bedeutet.

Benedikt Böhm sieht für die Zukunft eine Verschmelzung der Alpin- und Skitouring-Märkte.
Benedikt Böhm sieht für die Zukunft eine Verschmelzung der Alpin- und Skitouring-Märkte.

Volle Parkplätze trotz Pandemie und stehender Skilifte: Trotz strikter Corona-Maßnahmen ist der Skitouring-Boom ungebrochen. Vor allem das Pistentouring lockt auch Wintersporteinsteiger. Hersteller wie Dynafit haben den Aufschwung schon früh erkannt und arbeiten flächendeckend mit Skigebieten zusammen. Doch noch immer gibt es Schwachstellen bei der Zusammenführung von Alpinisten und Tourengehen.

Benedikt Böhm, Geschäftsführer von Dynafit, spricht im Interview mit ISPO.com über den Trendsport und seinen Aufschwung.

ISPO: Sie haben auf LinkedIn klare Kante für die Disziplin „Pistentouring“ bezogen und interessante Werte dazu geliefert. Auch arbeitet Dynafit bereits mit einigen Skigebieten eng zusammen - allerdings mit wenigen bayerischen Skigebieten, wie es den Anschein macht. Wie kommt das? 
Benedikt Böhm: Wir arbeiten mit mehr als 20 Handelspartnern in Bayern zusammen, die ab diesem Winter als Test Center unser Touren-Equipment verleihen und von den sieben Dynafit-Skitourenparks in Deutschland und Österreich befinden sich zwei in Bayern – in Schönau am Königssee und am Spitzingsee. Wobei man hier natürlich bezüglich geltender Regelungen und Öffnungen informieren muss. Wir haben im Herbst das Thema Pistentourengehen gemeinsam mit Regionen und Betreibern angestoßen und Unterstützung angeboten. Unsere Initiativen und Konzepte sind europaweit und auch in Nordamerika teils auf großes Interesse gestoßen und wir freuen uns, dass wir in mehr als 26 Skigebieten mit den Dynafit-Skitourenparks bei der Lenkung von Tourengehern unterstützen können. Damit sind wir auch schon beim Thema – wir brauchen Lenkungssysteme und langfristige Konzepte in Skigebieten.

Zeit zur Integrierung in Pisten-Infrastruktur ist gekommen

Woran liegt es, dass sich viele Skigebiete nach wie vor gegen ein Miteinander von Alpin- und Pistentouren-Fans wehren?
Ich kann mir selbst nicht erklären, woran es liegt, dass sich manche Skigebiete nach wie vor dem Miteinander von Alpin- und Pistentouren-Fans versperren. Es gibt vielerorts schlaue und wirtschaftlich lukrative Konzepte. Ich war kürzlich in St. Johann in Tirol. Dort funktioniert die Lenkung der Tourengeher. Es gibt drei gut markierte Aufstiegsrouten, ein Testcenter und eine Infrastruktur für Tourengeher, die Beschneiung, Parkplätze, Toiletten und Hütten beinhaltet. Stimmt der Service, sehen wir eine große Bereitschaft der Tourengeher, dafür zu bezahlen.

 

Wahrscheinlich spielt auch die Angst vor Neuem und Unbekanntem eine Rolle für die Abwehrhaltung gegenüber Skibergsteigern in Skigebieten. Aber: Das Skitouring auf Pisten und markierten Routen ist nicht mehr wegzudenken und wird zunehmen. Deshalb sind gute und zeitgemäße Konzepte gefragt und das Aussprechen von Verboten ist aus meiner Sicht nicht zukunftsorientiert. In vielen Skigebieten gibt es teils un- oder weniger genutzte Pisten und Abfahrten. Warum nutzt man diese nicht oder konzipiert eine von mehreren Talabfahrten um, wenn der Platz vorhanden wäre?

Oder eine eigene offizielle Aufstiegsroute am Rand der Piste. Meine Meinung ist, dass kluge Konzepte für Skitourengeher einen interessanten wirtschaftlichen Faktor beinhalten und nun endgültig die Zeit gekommen ist, den Skitourensport in die kommerzielle Pisten-Infrastruktur zu integrieren. 

Auch Anwohner werden profitieren

Skitouren, vor allem Pistentouren werden als das neue Biken im Winter gehandelt - mit langfristigen Chancen, dass viele Menschen dabeibleiben. Aber: Viele neue Tourengeher haben keine alpinen Vorkenntnisse, können vielleicht auch nicht Tiefschneefahren. Pistentouren sind hier ein niedrigschwelliger Einstieg - wäre es nicht doch eine Möglichkeit diese Disziplin in die Skigebiete zu integrieren? Wie könnten intelligente und monetär interessante Geschäftsideen aussehen?
Hier nenne ich erneut als Beispiel die Umsetzung des Dynafit-Skitourenparks in St. Johann/Tirol. Dort gibt es ein klares Preissystem, beispielsweise bezahlen Erwachsene 6,50 Euro für das Tourengeher-Ticket. Darin enthalten ist die komplette Infrastruktur inklusive Parkplatz. Die Skibergsteiger sind ausdrücklich willkommen. Wir erfahren an vielen Stellen, dass die Tourengeher froh sind, wenn es Regelungen gibt, sie für die Leistung und den Service bezahlen können und die Infrastruktur nutzen dürfen.

Bei den Planungen zum Skitourenpark haben wir manchmal Gegenwind der Anwohner und Einheimischen erhalten, die weniger bereit waren für den Aufstieg im Skigebiet zu bezahlen, der bis dato ja kostenlos war. Aber ich denke, auch sie profitieren langfristig vom Tourengeher-Konzept und es gibt, wenn wir beim Beispiel St. Johann/Tirol bleiben, sogar eine Saisonkarte für Skitourengeher. Die Anzahl der Tourengeher nimmt zu und deshalb sind Regelungen unabdingbar. 

Miteinander fördern, Sicherheit steigern

Wie geht es Dynafit in dieser Saison? Was ist besonders gefragt? Wie hoch wird die Zahl derer sein, die dauerhaft von Ski alpin zu Ski- und Pistentour switchen?
Wir verzeichnen im aktuellen Winter einen Zuwachs an Skibergsteigern in vielen Märkten, ein exponentielles Wachstum sehen wir in den USA und in Österreich. Als Systemanbieter - das heißt wir bieten durchdachte, aufeinander abgestimmte Ausrüstung von Kopf bis Fuß-  profitieren wir natürlich von diesen Zahlen. Wir haben mit unseren vorab zusammengestellten Skitouren-Sets einfache, service-orientierte Lösungen für Anfänger und Familien und erleichtern damit die Einstiegsbarriere.

Wie viele nach dem Corona-Winter dabeibleiben, ist schwer einzuschätzen. Aber ich persönlich bin mir sicher, dass langfristig ein Hybrid-Markt zwischen Ski Alpin und Skitouren entsteht. Die Grenzen zwischen diesen beiden Sportarten werden weiter verschwimmen und die Frage, ob jemand Tourengeher oder Alpinfahrer oder beides ist, wird sich immer weniger stellen. Es gilt, das Miteinander zu fördern und damit Sicherheit und Planbarkeit für alle zu steigern.

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