INTERVIEW | 05.08.2022

„Bis 2030 muss was passieren.“

Harald Rettich von myclimate über Nachhaltigkeit
Autor:
Uschi Horner

Ob Unternehmen oder Privatperson: Die Sportwelt muss sich um einiges schneller drehen, um den Klimawandel zu stoppen. Es sind nur noch wenige Jahre, die wir haben, sagt Harald Rettich von myclimate im Interview. Und wie das gehen soll – das verrät der Bereichsleiter Corporate Partnerships auch.

Mit einem Sprint ist es nicht getan, sondern die Sportwelt muss ausdauernder und intensiver über das Thema Nachhaltigkeit nachdenken, und ins Laufen kommen. Nach Angaben von myclimate ist der Status quo folgendermaßen: Ein klimaverträglicher Fußabdruck liegt bei 0,6 Tonnen im Jahr pro Kopf. In Deutschland liegen wir bei durchschnittlich elf Tonnen. Harald Rettich (53) ist Bereichsleiter Corporate Partnerships bei myclimate und betont im Interview, dass wir keine Zeit mehr haben, um noch darüber nachzudenken, wie wir die Treibhausgase in der Atmosphäre reduzieren. Wir müssen handeln – egal ob Sportler*in oder Sportbranche. Und er sagt auch, wie.

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Die internationale Initiative myclimate mit Schweizer Wurzeln gehört nach eigenen Angaben weltweit zu den Qualitätsführern von freiwilligen CO-Kompensationsmaßnahmen. Mit unterschiedlichsten Projekten treibt myclimate weltweit messbaren Klimaschutz und eine nachhaltige Entwicklung voran. Emissionen werden reduziert, indem fossile Energiequellen durch erneuerbare Energien ersetzt, lokale Aufforstungsmaßnahmen mit Kleinbauern umgesetzt und energieeffiziente Technologien implementiert werden. Die Maxime des Beratungsunternehmens: vermeiden, reduzieren, kompensieren.

ISPO.com: Hitze, Dürre, Waldbrände, Überschwemmungen. Wie viel Zeit haben wir eigentlich noch, um den Klimawandel aufzuhalten? Zehn Jahre?

Harald Rettich: Wenn wir der Wissenschaft zuhören, dann muss bis 2030 entscheidend was passieren bezüglich der Menge an Treibhausgasen, die in der Atmosphäre ist. Denn je mehr Treibhausgase dort oben sind, umso wärmer wird es hier werden. 1,5 Grad Erderwärmung ist die Grenzmarke, auf die sich die versammelten Länder bei der UN-Klimakonferenz 2015 in Paris als noch erträglich verständigt haben. Das heißt aber nicht, dass wir bis dahin keine Folgen spüren. Und jedes Zehntel Grad, das über die 1,5 Grad rausgeht, zeigt sich in unseren Breitengraden in vermehrten Hitzewellen, in Starkwetterereignissen, in Dürreperioden. In anderen Landstrichen dieser Welt zeigt sich, dass diese viel, viel schneller unbewohnbar werden. Derzeit sind wir auf einem Kurs, der uns bis 2050 auf rund 2,5 bis 2,7 Grad bringen wird und bis 2100, wenn es so weitergeht, auf drei Grad.

Woran liegt das?

Das liegt an dem weltweit viel zu hohen Treibhausgasausstoß. Insbesondere verursacht durch den hohen Lebensstandard, vor allem in den Industrienationen. Wenn wir auf Deutschland blicken, dann liegen wir im weltweiten Vergleich auf Platz sechs. Wir reden hier über ein relativ kleines Land. Vor uns liegen natürlich China und die USA, aber Platz sechs ist schon eine Hausnummer. Die ist nicht rühmlich für uns. Aber das liegt einfach daran, wie wir leben, wie wir heizen, wie wir wohnen, wie viel wir verbrauchen, wie wir Urlaub machen und alles zusammengerechnet ergibt eben einen viel zu hohen CO-Fußabdruck.

Klimafreundlich: Übernachten im Zelt

Urlaub – gutes Stichwort. Fast alle Bundesländer haben derzeit Schulferien. Ist mit dem Auto zum Campen zu fahren eigentlich klimafreundlicher als mit dem Flugzeug in den Pauschalurlaub zu fliegen?   

Grundsätzlich ist Campen klimafreundlicher als irgendwohin zu fliegen – die Flugemissionen sind nämlich enorm. Beim Flug von München nach Mallorca und zurück sind es rund 0,48 Tonnen. Die bekomme ich mit dem Auto so schnell nicht hin. Und wer im Zelt schläft, erzeugt einen zu vernachlässigenden CO-Fußabdruck.

Übernachten im Zelt ist klimafreundlich

Also im Zelt zu schlafen ist klimafreundlich, wie lässt sich Campen generell nachhaltiger gestalten?

Eine spannende Frage! Die Antwort: Wie eigentlich alles im Alltag auch. Zum Beispiel beim Einkauf des Equipments darauf achten, aus welchem Material wird etwas hergestellt? Und vielleicht sogar gebrauchte Materialien bevorzugen. Vermutlich ändert sich die Ernährung beim Campen nicht so wirklich – auch hier gilt: vegetarisch vor fleischhaltiger Kost, weil durch Fleischproduktion auch mehr CO emittiert wird als durch pflanzliche Nahrung. Das dürften so die größten Einsparmöglichkeiten sein beim Campen.

Funktionsbekleidung versus Wolle

Wie sehen die CO-Einsparmöglichkeiten bei unserem liebsten Hobby, dem Sport, aus? 

Schauen wir uns mal das Thema Bekleidung an. Ich treibe ja auch viel Sport. Da stellt sich schnell heraus, dass Funktionskleidung pflegeleicht ist, strapazierfähig und lange haltbar. Grundsätzlich Punkte, die sich positiv auf die CO-Bilanz auswirken. Es stehen dem aber oft lange Transportwege und viel Energieverbrauch bei der Produktion gegenüber. Außerdem ist Funktionsbekleidung meist aus fossilen Rohstoffen gefertigt, die irgendwann als Treibhausgas in der Atmosphäre landen. Zudem weiß ich ganz genau, dass ein Polyester-Shirt, egal wie gut es gemacht ist, irgendwann zum Mikroplastik wird. Deshalb schaue ich mir wenigstens an, wie die Hersteller arbeiten, wo die Textilien produziert werden. Ob es Materialalternativen gibt oder ob in Stoffkreisläufen gedacht wird.

Magst du hier ein Beispiel nennen? 

Vaude ist zum Beispiel ein Vorreiter in diesen Bereichen. Und es gibt auch noch eine ganze Reihe anderer Unternehmen, die sich wirklich Gedanken darüber machen. Manche sammeln Plastik aus dem Meer und recyceln das zu neuer Kleidung. Mein Problemfeld, das ich bisher nicht zufriedenstellend lösen konnte, sind Laufschuhe. Da habe ich schon welche getestet, die aus Recyclingmaterialien sehr nachhaltig hergestellt wurden. Aber hier musste ich feststellen, dass diese meine Ansprüche nicht erfüllt haben. Ich laufe in der Woche bis zu 80 Kilometer. Deshalb benötige ich einfach einen guten Schuh, beziehungsweise zwei bis drei Paar im Jahr. Leider stelle ich fest, dass ich für den Sport wesentlich mehr Ressourcen benötige, als für alles andere in meinem Leben.

Plastik im Wasser
Viele Brands machen es sich zur Aufgabe, Plastik aus dem Meer zu recyceln

Stresst dich das? 

Für mich ist es erschreckend. Aber tatsächlich finde ich oft keine guten Alternativen. Wie gesagt, schaue ich mir deshalb immer die Hersteller an. Ein Kriterium ist auch, dass jemand in Europa produziert, und dadurch vor allem Transportemissionen eingespart werden können. Ich kann mir das leisten und gebe das Geld auch dafür aus. Aber es gibt ja auch viele Menschen, die sich den höheren Preis nicht leisten können, denn manche der nachhaltigeren Produkte kosten auch gleich dreimal so viel. 

Gutes Beispiel sind hier Produkte mit Merino-Wolle, die sind einfach teurer. 

Ich steige auch teilweise auf Merino- oder generell Wollprodukte um. Allerdings: Ich könnte es noch konsequenter machen, und mit dem Bequemlichkeitsverlust dann einfach leben. Aber da ist keiner gefeit davor, auch ich nicht. Wichtig ist in diesem ganzen Zusammenhang, dass sich möglichst viele Hersteller auf den Weg machen und nachhaltiger in ihren Prozessen werden. Denn wir haben bei jedem Teil, das in Asien produziert wird, viele Transportemissionen noch mit drin. Andererseits kommen wir ohne Produktion außerhalb von Europa zurzeit nicht aus.

Merinowolle eignet sich gut für Outdoor-Kleidung.

myclimate berät Unternehmen: vermeiden, reduzieren, kompensieren

Wie Unternehmen ihre Emissionen kompensieren können, das ist Teil des myclimate-Beratungsangebots?

Ja. Aber unser Ansatz geht viel weiter. Wir helfen unseren Kundinnen und Kunden Treibhausgase zu vermeiden, zu reduzieren, zu kompensieren. In dieser Reihenfolge! Und wenn ich vermeiden will, muss ich natürlich erstmal messen, wie viel Emissionen ich überhaupt erzeuge. Alles dreht sich bei uns um die Frage: Wie können wir mit möglichst wenig Emissionen in die Zukunft gehen? Wir kümmern uns damit um einen Teil aus dem Nachhaltigkeitsuniversum mit den Themen Umwelt, Soziales und Unternehmensführung (Environment Social Governance, kurz ESG, Anm. d. Red.). Wir arbeiten also an dem Bereich, der momentan sehr, sehr wichtig ist. Das sind Treibhausgase beziehungsweise Treibhausgasemissionen. Und da definieren wir Nachhaltigkeit so, dass wir alles dazu tun müssen, mit so wenig Treibhausgasen wie möglich zu leben.

Kompensation von CO₂-Emissionen kein Ablasshandel

Manch einer bezeichnet das Kompensieren von CO-Emissionen als Ablasshandel – wie siehst du das? 

Dieses Wort wird dann in den Mund genommen, wenn Menschen sich keine Gedanken darüber machen, welchen Lebensstil sie führen. Dann kaufen sie für ein paar Euro irgendwelche Zertifikate und denken, damit wäre das Ding erledigt. Das ist aber ja meistens gar nicht so. Letztens habe ich von einem Gesellschaftswissenschaftler gehört, dass laut seinen Studien Menschen, die kompensieren, im Schnitt schon nachhaltiger leben als Menschen, die nicht kompensieren. Unser Weg ist immer der: Zuerst versuchen, so wenig wie möglich Emissionen zu erzeugen. Dann, wenn man Emissionen erzeugt, alles Mögliche zu tun, um sie zu reduzieren. Und erst dann die Emissionen, die noch übrig bleiben, zu kompensieren. Das ist aber als Übergangslösung zu sehen. Eines ist sicher: Wir haben nicht mehr so viel Zeit, um die Atmosphäre von Treibhausgasen zu reinigen.

Kompensation von CO₂-Emissionen: ein myclimate-Projekt in Tansania

Wenn ich dich so reden höre, dann ist es bereits fünf nach 12?

Ja, wir müssen generell schneller werden, weil wir keine Zeit mehr haben. Das haben wir als Gesellschaft verpennt. Das sind ja auch alles keine neuen Informationen. Die gibt es seit 50 Jahren. Nur jetzt merkt man, dass es langsam eng wird. Aber trotz alledem, gibt es auch eine positive Botschaft: Alles, was man tut, hilft in irgendeiner Form. Auch kleine Schritte helfen. Es geht darum, das Bewusstsein für Nachhaltigkeit zu schaffen und andere Menschen mitzunehmen. Das ist ganz wichtig, dass man möglichst viele Menschen ansteckt und sagt: ‚Du, denk einfach mal darüber nach, wie du es machst. Brauchst du jetzt wirklich 27 Shirts oder geht es auch mit fünf? Deinen Schuh kannst du vielleicht doch noch 200 Kilometer mehr tragen? Und ebenfalls wichtig: Mach dich schlau, wo was herkommt!‘

Und was sagst du Unternehmer*innen, die zu euch kommen, und nicht so ganz überzeugt sind, dass das Prinzip der Gewinnmaximierung, ohne Nachhaltigkeitsaspekte zu integrieren, out ist?

Im Prinzip die gleiche Botschaft: Fangt an, euch Gedanken zu machen, was ihr da tut. Das heißt, erstmal herauszufinden, welche Emissionen überhaupt entstehen. Und dann muss man schauen, wo entstehen die, und wie kann man diese reduzieren? Das kann jeder. Das hat letzten Endes mit dem teilweise immer noch herrschenden Prinzip der Gewinnmaximierung wenig zu tun. Und ich sage meinen Kundinnen und Kunden immer: ‚Klimaschutz im Unternehmen, das ist ein Erfolgsmodell‘. Das ist kein nice to have oder was man obendrauf macht, sondern das ist der Zukunftsfaktor für erfolgreiche Unternehmen. Und weiterzumachen wie bisher – das wird nicht mehr lange gehen, sonst wird man vom Markt einfach verdrängt werden.

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Uschi Horner