Autor:
Ulrika Björk CEO, Polygiene®

Challenges of a CEO

Ulrika Björk von Polygiene: „Wir alle sollten weniger waschen“

Wie können wir als Konsumenten mit einfachen Mitteln positiv auf den Textilwirtschaftskreislauf einwirken – und dabei Gutes für uns und die Umwelt tun? Das weiß Ulrika Björk, CEO von Polygiene. In unserer Reihe „Challenges of a CEO“ inspiriert sie in puncto nachhaltigem Umgang mit Textilien, stellt saubere Second-Hand-Projekte vor und weiß, wie die Lösung zu einem besseren ökologischen Fußabdruck in der Sportsbranche aussehen kann.

Ulrika Björk
Polygiene-CEO Ulrika Björk

Ich bin Ulrika Björk, CEO der Polygiene-Gruppe, zu der die 2006 gegründete skandinavische Ingredient Brand Polygiene gehört. Polygiene ist nicht nur Marktführer für Stays-Fresh-Technologien mit geruchshemmenden, antibakteriellen und schützenden Eigenschaften – seit unserer Gründung sehen wir uns auch als wichtigen Eckpfeiler auf dem Weg zu einem nachhaltigeren Umgang mit der Natur. Wir beschäftigen uns mit konkreten Lösungen, um die Lebensdauer von Kleidungsstücken und Produkten zu verlängern, und ihren ökologischen Fußabdruck während ihrer Lebenszeit zu minimieren.

Wir alle müssen unsere Wahrnehmung von Produkten ändern: weg von schnellen Verbrauchsgütern hin zu nachhaltigen, langlebigen Konsumgütern. Das ist unsere Mission und der Grund, warum wir permanent nach weiteren technologischen Innovationen forschen, um ein achtsames Leben im Umgang mit der Natur zu ermöglichen. Um dies vollständig umzusetzen, brauchen wir aber das Bewusstsein und die aktive Beteiligung der Verbraucher*innen.

Ulrika Björk auf einem Schiff
Für Verbraucher ist es wichtig zu wissen, wie sie den ökologischen Fußabdruck von Kleidungsstücken verringern und deren Lebensdauer verlängern

Die Kraft für positive Veränderungen liegt bei jedem*r

Die Textilindustrie verzeichnet höhere CO₂-Emissionen als der weltweite Luft- und Seeverkehr. Klar ist: Das muss sich schnell ändern. Und es ist auch klar, dass laut GHG Protocol (Das GHG Protocol gilt als der verbreitetste Standard zur Erstellung von Treibhausgasbilanzen – Anm. d. Red.) die Marken für den gesamten Bekleidungszyklus verantwortlich sind, einschließlich der Verwendung der verkauften Produkte. Aber auch Verbraucher sind in der Verantwortung und können einen Beitrag leisten: Laut der McKinsey-Studie „Fashion on Climate“ liegt der Einfluss von Verbraucher*innen bei 18 Prozent, um Einsparung von CO₂-Emissionen in der Textilindustrie zu erwirken. Es ist wichtig, sich dieses große Potenzial klarzumachen, indem man bewusst konsumiert, sich sorgsam überlegt, wie viel man kauft und wie man die Kleidung pflegt, solange man sie hat.

In diesem Sinne besteht meine größte Herausforderung als CEO darin, die Endverbraucher*innen auf ihrem Weg zu einem achtsamen Leben, Möglichkeiten aufzuzeigen, um einen Beitrag leisten zu können. Unsere Technologien sind für das Auge unsichtbar, daher ist die Kommunikation über die Funktion und ihre Vorteile entscheidend. Wenn es uns – in Zusammenarbeit mit all unseren Partnern – gelingt, die Botschaft zu vermitteln und das Bewusstsein der Konsument*innen zu schärfen, können wir gemeinsam den ökologischen Fußabdruck von Kleidung und Produkten erheblich verringern.

Mehr über die Stays-Fresh-Technologie von Polygiene:

Natur- und Umweltbewusstsein: Positiver Corona-Effekt

Bevor wir als Industrie die Chance haben, zu zeigen, warum und wie jede*r Umweltressourcen sparen kann, müssen die Menschen ein persönliches Bedürfnis und Interesse haben, zuzuhören. Glücklicherweise ist es offensichtlich, dass die Verbraucher*innen beginnen, ihr Konsumverhalten zu ändern, und das Streben nach einem nachhaltigeren Lebensstil zunimmt.

In dieser Hinsicht hat Covid-19 einen positiven Effekt gehabt: Die Menschen haben durch die Pandemie und ihre Einschränkungen mehr Zeit draußen verbracht, und viele von uns haben erst dadurch wieder eine starke Verbindung zur Natur gefunden. Das hat den Blick für den wichtigen Megatrend Nachhaltigkeit geschärft und damit die Bereitschaft, umweltfreundlich zu handeln.

Höhere Energie-Preise können Verhalten zusätzlich beeinflussen

In Schweden haben sich die Strompreise in bestimmten Zeiträumen fast verdoppelt, in anderen Ländern sind wir mit ähnlichen Situationen konfrontiert. Dies könnte einen zusätzlichen Anstoß geben, der die Menschen dazu bringt, ihr Verhalten aufgrund dieser äußeren Anforderungen zu ändern.

Dennoch höre ich manchmal von der Industrie, dass unsere Technologien zwar aufregend klingen, aber Zweifel bestehen, ob sie das Verhalten der Verbraucher*innen wirklich in positiver Weise beeinflussen können.

Starke Allianzen aufbauen, Menschen sensibilisieren

Natürlich ist es für uns als Ingredient Brand eine große Herausforderung, den nachhaltigen Mehrwert unserer Technologie sichtbar zu machen sowie die funktionale und nachhaltige Botschaft direkt an die Verbraucher zu bringen. Aber das ist so wichtig! Deshalb werde ich nicht müde, darüber zu sprechen. Und über die Herausforderung, vor der wir alle als Verbraucher*innen stehen: Unsere Einstellung gegenüber Kleidung zu ändern, damit wir alle gemeinsam zu einem nachhaltigeren Umgang beitragen können. 

Aus diesem Grund haben wir auch unser Marketing- und Kommunikationsteam auf zwölf Mitarbeiter verstärkt, bauen weiterhin starke Allianzen mit unseren internationalen Partnermarken auf und investieren auch in die direkte Verbraucherkommunikation.

Kleidung der Velocity Ultra Collection
Kleidungsstücke der Velocity Ultra Collection von der internationalen Marke MP Activewear (Partner von Polygiene) bleiben länger frisch und müssen weniger gewaschen werden

Herausforderung: Kleidung länger tragen, weniger waschen

Waschgänge einzusparen ist nicht so leicht messbar. Leichter zu messen ist, ob man etwas zweimal statt einmal trägt, bevor man es wäscht. Wenn du dir angewöhnst, dein T-Shirt zwei bis dreimal zu tragen, bevor du es wäscht, sparst du Waschgänge – und vor allem verlängert das die Lebensdauer eines Kleidungsstücks.

Zu viel Waschen: Negative und globale Auswirkungen

In der Tat waschen wir zu oft. Und zahlreichen Studien zufolge hat sich die Anzahl von Waschgängen im Laufe der Jahre leider erhöht. Sauberkeit ist ein erlerntes Verhalten, aber wir müssen versuchen, ein gutes Gleichgewicht zwischen Hygiene und Nachhaltigkeit zu finden. Ein Grund für die unnötigen Waschgänge: Saubere Kleidung vermittelt Selbstbewusstsein. In einer unserer Studien gaben 90 % der Befragten an, dass riechende Kleidung ihr Selbstvertrauen zerstören kann. So ist es nicht verwunderlich, dass 1/3 der Befragten ihre Kleidung wegen unangenehmer Gerüche zu früh entsorgt. Mit unseren Technologien lässt sich dies in den meisten Fällen vermeiden.

Wertvolle Wasserressourcen einsparen

Wenn wir es schaffen, nur eine Ladung Wäsche pro Woche einzusparen, sparen wir 45-120 Liter Wasser - je nach Alter der Waschmaschine und Waschgang. Das sind durchschnittlich rund 4.000 Liter Wasser pro Haushalt, also 26 Badewannen voll Wasser.  Bei 5,97 Millionen Privathaushalten in Schweden haben wir das Potenzial, 23,88 Milliarden Liter Wasser pro Jahr einzusparen, wenn wir nur eine Waschladung pro Woche auslassen. Was für eine Zahl, und was für eine Kraft, die wir haben!

How to: Weniger schädliche Microfasern ins Wasser ausspülen

Jedes Mal, wenn synthetische Kleidung gewaschen wird, werden schädliche Mikrofasern aus der Kleidung herausgewaschen. Nach einer Hochrechnung einer Studie der International Union for Conservation of Nature stammen 35 % des Mikroplastiks im Meer aus dem Faserabrieb synthetischer Textilien beim Waschen. Jeder eingesparte Waschgang hilft also auch hier. Außerdem bedeutet weniger Waschen auch weniger Waschmittel, das ins Wasser gespült wird. Und weniger Waschen bedeutet natürlich auch, dass wir weniger Energie verbrauchen. Wer weniger wäscht, spart also nicht nur wertvolle Zeit, sondern schont auch seinen persönlichen Geldbeutel und die Umwelt.

Der Schlüssel: Verlängerung der Lebensdauer von Kleidungsstücken

Das ist das Beste, was wir für die Umwelt tun können: Produkte länger in Gebrauch halten – deshalb ist der erste Schritt, weniger Produkte zu kaufen, dafür aber von besserer Qualität. Also Lieblingsstücke kaufen statt Fast Fashion.

Der wichtigste Faktor, der sich auf die Haltbarkeit eines Kleidungsstücks auswirkt, ist das Waschen und Trocknen. Bei jedem Waschgang können Teile der Fasern abreißen, das Gewebe wird dünner, die Fasern verlieren an Festigkeit. Das Gleiche gilt für die Farben: Sie werden blasser, weil der Farbstoff allmählich ausgewaschen wird. Nicht umsonst wird die Haltbarkeit oder der Verschleiß von Kleidung in der Industrie durch wiederholte Waschgänge getestet.

Ein Hauptfaktor ist also wieder das Waschen. Ein Beispiel: Gehen wir von einer Person aus, die zweimal pro Woche trainiert und nach jedem Training ihre Kleidung wäscht - was 70 % immer noch tun: Wenn diese Person stattdessen nur einmal pro Woche (oder nach jedem zweiten Gebrauch) waschen und nicht den Trockner verwenden würde, würde sich die Lebensdauer der Sportbekleidung um bis zu 20-40 % erhöhen. Und bei einer Verdoppelung der Lebensdauer eines Kleidungsstücks halbiert sich im Prinzip auch der Kohlenstoff-Fußabdruck (49 %). Oder weitere Fakten in diesem Zusammenhang: Die Verlängerung der Lebensdauer von Kleidung um weitere 9 Monate würde den Kohlenstoff-, Abfall- und Wasserfußabdruck um jeweils 20-30 % verringern. Beeindruckende Zahlen, oder nicht?

Wie kann die Kleidung wieder in das System zurückgeführt werden?

Und wenn du ein Kleidungsstück nicht mehr nutzt – aus welchem Grund auch immer: Lässt du es dann ungenutzt im Schrank liegen, wirfst du es weg, oder verlängerst du seine Lebensdauer, indem du es auf dem Secondhand-Markt wieder in den Umlauf bringst, um ihm ein zweites Leben zu geben?

Herausforderung: Second-Life-Kleidung muss sich hygienisch frisch anfühlen

In diesem Fall ist es wichtig, dass die Kleidung „aufgefrischt“ wird – denn das ist die größte Hürde für den Kauf von Second-Hand: Die Kleidung sollte sich frisch anfühlen. Dazu wollen und können wir mit unseren Technologien beitragen.

Ein Beispiel ist das Pilotprojekt, das wir mit der italienischen Denim-Marke Diesel durchgeführt haben: Im November 2021 startete die Marke eine neue Initiative zur Verlängerung der Lebensdauer ihrer Produkte. Von Verbrauchern getragene Kleidungsstücke konnten in ausgewählten Geschäften abgegeben werden und wurden dann aufbereitet und als Diesel SECOND HAND wieder auf den Markt gebracht. Die Wiederaufbereitung umfasste die Reinigung, kleinere Reparaturen und ein Rebranding, bei dem jede Jeans mit dem SECOND HAND-Logo versehen wurde. Im letzten Schritt wurde jedes Kleidungsstück mit den Technologien Polygiene OdorCrunch™ und Polygiene ViralOff™ behandelt. Dieser Schritt verleiht der Denim antimikrobielle, geruchshemmende und Kleidung schützende Eigenschaften - wodurch die Produkte länger hygienisch „frisch“ bleiben. Infolgedessen müssen sie dann auch seltener gewaschen werden, was wiederum die Lebensdauer dieser Jeans weiter verlängert.

Jeans der Marke Diesel
Aufgefrischt mit Polygiene: Die Diesel SECOND HAND Denim-Kollektion

Aus zweiter Hand: Verringerung des CO₂-Fußabdrucks und Schonung des Geldbeutels

Dank dieser und ähnlicher Initiativen, die tolle Produkte auf den Second-Hand-Markt bringen, wächst der zirkuläre Modemarkt – und die Assoziation mit verstaubter, muffiger Second-Hand-Ware gehört der Vergangenheit an. Hinzu kommt, dass Second-Hand-Ware auch dank des Megatrends Digitalisierung über Online-Dienste und -Portale einfacher, gezielter und schneller zugänglich ist. Hier finden Shopping-Victims also eine echte Alternative zu Fast Fashion, die den Planeten und den Geldbeutel schont. Kein Wunder also, dass der Markt für Second-Hand-Kleidung laut dem ThredUp Resale Report 2021 bis 2029 fast doppelt so groß sein soll wie das Fast-Fashion-Segment.

Sharing is caring

Ich möchte alle Marken dazu ermutigen, sich intensiv damit zu beschäftigen, Produkten ein zweites Leben zu geben. Als Ingredient Brand haben wir Erfahrungen aus und in verschiedensten Branchen, die wir einbringen können. Und wir sind mehr als offen dafür, unser technisches Know-how und unsere Kenntnis zu teilen. Lasst uns als Branche die Köpfe zusammenstecken und die Herausforderung annehmen, Second-Hand-Initiativen auf effiziente, umweltfreundliche Weise weiter auszubauen – denn der Austausch von Erfahrungen kann ein gemeinsames Ziel nur bereichern.

Inside Polygiene: umweltfreundliches Verhalten und Aktivitäten erwünscht

Ich denke, wann immer man etwas Großes in Angriff nimmt, ist es wichtig, Gleichgesinnte zu finden – und einander auf dem Weg nach vorne zu inspirieren, zu ermutigen und zu pushen. Das tun wir auch als Kollegen im Unternehmen: Jede*r von uns ist angehalten auch im Büro sparsam mit Ressourcen wie Strom und Energie umzugehen - hier spielt auch Kreativität und Einfallsreichtum eine große Rolle. Genauso wie wir alle genau prüfen, ob Reisen wirklich notwendig sind und ob wir statt Flugreisen alternative, umweltfreundlichere Verkehrsmittel nutzen können. Wir nutzen auch gemeinsame Aktivitäten, um einen Beitrag zu leisten: Zum Beispiel gehen wir regelmäßig zum „Plogging“, einer Kombination aus Joggen und Müllsammeln. Denn auch kleine Dinge und Details tragen zum großen Ziel eines achtsamen Lebens bei. Das sollten wir nie vergessen.

Artikel teilen
Autor:
Ulrika Björk CEO, Polygiene®

Kommentare