INTERVIEW | 07.10.2022

The North Face Summit Series: Footwear für Alpinisten

Profi-Bergsteiger David Göttler im Interview
Autor:
Martina Wengenmeir

Schnee, Eis, Fels: Extreme Bedingungen fordern passendes Schuhwerk. Vor allem, wenn es darum geht, den höchsten Berg der Welt zu besteigen. Im ISPO.com Interview mit Profi-Bergsteiger David Göttler geht es um seine Erfahrungen, aber auch ums Material: Was er allein am Mount Everest erlebt, welchen Schuh er dabei getragen hat und wie er in die Entwicklung der neuen Summit Series Footwear-Kollektion von The North Face eingebunden war, die jetzt in die Läden kommt.

ISPO.com: Zuallererst: Gratulation zur Besteigung des Mount Everest. Kannst du ein bisschen was darüber erzählen? Wie ist es jetzt, nachdem etwas Zeit vergangen ist und du den Tag Revue passieren lassen konntest?

David Göttler: Vielen, vielen Dank erstmal. Dieses Jahr hätte für mich echt nicht besser sein können. Am Ende vor allem dieser eine Tag, an dem alles perfekt passen muss. Und das hat es auch. Ich war ganz alleine am Gipfel und habe dann auch zurück bis zum berühmten Hillary Step niemand getroffen. Das gibt es, glaube ich, sehr selten am Everest. Keine Ahnung, wann das letzte Mal jemand ohne Sauerstoff, ohne Sherpa, wirklich ganz alleine dort für diese lange Zeit unterwegs war. Und irgendwie auch die Belohnung nach 2019, als ich 400 Meter vor dem Gipfel umgekehrt bin, weil zu viele Leute unterwegs waren. Es ist super schwer, das zu beschreiben, was da oben dann alles in einem so vorgeht.

Erlebnisse fürs Leben bei der Expedition auf den höchsten Berg der Welt in Nepal

Wie war es dann am Gipfel selbst zu stehen? 

Ich war so fünf bis sechs Minuten am Gipfel, denn man möchte das ja auch genießen. Natürlich habe ich mich gefreut und es fällt dann so von einem ab. Gleichzeitig war ich angespannt und hatte großen Respekt, denn man muss ja auch wieder heil runterkommen. Zwar dauert der Rückweg nur halb so lange wie der Aufstieg, gleichzeitig ist eben auch der Körper total am Limit. Man geht 20 Meter und muss sich wieder hinsetzen und ausruhen. Der größte Fehler beim Bergsteigen ist aus meiner Sicht, die Linie am Gipfel oben zu ziehen. Das ist erst Halbzeit, geschafft haben wir es bei einer Expedition, wenn wir wieder heil im Basislager ankommen.

Der Torre Egger von The North Face lässt sich Ganzjahres-Klettermodell mit unschlagbarer Gelände- und Temperaturanpassung vielseitig einsetzen

Wie war es für dich allein unterwegs zu sein, ohne Partner?

Es hat seine Vor- und Nachteile, würde ich sagen. Ein Vorteil mit Partner ist natürlich, dass man sich besprechen, Verhältnisse diskutieren und Strategien gemeinsam entwerfen kann. Ohne Partner muss man Entscheidungen ganz anders angehen, selbst wenn ich mich im Vorfeld viel mit anderen Alpinisten ausgetauscht habe. 

Ich habe auch nie gesagt, ich bin solo den Everest hochgekommen. Das habe ich teils gelesen, aber widerspreche dann immer. Am Everest haben wir kein Solo-Bergsteigen mehr. Ich bin solo mit 600 anderen unterwegs. Das ist etwas anderes, als wenn ich wirklich alleine an einem Berg unterwegs bin. Trotzdem muss ich ohne Partner anderes Risikomanagement betreiben. Dort oben hilft dir erstmal keiner, wenn etwas passiert. Dass auf 8600 Meter die Bergwacht ausrückt, wäre blauäugig zu glauben und erwarte ich auch überhaupt nicht.

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Hast du irgendwelche Blessuren davongetragen?

Zum Glück nicht. Ich hatte keine Erfrierungen. Die Hände hat man noch besser im Griff, aber die Zehen in den Schuhen sind immer das große Thema. Da war ich absolut happy, dass das System, das ich mit The North Face zuvor erarbeitet hatte, so gut funktioniert hat. 

Die Lunge habe ich natürlich gespürt durch die Höhe, weil die Atemfrequenz da oben einfach abartig ist. Man muss wirklich ganz sensibel mit seinem eigenen Körper und Körpergefühl umgehen, wenn man alleine unterwegs ist. Denn da kann dich kein anderer kontrollieren, ob es dir noch gut geht.

Und um noch eins zu sagen: Ich bin aber auch schon zweimal umgedreht. Das ist mein dritter Versuch gewesen. Genauso natürlich die Vorbereitung, dass man sich körperlich fit hält und auch von der Ausrüstung eben maximal gut vorbereitet. Ich drehe unglaublich oft um, wenn etwas nicht passt, weil ich über Jahre Erfahrungen gesammelt habe. Das sollte man für weniger Erfahrene unbedingt betonen. Sonst schaut es so aus, als braucht man halt Glück. Das braucht man auch auf alle Fälle. Genauso alle anderen Bausteine, um Bergsteigen möglichst lang ohne Unfälle betreiben zu können.

Universell im alpinen Einsatz: The North Face Torre Egger

Da du schon die Füße angesprochen hast: Welche Rolle hat das Material und haben speziell die Schuhe gespielt?

Die Ausrüstung ist für mich persönlich super wichtig. Ich schaue total akribisch auf jedes Detail und versuche, das Beste herauszuholen um mir das Leben auf Expedition leichter zu machen. Leicht ist dabei das Stichwort, denn ich muss ja alles selbst tragen, weswegen das Gewicht unglaublich entscheidend ist für mich. Ich gehe ohne Sherpa, deswegen versuche ich da zu optimieren. Aber es ist eine Gratwanderung. Wenn es zu leicht wird, dann geht es eher kaputt und schützt nicht mehr so gut, dann erfrieren vielleicht die Zehen. Deshalb muss man eine gute Mischung zwischen leicht, stabil und warm genug finden. Das hat viele Runden bei der Entwicklung von Prototypen gebraucht, auch gemeinsam mit anderen Athleten. Ich hatte meine speziellen Anforderungen an den Schuh, die sich aus meinen Erfahrungen über Jahre im Expeditionsgeschäft entwickelt haben.

Herausgekommen ist der Torre Egger, mit dem du auf dem Everest warst. Was ist das Besondere an dem Schuh?

Für mich ist der Torre Egger von The North Face ein Schuh, den es so noch nicht in diesem Schuhbereich gibt. Einfach vom Lagensystem her, aus dem er besteht. Für meine Expedition habe ich den Schuh mit einer Übergamasche wärmer gemacht und auch leichter. Im Prinzip ist es aber genau der Schuh, der jetzt auch in die Läden kommt. 

Neu daran ist, dass ich die Temperatur anpassen kann, indem ich einen dünneren Innenschuh nehme oder einen wärmeren. Dieses System mit dem Innenschuh habe ich im Moment eigentlich nur bei 6000er Schuhen und bei einem Schuh, der sich super geht. Hier müssen wir ein bisschen Aufklärungsarbeit leisten, denn es ist zwar ein Schuh mit herausnehmbarem Innenschuh, aber er hat den gleichen Gehkomfort wie ein technischer Bergschuh. Die Sohle ist beweglicher als bei hochalpinen Schuhen, in denen man immer eher unrund geht. Vorteil ist auch, dass ich ihn trocknen und in der Nacht mit in den Schlafsack nehmen kann.

Als wir mit dem Projekt angefangen haben, war ich überzeugt, dass wir es nicht schaffen, einen Schuh mit leichtem Gewicht zu bauen, der diesen herausnehmbaren Liner integriert. Aber jetzt kommt er in die Läden.

David Göttler auf dem Weg zum Gipfel des Mount Everest

Wie warst du in den Entwicklungsprozess involviert? 

Wir waren eigentlich drei Athleten, die hier intensiv einbezogen worden sind und für mich war das super, da ich ja schon eine Weile im Expeditionsbusiness bin und deshalb auch meine eigenen speziellen Anforderungen an einen Schuh habe. Wir haben also die Prototypen ausprobiert und dann Feedback zurückgespielt. Das waren dann Sachen wie: Das Material hier funktioniert super, aber an anderer Stelle nicht so gut. Drückt etwas? Können wir noch etwas ändern, zum Beispiel den Verschluss eher hierhin setzen oder dort? Ich liebe diesen Prozess und probiere auch zu Hause sehr gerne herum, um zu optimieren, bevor wir wieder in den Workshop gehen. Genauso überlege ich, wie sich meine eigenen Bedürfnisse mit denen vom Endverbraucher vielleicht unterscheiden.

Apropos Endverbraucher: Worin liegt zusammengefasst der Mehrwert beim Torre Egger?

Normalerweise müsste der ja zwei verschiedene Schuhe kaufen, für die unterschiedlichen Temperaturbereiche. Mit dem Torre Egger kann man aber vom technischen Klettern bis hin zur alpinen Hochtour verschiedene Aktivitäten mit einem Schuh abdecken. 

Wenn ich jetzt nur im Sommer wandern gehe, dann kann ich sicher einen leichteren, einfacheren und vor allem billigeren Schuh finden. Aber sobald du mit Steigeisen irgendwie auch mal unterwegs sein möchtest und quasi alle Facetten von Hochtouren machst, dann ist der Schuh schon einer, der absolut empfehlenswert ist. Und ich bin echt gespannt, wohin ihn die anderen Athleten noch so mitnehmen.

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Autor:
Martina Wengenmeir
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