People/17.05.2021

Jan-Lennard Struff - Mut zum Risiko

Wir benötigen Ihre Zustimmung, um die Bewertungsfunktion zu aktivieren!

Diese Funktion ist nur verfügbar, wenn eine entsprechende Zustimmung erteilt wurde. Bitte lesen Sie die Details und akzeptieren Sie den Service, um die Bewertungsfunktion zu aktivieren.

Bewerten
Merken

Jan-Lennard Struff hat sich mit seinem knallharten Offensivspiel im Profi-Tennis kontinuierlich nach oben gearbeitet. Mit ISPO.com spricht Deutschlands Nummer Zwei über die Rolle des Risikos in seinem Sport: Von Mut zum Winner-Schlag auf dem Platz über Gedanken in Matches gegen Djokovic, Federer und Nadal bis zur enormen finanziellen Belastung gerade in den Anfangsjahren der Karriere.

Tennis-Profi Jan-Lennard Struff im Match
Jan-Lennard Struffs höchste Weltranglistenplatzierung war bislang Rang 29.

Jan-Lennard Struff gehört zu den 50 besten Tennisspielern der Welt. Die deutsche Nummer Zwei hinter Alexander Zverev hat sich über Jahre hinweg kontinuierlich an die Weltspitze herangearbeitet. Im Mai 2021 erreichte Struff, der für seine knallharten Aufschläge und sein offensives Tennis bekannt ist, in München erstmals ein Finale auf der ATP-Tour.

Mit ISPO.com sprach der 31-Jährige über sein erstes Finale, seinen riskanten Spielstil und warum die Entscheidung, Tennisprofi zu werden, auch finanziell ein Risiko ist.

 

Tennis-Profi Jan-Lennard Struff im Porträt
Jan-Lennard Struff ist seit 2009 Tennis-Profi.
Bildcredit:
Topseed

ISPO.com: Du hast erst kürzlich in München dein erstes Finale auf der ATP World Tour gespielt und gegen Nikoloz Basilashvili verloren. Überwiegt derzeit noch die Enttäuschung oder ist dein Hunger auf den ersten Titel auf der Tour jetzt umso größer?
Jan-Lennard Struff: An dem Tag, als ich das Finale verloren habe, hat die Enttäuschung natürlich überwogen. Ich hätte auch ganz gerne den Titel gewonnen, ganz klare Sache. Auf deutschem Boden meinen ersten Titel zu gewinnen, wäre mega gewesen. Mit etwas Abstand blicke ich nun so zurück: dass es eine gute Woche war, dass ich auf jeden Fall darauf aufbauen und natürlich irgendwann den Titel holen kann.

Hat sich dein erstes Finale auf der Tour auf dem Platz anders angefühlt als andere Matches oder schaltest du solche Gedanken komplett aus?

Nein, im Finale zu stehen ist einfach etwas besonderes. Ich habe mich natürlich so fokussiert, das Match zu gewinnen, aber dieses Spiel, wenn man zu den letzten beiden Spielern im Einzel gehört, ist schon etwas Besonderes.

Matches gegen Djokovic & Co.: „Gegen diesen Respekt spielt man dann auch“

Würdest du sagen, dass du auf dem Platz eher Draufgänger oder Taktiker bist? Wie drückt sich das aus?
Ich würde eher sagen, dass ich einen aggressiven Stil verfolge, schneller auf den Ball gehe und kürzere Punkte erzwingen möchte.

Was ist die richtige Balance im Tennis zwischen dem Durchziehen des eigenen Spiels und der Anpassung an Stärken und Schwächen des Gegners?
Man muss auf jeden Fall beides beachten. Gut auf den Gegner vorbereitet sein, aber trotzdem auch am Eigenen festhalten.

Wie baust du dich im Spiel wieder auf, wenn du merkst, dass du zu viele leichte Fehler machst?
Sich wieder aufzubauen, ja, das ist nicht so leicht. Man muss immer dran bleiben. Sonst geht’s nicht. Daher ist eine positive Motivation im Allgemeinen immer sehr wichtig.

Du hast schon diverse Matches gegen die Big Three gespielt, bislang noch sieglos. Wie hast du es auf dem Platz wahrgenommen? Muss man in Duellen gegen Federer, Nadal und Djokovic noch mehr Risiko als sonst gehen, um Land zu sehen oder wird man von ihnen erdrückt?
Ja, man weiß natürlich, wer auf der anderen Seite steht und dann kommen halt ein paar Bälle mehr zurück und man muss dementsprechend ein bisschen mehr Risiko gehen oder muss manchmal gefühlt ein bisschen mehr machen - oder hat das so zumindest in seinem Kopf. Und das kommt nicht von ungefähr, die drei haben sich sehr viel Respekt erarbeitet - und gegen diesen Respekt spielt man dann auch.  

In einem Interview hast du einmal gesagt, du gehörtest „nie zu den besten Nachwuchsspielern in Deutschland“. Hattest du einen Plan B in der Tasche, falls es mit dem Profitennis doch nicht klappt?
Einen Plan B hatte ich in der Tasche, ich habe Abitur gemacht und hätte es mit dem Durchbruch nicht geklappt, hätte ich irgendetwas studiert. Vielleicht wäre ich in den USA zum College gegangen oder ich wäre dem Tennissport auf andere Art treu geblieben.

Gab es den einen Moment oder das eine Match, an dem dir klar war, dass du es zum Profi packst?
Dass ich Profi werde? Nein, das war so ein Prozess, würde ich sagen. Nach der Schule wusste ich einfach nicht, wie gut ich bin. In der Jugend war ich nicht so gut wie viele andere, aber dann ist es klarer geworden, dass ich so einige Leute schlagen kann. Dann spürt man das.

Tennis als Risiko: „Man muss da investieren, sonst kann man nicht weit kommen“

Du selbst bist am Anfang deiner Karriere bei 20 ATP-Turnieren angereist, um jeweils in der Qualifikation auszuscheiden, ehe du es erstmals ins Hauptfeld geschafft hast. Welches finanzielle Risiko geht man als Tennis-Profi gerade zu Beginn der Karriere ein?
Am Anfang der Karriere ist das Risiko natürlich sehr groß, Tennis ist ein sehr teuer Sport. Man muss da investieren, sonst kann man nicht weit kommen. Und deswegen war es klar, dass es gemacht werden muss. Die Trainerkosten, die Reisekosten und alle weiteren Kosten sind enorme Summen, die kaum mit anderen Sportarten vergleichbar sind. Ohne Unterstützung, ohne meine Eltern, meine Sponsoren hätte ich nicht professionell Tennis spielen können. 
Zum Glück konnte ich diese Belastung immer sehr gut von mir fernhalten, wollte einfach nur Tennis spielen und meine Eltern haben den Druck auch nicht auf mich übertragen. 

Und dann fiel fast das komplette vergangene Tennisjahr wegen Corona aus. Viele Profis und Nachwuchsspieler konnten plötzlich kein Geld mehr auf dem Platz verdienen ...
Corona war natürlich nicht gut, als Profi hat man nur begrenzt Zeit für seine Karriere. Da ist doch einiges an Preisgeldern weggebrochen. Trotzdem können wir unseren Sport zum Glück noch ausüben, da geht es uns besser als anderen.

Wie wirkt sich dieses finanzielle Risiko im Kopf auf dem Platz aus?
Ich habe das ganz gut von mir fernhalten können, würde ich sagen. Wenn du den Weg gehen möchtest, wenn man die Beträge sieht, die man gewinnen kann, ist das manchmal förderlich und manchmal nicht förderlich. Aber generell kann ich das gut ausblenden.

„In den Top 100 wurde es dann richtig lukrativ“

Ab wann hat der Tennissport für dich begonnen, finanziell profitabel zu werden?
In Deutschland ist es so, dass man natürlich ein bisschen was bekommt, wenn man in der Bundesliga spielt und dann damit Turnierreisen finanzieren kann. Es kommt immer drauf an, wie viel man investiert und wie viel man macht. Deswegen würde ich sagen, dass es lukrativ geworden ist ab Platz 200, 150 im ATP Ranking. In den Top 100 wurde es dann richtig lukrativ.

Außerhalb des Platzes machst du dich für die Bekämpfung des Klimawandels stark. Wie können Spieler und Organisatoren im Tennis dabei beispielhaft vorangehen?
Für die Umwelt einsetzen finde ich wichtig, da bin ich in den letzten zwei bis drei Jahren immer mehr drauf gestoßen, da mich das interessiert und man sich engagieren kann. Marcus Daniell, ein neuseeländischer Tennisspieler, hat eine Organisation ins Leben gerufen, die Athleten gemeinsam zu dem Thema zu begeistern. Das unterstütze ich auch gern.

Themen dieses Artikels