Interview zum 50. Geburtstag der Höhenbergsteigerin

Gerlinde Kaltenbrunner: „Mit Yoga würde ich im nächsten Leben früher beginnen“

Gerlinde Kaltenbrunner ist Höhenbergsteigerin, erste Bezwingerin aller 14 Achttausender ohne mitgeführtem Sauerstoff und ausgebildete Krankenschwester. Im Interview mit ISPO.com blickt sie zu ihrem 50. Geburtstag mit großer Zufriedenheit, Dankbarkeit und Freude zurück.

Höhenbergsteigerin Gerlinde Galtenbrunner wird 50.
Höhenbergsteigerin Gerlinde Galtenbrunner wird 50.

Gerlinde Kaltenbrunner hat alle 14 Achttausender ohne zusätzlichen Sauerstoff und ohne Hochträger bestiegen. Sie gehört zu den erfolgreichsten Höhenbergsteigerinnen der Welt, wurde 2016 mit dem ISPO Pokal ausgezeichnet. Nach ihrer Scheidung von Ralf Dujmovits 2015 - mit dem sie teilweise in Deutschland lebte - ging die gebürtige Oberösterreicherin wieder zurück in ihre Heimat und lebt am beschaulichen Attersee. In ihrem Leben spielen neben den Bergen und der Natur eine vegane Ernährung, Meditation und Yoga eine große Rolle – auf Rekorde legt sie hingegen keinen Wert.

Die Extrembergsteigerin Gerlinde Kaltenbrunner wird am 13. Dezember 50 Jahre alt. Ein gute Gelegenheit, die letzten Jahre Revue passieren zu lassen. Ein Gespräch über Dankbarkeit und Freude, tiefe Stille auf mächtigen Gipfeln sowie Geduld und Selbstreflexion.

Gerlinde Kaltenbrunner: Nach Lawinenunglück am Scheideweg

ISPO.com: Wenn Du die letzten Jahrzehnte Revue passieren lästt. Was zählt zu Deinen persönlichen Highlights und was hättest Du mit dem Wissen von heute vielleicht anders gestaltet?
Gerlinde Kaltenbrunner: Als erstes kommt mir der K2 von der Nordseite in den Sinn. Damals die letzten Schritte zum höchsten Punkt dieses mächtigen, wunderschönen Berges setzen zu dürfen, die plötzlich einsetzende tiefe Stille in mir zu spüren, das Gefühl eins zu sein mit Allem, zählt sicher zu meinen absoluten Highlights und bin sehr dankbar dafür. Einzig mit Meditation und Yoga würde ich im nächsten Leben schon in jungen Jahren beginnen.

Du hast Berggeschichte geschrieben – gab es auch Zeiten, in denen Du an Deinem Beruf als Profi-Bergsteigerin gezweifelt hast?
Nein, hatte nie daran gezweifelt. Als ich jedoch nach dem Lawinenunglück am Dhaulagiri zum ersten Mal wieder in einem Hochlagerzelt die Nacht verbrachte (am Broad Peak), verließ ich nachts unzählige Male das Zelt, um zu kontrollieren, ob wir es auch an einem wirklich sicheren Platz aufgestellt hatten. Ich entwickelte einen richtigen Kontrollzwang und konnte nicht schlafen. Damals musste ich am nächsten Morgen eine klare Entscheidung treffen. Entweder packe ich meine Sachen zusammen und höre mit dem Höhenbergsteigen auf oder ich entscheide mich ganz bewusst wieder dafür, ins Leben zu vertrauen und darauf, bestmögliche Entscheidungen zu treffen. Ich entschied mich für das Zweite.

Projekt für Kinder in Nepal als großer Traum

Du feierst am 13. Dezember Deinen 50. Geburtstag – Freude oder Wehmut – was überwiegt?
Freude und große Dankbarkeit für mein bisheriges Leben mit allen Höhen und Tiefen. Dankbar für all die Erlebnisse und Erfahrungen und die vielen, wunderbaren Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen in unterschiedlichsten Ländern.

Welchen Traum möchtest Du Dir in naher Zukunft unbedingt erfüllen?
Ein großer Traum von mir ist, gemeinsam mit meinem Partner Manfred und der Nepalhilfe Beilngries, in Nepal eine Tagesstätte für Kinder und junge Erwachsene mit Behinderung zu realisieren. Wir haben bereits damit begonnen. Und sehr gerne würde ich nächsten Sommer nach mittlerweile doch 11 Jahren wieder einmal nach Pakistan zu einer Expedition an einem wunderschönen 7000er aufbrechen.

Gerlinde Kaltenbunner hat als erste Frau ohne mitgeführten Sauerstoff alle Achttausender bestiegen.
Gerlinde Kaltenbunner hat als erste Frau ohne mitgeführten Sauerstoff alle Achttausender bestiegen.

Eigene Intuition und gesunde Rückkehr haben höchste Priorität

Höher, weiter, schneller – das Leben als Profi-Bergsteigerin hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Was rätst Du jungen Frauen, die in Deine Fußstapfen treten wollen?
Meine Empfehlung an alle jungen Menschen ist, ganz nach innen zu spüren um zu erkennen, wo ihre wahren Fähigkeiten liegen und ob sie wirklich aus tiefstem Herzen diesen Weg gehen wollen. Begeisterung und Hingabe, Willenskraft, Disziplin, Geduld sowie Selbstreflexion sind sehr gute Voraussetzungen, um seine gesteckten Ziele - egal in welchem Bereich - erreichen zu können. Auf die eigene Intuition hören und die „gesunde Rückkehr“ sollte immer die höchste Priorität haben.

Gerlinde Kaltenbrunner im Portrait

Die Oberösterreicherin wuchs in Spital am Pyhrn auf, wo sie der Gemeindepfarrer am Sonntag nach der Messe auf zahlreiche Bergtouren mitnahm. Die Bergleidenschaft des Pfarrers Dr. Tischler übertrug sich auf die junge Gerlinde Kaltenbrunner und markiert den Einstieg in die Welt der Vertikale. Auch die Liebe zum Klettern geht auf diese Zeit zurück. Während der Ausbildung zur Krankenschwester in Wien nutzt Kaltenbrunner jede freie Minute zum Bergsteigen und Klettern. Mit 23 Jahren erfüllt sie sich mit der Besteigung des Broad Peak Vorgipfels (8.027 m) in Pakistan ihren bis dato größten Traum.

Die Lust mehr hohe Berge zu besteigen war entfacht und sie steckte ihr Krankenschwestern-Gehalt in Expeditionen. Nach der Besteigung des Nanga Parbat 2003, der ihr fünfter Gipfel über 8.000 Meter war, traf sie eine Entscheidung. Die Entscheidung Profibergsteigerin zu werden. Mit der Besteigung des 8.611 Meter hohen K2, dem zweithöchsten Berg der Erde (23. August 2011) ist sie die dritte Frau, die alle 14 Achttausender bestiegen hat – und sie ist die erste Frau, der das ohne zusätzlichen Sauerstoff gelang.

Der Oberösterreicherin ging es dabei aber nie um Rekorde – sondern um ein harmonisches Miteinander – mit den Menschen und mit der Natur. Ein achtsamer, respekt- und liebevoller Umgang mit der Natur und allen Wesen stellen die Grundpfeiler ihres Lebens dar. In Vorträgen und Seminaren gibt sie ihre Erfahrungen weiter und will inspirieren.

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