Dr. Regina Henkel
Autor:
Regina Henkel

Sporthandel: Die besten digitalen Praxisbeispiele für stationäre Geschäfte

Digitale Ideen für stationäre Händler: So entwickelt sich der Handel

Digital versus analog war gestern. Der Symbiose aus beidem gehört die Zukunft. Klar ist: Der stationäre Laden wird in den kommenden Jahren sein Gesicht verändern. Wie das aussehen könnte, weiß noch niemand so genau. Retail-Experten weltweit wetteifern um die besten Ideen, überall entstehen neue Läden und Pop-up-Stores, alle experimentieren mit neuen digitalen Tools und Services, die analoge und digitale Welt verbinden. Wir stellen ein paar wegweisende Beispiele vor – nicht nur aus der Welt des Sports!

Der „Nike by Melrose“-Store kennt dank digitaler Daten seine Kundschaft genau.
Der „Nike by Melrose“-Store kennt dank digitaler Daten seine Kundschaft genau.

Titici und Levi's setzen auf individualisierte Produkte

Titici ist eine italienische Bike-Edelschmiede, die sich auf die Fertigung hochwertiger Rennräder und Mountainbikes spezialisiert hat. Titici hat für den eigenen Onlineshop einen Bike-Konfigurator entwickelt, mit dem Kunden über eine 3D-Software ihr persönliches Bike selbst designen und zusammenstellen können. Inzwischen wurde die Idee auch auf den stationären Store übertragen. In den ‚Titici Innovation Core Shops‘ in Amsterdam und Mailand können die Kunden über Touch-Screen-Konfiguratoren arbeiten.  In den übrigen Shops nutzen die Verkäufer Laptops oder andere Screens, um mit dem Kunden das Fahrrad individuell zusammenzustellen. Für die Zukunft sind noch mehr innovative Touch-Screens in weiteren Shops geplant.

Ebenfalls auf Customization setzt Levi’s in seinem nagelneuen Flagshipstore in New York. Im Erdgeschoss befindet sich der Levi's Tailor Shop, wo Kunden ihre Produkte anpassen und gestalten können. Über iPads können Verbraucher auf eine breite Palette von anpassbaren Optionen zugreifen, darunter vorinstallierte Fotos, Bilder, Logos und Texte.

Nike sammelt Daten für zielgruppen-orientierte Stores

Mit dem Store „Nike by Melrose“ hat Nike Mitte Juli einen neuen Store in Los Angeles eröffnet, dessen Konzeption auf den Daten basiert, die Nike über die lokale Zielgruppe in L.A. gesammelt hat. Über die NikePlus Sport-App kannte Nike die lokale Zielgruppe sehr genau und hat darauf aufbauend das Sortiment gewählt. Nike wusste z.B., dass die dortigen NikePlus-User besonders viel Wert auf Style legen, dass sie Running und Basketball lieben und gerne Wettbewerbe austragen. Also baute Nike einen Store, der genau diese Wünsche berücksichtigte. Da der Store auf die lokale Zielgruppe abgestimmt ist, kann der Store nicht einfach vervielfältigt werden. Der nächste Store unter dem Konzept ‚Nike live‘ soll im Frühjahr in Tokyo eröffnen und ebenso individuell sein.

Eobuwie eröffnet Schuhgeschäft ohne Schuhe

Wie kann man als reiner Onlinehändler innovative stationäre Geschäfte eröffnen? Diese Frage beantwortete der polnische Schuhfachhändler Eobuwie mit seinem neuen Flagshipstore in Breslau, der keine Produkte ausstellt. Stattdessen sind alle Produkte nur virtuell über Bildschirme zu sehen, können aber sofort zur Anprobe bestellt werden.

Von der Rückseite des Ladens kann der Kunde direkt ins Warenlager sehen, in dem rund 110.000 Schuhkartons von 450 Marken lagern. Die Kartons gleiten automatisch aus dem Lagerraum in den Kassenbereich, wo die Schuhe anprobiert und gekauft werden können. Entwickelt wurde das Konzept von der Londoner Agentur Dalziel & Pow. Creative Director David Dalziel sagt dazu: „Dieses ehrgeizige und herausfordernde Konzept verbindet den Komfort des Online-Shoppings mit der schnellen Erfüllung von stationären Stores.“ Außerdem innovativ: Hier verschmelzen Warenlager, Onlineshop und stationärer Store.

Leere Regale: Bei Eobuwie werden die Schuhe nur virtuell präsentiert und auf Wunsch zur Anprobe bestellt.
Leere Regale: Bei Eobuwie werden die Schuhe nur virtuell präsentiert und auf Wunsch zur Anprobe bestellt.

Digitale Devices erweitern das Serviceangebot

Für Luxusmarken ist das Serviceniveau im Geschäft und online erfolgsentscheidend. Die US-Marke Rebecca Minkoff ergänzt deshalb die Stores mit digitalen Zusatzangeboten. So verfügt jeder Laden über intelligente Spiegel in den Umkleidekabinen, die es den Käufern ermöglichen, nach anderen Größen oder Produkten zu suchen, die das, was sie gerade ausprobieren, ergänzen könnten. Bildschirme an Wänden schlagen neue, personalisierte Outfits vor und ermöglichen es den Kunden sogar, Champagner zu bestellen. Nach Angaben der Marke hat der Spiegel mehr Umsatz gebracht: 30 Prozent der Kunden hätten aufgrund der Smart-Mirror-Empfehlungen zusätzliche Artikel anprobiert.

Auch Intersport eröffnete in diesem Jahr in Zusammenarbeit mit Alibaba-Tochter Tmall einen Megastore in Peking. Dort testet das Unternehmen die neuesten digitalen Services im Store. So kann sich der Kunde z.B. per VR-Brille Produktempfehlungen geben lassen und smarte Spiegel liefern dem Kunden weitere Informationen.

Virtuelle Regale erweitern die Produktpalette des Tmall x Intersport Megastores.
Virtuelle Regale erweitern die Produktpalette des Tmall x Intersport Megastores.

Amazon setzt auf Kundenmeinung

Amazon hat mit seinem neuen „Amazon-4 Star“-Konzept den Kunden in den Mittelpunkt gestellt: Das 400 Quadratmeter große Geschäft in New York präsentiert nur Produkte, denen die Kunden im Internet mindestens vier Sterne verliehen haben. Zusätzlich werden Kunden-Rezensionen auf Displays gespielt. Es gibt keine Kassen, die Produkte können direkt beim Tablet-tragenden Personal gekauft werden – und werden selbstverständlich auch nach Hause geliefert werden.

SportScheck ermöglicht ab Q1 2019 mobilen Checkout

SportScheck experimentiert in seinen neuen Filialen immer wieder mit neuen digitalen Tools und Services. Vor Kurzem hat CDO Jan Kegelberg auf Twitter mitgeteilt, dass SportScheck voraussichtlich im ersten Quartal des kommenden Jahres das Bezahlen direkt beim beratenden Verkäufer einführen will. Damit würde dann das Warten an der Kasse entfallen. Gerade wurde in Magdeburg die erste Filiale nach neuem Konzept eröffnet. Zu den neuen Services dort gehört z.B. eine reservierte Umkleidekabine für online bestellte Waren.

Online anzeigen, was vor Ort geboten wird

Das Internet hat schuld daran, dass weniger Kunden in die Geschäfte kommen. Aber das Internet kann auch dafür sorgen, dass es wieder mehr werden. Durch sogenannte Local Inventory Ads. Händler brauchen dafür keinen eigenen Online-Shop. Werbeformate mit lokaler Produktverfügbarkeitsanzeige von Google, Facebook oder speziellen Branchenportalen machen es möglich. Sucht ein Nutzer per Smartphone nach einem Produkt, signalisiert ihm die lokale Anzeige des Händlers, dass der Artikel in einem Geschäft in seiner Nähe verfügbar ist. Diese Werbeform erspart die orientierungslose Sucherei in den verschiedenen Shops.

Dr. Regina Henkel
Autor:
Regina Henkel
Kommentare


Themen dieses Artikels