Autor:
Martin Riebel

Martin Riebel von der Schwan-Stabilo Outdoor-Gruppe

Recycling ist eine Einbahnstraße

In seinem Job sieht sich Martin Riebel als Trainer und setzt auf seine Mannschaft. In unserer ISPO.com-Serie „Challenges of a CEO“ blickt der Geschäftsführer auf die positiven und negativen Effekte der letzten 24 Monate zurück. Außerdem verrät er, wie die Outdoor-Gruppe die Megatrends Digitalisierung und Nachhaltigkeit umsetzt, und welche kreativen Konzepte die Outdoor-Branche jetzt braucht. Und warum Messen wichtig sind.

Martin Riebel beim Klettern
Martin Riebel motiviert Veränderung und ein starkes Team

Mein Name ist Martin Riebel. Outdoorsport ist von jeher meine Passion – privat wie beruflich. Besonders mit den Bergen verbinde ich Freiheit und ein einzigartiges Lebensgefühl: Ob beim Bergsteigen, Mountainbiken oder meiner größten Leidenschaft dem Skisport. Seit 2012 führe ich die Geschäfte der Schwan-Stabilo Outdoor-Gruppe (SSO) mit den Marken Deuter, Ortovox, Maier Sport und Gonso

Vor welche Aufgaben uns der Megatrendbeschleuniger Corona seit dem Ausbruch bis heute stellt, welche kreativen Veränderungen und positive Learnings das mit sich brachte, und was unsere wichtigsten Ziele und Initiativen sind, erzähle ich als Gastautor von ISPO.com.

Das Wichtigste: die Mannschaft – und Ziele klar vor Augen

Als CEO sehe ich mich wie ein Trainer im Sport: Ich verantworte das Gesamtergebnis gegenüber unseren Gesellschaftern, schieße aber wie der Trainer die Tore nicht mehr selbst. Deshalb ist mir die Mannschaft am wichtigsten. Die richtigen Spieler auf der richtigen Position – ausgerichtet auf ein gemeinsames Ziel. 

Und am liebsten gewinnen wir – was uns bisher auch ganz gut gelingt. Ich bin stolz darauf, Teil dieses starken Teams zu sein.

Größte Herausforderung der vergangenen 24 Monate: Corona

Als Teilkonzern Outdoor (Deuter, Ortovox, Maier Sports und Gonso) innerhalb Stabilo, aber auch insgesamt als Teil der Outdoor- und Bike-Branche hatten wir bisher Glück. Zuallererst bin ich froh, dass niemand wirklich ernsthaft krank wurde, und wir alle bisher gut durch diese Zeit kamen. 

Zweitens hat die Pandemie dafür gesorgt, dass kurz gesagt und bekanntermaßen einfach alle raus wollten – egal ob zum Bergsteigen, Biken, Wandern oder Skitourengehen. Einzig der komplette Ausfall des alpinen Ski-Winters in vielen Ländern hat uns bei Maier Sports in 2021 Sorgen bereitet.

Ein Credo bei Ortovox, Teil der SSO: Auf die innere Stimme hören, sich selbst vertrauen und intuitiv das Richtige tun:

Vertriebskanäle: Online war ein Glück – Fachhandel bleibt wichtige Säule

Das bedeutet: Der Gesamtmarkt hat uns in seiner Entwicklung bisher ein schönes Wachstum beschert. Die Herausforderung lag vor allem darin, innerhalb der unterschiedlichen Vertriebskanäle die richtigen Lösungen zu finden. Wir haben versucht den stationären Handel möglichst gut zu unterstützen. Wir haben uns aber auch – vor allem während der Lockdowns und davon beschleunigt – digital so aufgestellt, dass wir den Bedürfnissen der Endverbraucher*innen gerecht werden konnten.

B2C: Eigene Onlineshops haben uns vor finanziellen Einbußen bewahrt

Glücklicherweise haben wir uns bereits vor Corona entschieden, markeneigene Onlineshops für Deuter und Ortovox zu eröffnen. Das hat uns vor allem im Lockdown geholfen, obwohl wir uns lange dagegen gewehrt haben – denn der Fachhandel ist und bleibt eine unserer wichtigsten Säulen: In unserem Onlineshop hat der/die Kund*in deshalb auch die Möglichkeit, sich Deuter- oder Ortovox-Händler anzeigen zu lassen; wodurch der/die Endverbraucher*in sowohl bei uns oder beim Fachhändler – und dort auch vor Ort – einkaufen kann. 

Zudem haben wir die Zahlungsziele des Fachhandels verlängert und waren flexibel bezüglich der Lieferungen. Im Sommer sind der Bike- und Outdoor-Fachhandel wieder zügig in Tritt gekommen, hat von der gesteigerten Nachfrage profitiert und sich gut wieder stabilisiert.

Startseite des Deuter Online Shops
Im Onlineshop von Deuter kann der/die Kund*in sehen, wie er/sie zum nächsten Fachhändler kommt

B2B: Digital die einzige Möglichkeit für zuverlässige Sales Meetings

Eine weitere Herausforderung waren die anstehenden Sales Meetings im Frühjahr. Denn diese durften plötzlich nicht mehr physisch stattfinden. Die einzige Möglichkeit war, digitale Treffen zu organisieren.

Wie aber organisiert man ein komplett virtuelles, internationales Sales Meeting? Und das in kürzester Zeit? Es wurden Filme gedreht, Präsentation aufgenommen, ein Portal zum Transportieren der Informationen ausgewählt und die technischen Voraussetzungen sichergestellt. Zum Sales Meeting gab es virtuelle Live-Präsentationen, Live-Streams, Frage und Antwort-Sessions.

Kreativität und Einfallsreichtum gefragt

So hat die Pandemie viele kreative Lösungen und zahlreiche positive Learnings gebracht, auf die wir auch nach Corona nicht mehr verzichten wollen, und auch nicht können. Unsere Sales Meetings werden künftig ein hybrides Model bleiben. Denn so können wir unsere Botschaften an die physisch anwesenden Geschäftsführer, Key-Account Manager und Verkaufsleiter transportieren, und virtuell auch direkt – und wiederholt abrufbar – an die komplette Außendienstmannschaft und den Innendienst.

Kerninitiative Digitalisierung: Verschlanken und Synergien in der Gruppe nutzen

Vor zwei Jahren haben wir begonnen uns digital komplett neu aufzustellen. Dazu gehört auch eine zentrale IT-Struktur für alle drei Unternehmen der Outdoorgruppe.

Maier Sports mit den Marken Maier Sports und Gonso, Deuter und Ortovox – alle hatten eigene Systeme. Außerhalb von Produkt, Marketing und Sales, die eigenständig bleiben, soll es eine zentrale Struktur geben: Zum einen um das IT-System zu bündeln, zum anderen arbeiten wir an einem gemeinsamen ERP-System (enterprise resource planning) – aus IT-Sicht dem Herzstück eines Unternehmens. Die Vorteile: höhere Transparenz, Effizienz und Geschwindigkeit sowie weniger Kosten. 

Zudem haben wir ein System für unser komplettes B2C-Business. So sind die Systeme im Hintergrund gleich, zum Markt hin behalten die Marken ihre Eigenständigkeit.

Drei Menschen springen hoch
Digitaler Fortschritt ist wichtig – dennoch brauchen Menschen persönliche Kontakte

Messen sind wichtig und müssen bleiben

Bei aller digitalen Effizienz: Wir sind und bleiben Menschen. Und wir müssen uns wieder treffen. Das gilt privat wie geschäftlich. Und auch deshalb muss es Messen geben. Nach vorne gedacht: Sie werden künftig genutzt, um die wichtigsten Markenbotschaften – ob Neuheiten, Produkte, Innovation oder Kampagnen – vorzustellen. Gigantische Messestände gehören für mich eher der Vergangenheit an. Insgesamt betrachtet gibt es also nicht nur Negatives – sondern auch viel Positives.

So viele Neukunden hätten wir ohne Corona nie gesehen

Das Positivste aus Unternehmenssicht und für unsere Branche war die Beschleunigung der Märkte. So viele aktive Menschen, vor allem auch Neueinsteiger, hätten wir ohne Corona nie gesehen. Und die Pandemie hat auch interne Prozesse beschleunigt. Beispielsweise sich für große Meetings digital zu organisieren – das hätte vorher keine beauftragte Agentur und kein Coach der Welt so effizient hinbekommen.

Positive Marktentwicklung macht Entscheidungen leichter

Natürlich ist es einfacher, Herausforderungen in einem Umfeld zu lösen, in dem es nach wie vor einen intakten Markt gibt. Da reden wir uns in unserer Branche alle leichter. Wir müssen zwar Entscheidungen treffen, allerdings mit Perspektive und Erfolgschance. Um das mal konkret zu machen: Wir haben Ende Juni 2021 für die Outdoor-Gruppe von Schwan-Stabilo (SSO) mit dem besten Umsatzergebnis abgeschlossen, das wir jemals hatten (Stichtag Umsatzjahr 2020/2021 30.06.21) – in allen drei Unternehmen.

Ganz deutlich: Hohe gesellschaftliche Relevanz der Sportindustrie

Die gesteigerte Nachfrage bedeutet auch: Aktiv sein ist wichtiger denn je für das Wohlbefinden der Menschen. Deshalb ist für mich klar, dass die gesamte Sportindustrie Teil des Gesundheitssystems ist, was von der Politik noch immer viel zu wenig thematisiert wird. Impfungen sind eine sehr wichtige Maßnahme gegen Corona, dennoch sollte die Politik den Sport allgemein viel stärker fördern, da eine gesunde, physisch und psychisch fittere Gesellschaft grundsätzlich resilienter ist.

Nachfrage bedienen: Herausforderung Materialbeschaffung

Bis Juli 2021 sind wir als Branche ganz gut durch das Thema Lieferkette gekommen. Weil in China, Osteuropa und Vietnam fast 100 Prozent durchproduziert werden konnte. Für Deuter kam im Juli ein strenger Lockdown in Vietnam, was bedeutete, dass unsere Produktion bis Ende September komplett stillstand. Natürlich gibt es Puffer, denn gerade durch das neue Deuter-Logo und die neuen Produkte haben unsere Vertriebspartner Pipeline-Filling betrieben – doch auch wir konnten nicht absehen, ob diese ausreichend sind.

Aber nicht nur Deuter war betroffen. Die Versorgungsprobleme am Halbleitermarkt treffen Ortovox in der Produktion der LVS Geräte sowie bei den Lawinenschaufeln aufgrund von Aluminium Engpässen. Bei Maier Sports gab und gibt es Energy Shut Downs in China, wodurch ebenfalls der Produktionsfluss gestört wird. Kurzum – nicht der Absatz ist das Problem, sondern die Sicherung der Verfügbarkeit.

Bei allem Corona: Nie das Ziel Circularity System aus den Augen verlieren

Das Thema Nachhaltigkeit ist eines unserer hauptstrategischen Stoßrichtungen. Und da ist schon viel passiert. Wir sind mit Deuter und Ortovox seit mehreren Jahren im sozialen Nachhaltigkeitsbereich Leader innerhalb der Fair Wear Foundation, können also auch belegen, dass wir uns im Produktionsbereich sauber und fair verhalten.

Wanderer in Schneebergen
Oberste Priorität: Ressourcen schonen und Kreislaufwirtschaft vorantreiben – damit auch unsere Kinder noch den Schnee genießen können

Recycling ist eine Einbahnstraße

Wir sind Teil der Outdoorbranche, die viele Nachhaltigkeitsthemen bereits angegangen ist: von PFC-freien Beschichtungen bis hin zu einem sehr hohen Recyclinganteil innerhalb der Kollektion. Nur, und da glaube ich eben dran: Gerade das Thema Recycling ist nach wie vor eine Teillösung, denn irgendwann sind mal alle Plastikflaschen dieser Welt aufgebraucht, beziehungsweise die Getränkekonzerne verwenden sie selbst. Dann steht uns im Prinzip wieder kein Rohstoff zur Verfügung: außer der bekannte, und der heißt Erdöl. Und damit wären wir dann wieder ganz im alten Kreislauf – und könnten weniger über Recycling berichten.

Deshalb glaube ich, dass die gesamte Branche sich aufmachen muss, um in einem integrierten Modell das Thema Kreislaufwirtschaft anzugehen. Das Nachhaltigkeits-Ziel der kommenden Jahre kann nur mit einem gemeinsamem Kraftakt gelingen.

So will Maier Sport (SSO) den Kreislauf schließen:

Ziel SSO: Nummer 1 in den Kernsegmenten

Unser übergeordnetes Ziel für die Kernsegmente, in denen wir uns mit unseren Marken bewegen: eine klare Nummer-1-Position zu behalten oder uns zu erarbeiten. Ob das das LVS-Gerät mit Ortovox ist, die Funktionsbekleidung, der Tragekomfort der Deuter Rucksäcke, oder das Thema Hosenspezialist bei Maier Sports oder Gonso ist. Wir glauben daran, dass attraktive Marken mit hoher Anerkennung beim Endverbraucher wertgeschätzt werden. Und mit dieser Marktposition wollen wir nachhaltig wachsen – das Wachstum auch im ökonomischen Sinne als familiengeführtes Unternehmen gesund managen.

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Martin Riebel
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