Dr. Regina Henkel
Autor:
Regina Henkel

Der Sportmarkt im Zeichen der Corona-Krise

Wie starten die Wintersportmarken in die Herbst-Wintersaison 2020?

Bislang standen die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Sommersaison im Fokus. Mit der bevorstehenden Auslieferung der Herbst-Winterkollektionen verlagert sich jetzt der Blick. Wie reagieren die Wintersportmarken auf die neuen Herausforderungen?

Das Sportbusiness im Schatten der Corona-Krise: Wie stellen sich die internationalen Wintersportmarken jetzt auf die neue Situation im Handel ein?
Die neue Wintersaison 2020 im Schatten der Corona-Krise: Wie stellen sich die internationalen Wintersportmarken jetzt auf die neue Situation im Handel ein?

Große Unsicherheit

Die nächste Saison kommt bestimmt. Aber sie wird anders verlaufen als sonst. Zu den bisherigen großen Unbekannten im Wintergeschäft – dem Wetter und den Schneeverhältnissen – kommt jetzt noch die Corona-Krise hinzu. Die neue Saison muss unter völlig veränderten Bedingungen starten als ursprünglich geplant. Die Vorlage ist denkbar schlecht: Ein mäßiger Winter 2019/20 mit abgebrochener Saison, erhöhter Warendruck mit angespannter Finanzlage bei Händlern und Herstellern sowie eine zurückhaltende Kauflaune der Konsumenten.

All das trifft zusätzlich auf die Frage, wie sich der Skitourismus entwickeln wird, von dem viele denken, dass er mitverantwortlich war für die Ausbreitung der Pandemie. „Das Hauptproblem ist, die Situation abzuschätzen“, bringt es Dr. Michael Schineis, President Winter Sports Equipment bei Amer Sports auf den Punkt. Die Bandbreite der möglichen Szenarien ist enorm: Von der Entwicklung eines Impfstoffs in Kombination mit prima Schneeverhältnissen bis hin zu einer zweiten Welle und dem nächsten totalen Lockdown. Schineis: „Dazwischen liegt viel.“


Sportbusiness
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Wie steht es um die Lieferketten?

Immerhin: Das Problem der defekten Lieferketten scheinen viele Hersteller im Griff zu haben, sowohl bei den Bekleidungs- als auch bei den Hardwarelieferanten. „Es konnte alles produziert werden, allerdings müssen wir mit kleineren Verspätungen rechnen“, sagt beispielsweise Thomas Regenbogen, International Sales Manager beim französischen Skibekleidungshersteller Poivre Blanc. „Die Order- und Liefertermine werden sich voraussichtlich um gut einen Monat nach hinten verschieben.“

Am wenigsten betroffen sind die Marken, die selbst produzieren, wie der italienische Bindungshersteller ATK. „Da unsere Produktion zu 100 Prozent im eigenen Haus erfolgt und wir über ein Netzwerk von Lieferanten in der Umgebung verfügen, hatten wir keine Schwierigkeiten mit der Produktion“, sagt Davide Indulti, Junior CEO und Product Manager bei ATK. Auch für Skihersteller Atomic zahlte sich aus, dass etwa 90 Prozent der Produkte in eigenen Fabriken hergestellt werden. „Aber die Zulieferer kommen natürlich aus aller Welt“, ergänzt Schineis, „da hat es auch Engpässe gegeben. Es hat sich aber weniger dramatisch entwickelt als befürchtet.“

Davide Indulti, Juniorchef beim italienischen Skibindungshersteller ATK, hat dank eigener Produktion keine Engpässe.
Davide Indulti, Junior-CEO beim italienischen Skibindungshersteller ATK, hat dank eigener Produktion keine Engpässe.

Angepasste Kollektionen

„Corona ereignete sich während der Vororder Saison, so dass wir unsere Kapazitäten entsprechend anpassen konnten“, sagt Marc Hasenstein vom Skihersteller Elan. Poivre Blanc hat die Kollektion um 30 Prozent verkleinert und Picture Organic Clothing hat sie so umgestellt, dass 20 Prozent der Kollektion aus Durchläufern aus der alten Wintersaison besteht, und 20 Prozent der neuen Kollektion auf die Saison 21/22 geschoben wird. „So wollen wir dem Wertverlust der Lagerbestände aus dem letzten Winter so lange wie möglich entgegenwirken“, sagt Julien Durant, einer der drei Gründer der französischen Marke.

Auch auf der Händlerseite gibt es unterschiedliche Strategien. „Viele Händler fokussieren sich auf die Kernartikel“, sagt Hilmar Bolle, Country Manager der Groupe Rossignol Deutschland und Österreich. „Einige Händler steigern aktuell sogar und andere wiederum sind sehr verunsichert und reduzieren stärker.“ Mountain Force ist proaktiv auf die Händler zugegangen und hat explizit nachgefragt, ob die bestellten Mengen auch benötigt werden. „Es gab Stornierungen, aber nur vereinzelt, vor allem bei doppelten Größen. Lagerware hat keine Chance im Moment“, sagt Gerhard Flatz, Managing Director vom Bekleidungsproduzent KTC in China und der Skibrand Mountain Force.  

Kräftemessen: Wer trägt das Risiko?

Nur wenn der Handel frische Ware hat, kann er gute Umsätze machen. Die Frage ist nur, wer geht wie weit ins Risiko? Wenn Marken ihre Kollektionen umstellen, mehr Durchläufer anbieten und den Lagerbestand für Nachbestellungen erhöhen, wollen sie dem Handel entgegenkommen. Einige große Händler nutzen das jedoch zu sehr aus, so der Tenor einiger Marken. „Wir erleben auch weniger faires Verhalten von einigen Key Accounts, die ihre Pre-Orders halbieren oder sogar auf ein Drittel reduzieren und darauf bauen, dass die Brands über entsprechende Bestände verfügen“, erklärt Julien Durant von Picture Organic Clothing.

Auch Brillenhersteller Julbo hat das festgestellt: „Einige große Händler ordern zwar, behalten sich aber das Recht vor, Ware zu einem gewissen Prozentsatz wieder stornieren zu dürfen“, sagt Bertrand Ragonneau-Flemming, International Sales Manager von Julbo.
Aber auch die Industrie spielt auf Zeit. Gerhard Flatz von KTC: „Zahlungsziele von 150 Tagen – wie soll das gehen? Wir Produzenten gehen ohnehin schon in Vorleistung mit 60 Tage Materialbeschaffung, 60 Tage Produktion. Wenn dann noch ein halbes Jahr Zahlungsziel drauf kommt, bin ich kein Konfektionär, sondern eine Bank.“

Tourengehen könnte im kommenden Winter zum noch stärkeren Trend als bisher werden.
Tourengehen könnte im kommenden Winter zum noch stärkeren Trend als bisher werden.

Prognose: Mehr Ski Touring, Lust auf Outdoor hält an

Beim alpinen Skisport rechnen viele mit einem Rückgang, doch andere Sportarten könnten von der Krise profitieren. Wenn es mit dem Schnee passt, könnten Sportarten wie Langlauf oder Tourengehen, die nicht in großen Gruppen stattfinden, in der kommenden Saison zum Renner werden. Skihersteller Zag hat sich darauf eingestellt und die Produktion von Tourenski erhöht.

Baptiste Barbot, International Sales Manager von Zag ist von den Vorteilen überzeugt: „Tourengehen ist umweltfreundlicher, gesund und billiger, weil man keinen Skipass benötigt um den Schnee zu genießen.“ Auch der Outdoor-Trend aus dem Sommer könnte sich fortsetzen: „Ich glaube, die Leute sind in den letzten Wochen auf den Geschmack von Outdoor gekommen“, sagt Ragonneau-Flemming von Julbo. „Wer das neu für sich entdeckt hat, wird damit weiter machen.“

 

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