Autor:
Martin Jahns

Gläserne Sportler, gläserne Fans

Wie wir 2030 Sport schauen: Mittendrin dank Bodycam, AI und Augmented Reality

Technologieanbieter wie Mindfly, Amazon AWS oder Supponor revolutionieren mit ihren Innovationen Sportübertragungen. Die Highlights der Zukunft sehen wir aus den Augen der Stars und bekommen nie dagewesene Datenanalysen – der Preis für die Individualität: Sportgeschichte als NFT-Statussymbol und gläserne Fans.

Neue Technologien wie Bodycams verändern, wie wir zukünftig Sport konsumieren

Mit einer Idee brachte Donata Hopfen im Mai große Teile der deutschen Fußball-Fans gegen sich auf. Drohnen-Interviews mit Spielern während des Spiels, etwa vor der Ausführung eines Elfmeters, seien laut Medienberichten für die Bundesliga geplant. Treibende Kraft dahinter sei die DFL als Interessensvertreter der Liga unter Hopfens Vorsitz. Der Aufschrei war riesig. So groß, dass die DFL eilig eine Richtigstellung veröffentlichte. Nein, es gebe „keinerlei Planungen für Drohnen-Interviews“, hieß es darin.

Kein Geheimnis machte die DFL allerdings aus der Tatsache, dass aktuell eifrig an völlig neuen Konzepten für die Zukunft gearbeitet wird. „So ursprünglich der Kern des Spiels ist und bleibt, so sehr verändert sich die Rolle des Fußballs mit der Zeit – und die Wünsche der Fans“, sagte Hopfen. „Vor uns liegen unglaublich große Chancen – die digitalen Möglichkeiten und Formate sind noch längst nicht ausgeschöpft.“ Zukünftig wolle die Bundesliga „die digitalste Fußball-Liga der Welt sein“.

Doch wie sieht die Sportübertragung der Zukunft aus? „Die Zahl und die Leistungsfähigkeit der Kameras werden weiter steigen. Zusammen mit spezifischer Software wird die Regie dann fast jede erdenkliche Perspektive des Spiels zeigen können“, kündigte Hopfen an.

8k-Cams und Drohnen sind nur der Anfang

Tatsächlich warten die Produktionsfirmen mit immer neuen spektakulären Kamerawinkeln auf: 8k-Cams sind aus dem US-Sport inzwischen auch in die Premier League oder die Bundesliga übergeschwappt. Sie liefern eindrucksvolle Bilder direkt vom Spielfeld etwa nach Touchdowns, Toren oder bei Jubelszenen. Mit ihrem Fokus auf die Stars und der Tiefenunschärfe wirken die Aufnahmen wie aus einem Videospiel.

Auch Rocket-Cams oder Kameradrohnen sorgen bereits jetzt für nie dagewesene Perspektiven, etwa bei Flügen über feiernde Fanmassen, der Begleitung von Spielzügen immer auf Ballhöhe oder wagemutigen Bike-Abfahrten.

POV: Dank Bodycams mit den Augen der Stars sehen

Doch all das ist erst der Anfang. Das Zauberwort für die Übertragung der Zukunft ist jedoch: POV – Point of View. Bei diesen Aufnahmen werden die Sportstars selbst zur Kamera. Die Fans erleben das Spektakel aus den Augen ihrer Idole. Was einst im Action-Sport mit GoPro-Kameras auf Helmen begonnen hatte, ist inzwischen dank 5G-High-Speed-Internet, Cloud und AI-Unterstützung selbst bei Teamsportarten möglich – ganz ohne Ü-Wagen und riesige Produktionsteams direkt auf die Smartphones der Fans.

Das Technologie-Startup Mindfly ist einer der Vorreiter der Szene. Das israelische Unternehmen will mit seinen Bodycams Sportübertragungen revolutionieren. Die Kamera ist dabei in ein Leibchen unter dem Trikot eingearbeitet und hat dank AI-Unterstützung das Spielgeschehen stets im Blick. Es funktioniert: Beim Freundschaftsspiel im Sommer zwischen dem 1. FC Köln und dem AC Mailand trugen zwei Kölner Spieler und der Schiedsrichter eine Mindfly-Bodycam auf Brusthöhe und wurden so selbst zu Kameraleute für atemberaubende Aufnahmen – wenn auch nicht ganz ohne Einschränkung. „Das Tragen der Bodycam war ein wenig gewöhnungsbedürftig, es war ziemlich warm darunter“, beschrieb Kölns Abwehrspieler Timo Hübers seine Kamerapremiere. Das Resultat kann sich allerdings sehen lassen.

Auch im Training live dabei

Für die Saison 2022/23 ist außerdem eine Kooperation von Mindfly mit der Basketball Euroleague vereinbart.

Die POV-Kamera ist allerdings viel mehr als nur ein weiterer Blickwinkel. Sie kann verändern, wie wir Sport generell konsumieren. In einer Zeit, in der gerade bei der jüngeren Generation einzelne Stars wie Lionel Messi, LeBron James oder Max Verstappen mehr Fans und Follower hinter sich vereinen als ganze Teams, bietet die Individualisierung völlig neue Spielräume.

So wären ganze Streaming-Abos für einzelne Spieler denkbar. Erleben wir 2030 eine komplette Saison mit den Augen Erling Haalands oder unseres Lieblings-Quarterbacks in der NFL?

Dank Bodycams könnten wir dann auch abseits der Haupt-Events die volle Packung Sport erleben: Etwa bei Streams aus Trainingseinheiten, PR-Events oder einfach aus dem Alltag der Stars. Auch hier haben der 1. FC Köln und Mindfly mit Bodycam-Aufnahmen aus dem Training schon experimentiert. In den Social-Kommentarspalten gab es dafür von den Fans fast ausschließlich positives Feedback.

Sportgeschichte aus der Ego-Perspektive als teures Statussymbol

Via App können Zuschauer zwischen den Kameraeinstellungen von Spielern switchen. Das ermöglicht eine Immersion durch ein „Mittendrin“-Gefühl, das die heutigen Panorama-Kameras nicht vermitteln können.

Aber nicht nur Fans sollen profitieren: „Content aus der Perspektive der Spieler ist perfekt, um NFT-Collectibles zur kreieren“, regt Mindfly etwa in seiner Produktwerbung an. Ein neuer 100-Meter-Weltrekordlauf, das entscheidende Tor des WM-Finals oder der Matchball zum Wimbledon-Sieg aus der Perspektive der Stars als Statussymbol? Bodycam und NFTs machen es möglich.

Auch weitere Monetarisierungsmöglichkeiten wie Abos, Sportartikel-Shops oder Ticketkäufe wären etwa beim Konsum auf Smartphones nur ein Fingertippen entfernt. Werbefreier Content könnte wiederum über Zusatz-Abos angeboten werden. Gut möglich, dass der Abo-Dschungel für Sportfans zukünftig also noch dichter wird als er ohnehin schon ist.

Daten, Social Media, Streamer: Für jeden Geschmack der richtige Feed

„Irgendwann wird jeder Fan seine eigene, speziell auf ihn zugeschnittene Übertragung sehen“, prognostiziert Donata Hopfen: „In der Zukunft werden vor allem junge Fans Sportereignisse immer stärker in einer virtuellen Umgebung erleben wollen.“

Wie? Etwa durch verschiedene Feeds je nach Interesse. Für Taktik-Nerds, denen „Experten-Analysen“ wie „Die Bayern wollten es einfach mehr“ zum Hals heraushängen, wäre etwa der Daten- und Statistik-Feed mit nie dagewesenen Datenmassen der richtige. Die Bundesliga hat für derartige Projekte erst im Juni gemeinsam mit Datenanbieter Deltatre und dem Cloud-Service Amazon AWS den „Bundesliga Data Hub“ aus dem Boden gestampft.

Social-Media-Addicts und Influencer könnten in einem Social-Feed glücklich werden. Die spanische Fußballliga LaLiga experimentierte zuletzt ebenfalls schon auf diesem Gebiet, als sie Live-Übertragungen mit eSports-Größen und Twitch-Streamern als Kommentatoren anbot.

Das Ziel der DFL für diese individuellen Angebote ist laut Hopfen „ein optimales Zusammenspiel aus Reichweite und Monetarisierung“.

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Zugeschnittene Highlight-Clips für jeden Fan

Auch bei der Zusammenfassung von Sportevents kehrt dank neuer Technologien Individualisierung ein: Das Start-up Sizzle beispielsweise bietet eine Technologie, in der künstliche Intelligenz Sportevents in voller Länge analysiert und die besten Szenen nach zahlreichen Parametern zusammenstellen kann.

Wer sich nur für die Highlight-Szenen seines Lieblingssportlers interessiert, bekommt das passende Best-of im Video. Sizzle verspricht dies nicht nur für Sportarten wie Fußball, Basketball oder Eishockey, sondern auch für eSports-Profis und Streamer.

Dank künstlicher Intelligenz: Werbung nicht nur auf den Banden

Augmented Reality kann dabei zukünftig eine noch größere Rolle spielen. In der Bundesliga nutzt die DFL die Technologie des AR-Spezialisten Supponor bereits seit 2018, um für jedes Land passende Bandenwerbung auszuspielen. Fans in den USA sehen am Spielfeldrand andere Marken als China und diese wiederum andere als in Deutschland. Mit den Daten, die die User via Social Media und anderen Services an die Broadcaster senden, könnte zukünftig sogar für jeden Fan die exakt passende Bandenwerbung direkt im Bild ausgespielt werden.

Selbst individuelle virtuelle Werbeeinblendungen auf Jerseys, dem Spielfeld oder etwa Formel-1-Boliden wären denkbar. So könnten zwar lästige Werbeunterbrechungen mitten im Sport-Event zukünftig wegfallen.

Auch hier ist der 1. FC Köln Early Adopter. 2022 testete der Verein Augmented-Reality-Werbung, die dank der Technologie des Start-ups Mirriad von einer künstlichen Intelligenz automatisch an passenden Stellen in ein Video angezeigt werden kann.

Gläserne Fans und das Ende der kollektiven Erinnerung

Bodycam, Augmented Reality, unterschiedliche Feeds: In Zukunft werden wir Sport individueller und genauer auf unsere Bedürfnisse zugeschnitten anschauen können und völlig neue Perspektiven und Einblicke genießen. Der Preis dieser Individualität ist die Offenlegung von noch mehr persönlichen Daten, aber wohl auch der Verlust von kollektiv erlebten Sportmomenten, die TV-Geschichte schrieben und deren Kameraeinstellung und Live-Kommentierung ganzen Generationen im Gedächtnis bleiben.

Auch wenn Donata Hopfen den Anhängern der traditionellen Übertragungen verspricht: „Wer mit Bier und Bratwurst einfach 90 Minuten Fußball genießen möchte, der soll das auch künftig genauso machen können.“

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Martin Jahns

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