Sportbusiness // 18.10.2023

Padel-Boom: GlaswÀnde, die durch die Decke gehen

Autor:
Andreas Hottenrott

Padel steht fĂŒr Highspeed, das gilt fĂŒr das Geschehen auf dem Court genauso wie fĂŒr die allgemeine Entwicklung. Kaum eine andere Sportart wĂ€chst derart rasant wie Padel, die explosive Mischung aus Tennis und Squash. Die Vorreiter sind Spanien und SĂŒdamerika, nun öffnen sich auch andere MĂ€rkte in Europa, den USA und in arabischen Staaten. Und Events, wie die Turniere der World Padel Tour, beschleunigen diese Entwicklung.

Viertelfinale der BOSS German Padel Open. In kleinen Gruppen stehen Menschen auf dem Vorplatz der Mehrzweckhalle Castello in DĂŒsseldorf. Zwischen ihnen schlendert die Weltelite der Padel-Szene zum Eingang, entspannt, die großen Taschen ĂŒber die Schultern geschwungen, mal in ein GesprĂ€ch vertieft, mal ganz fokussiert auf die anstehende Aufgabe. Und: praktisch unbehelligt von den Umstehenden.

In Padel-Hotspots wie etwa Spanien oder Argentinien wĂ€re das kaum denkbar. Dort hĂ€tten etliche AutogrammwĂŒnsche und Selfie-Anfragen die Ankunft von Paula JosemarĂ­a und Ariana SĂĄnchez oder Arturo Coello und AgustĂ­n Tapia in der Players Lounge wohl erheblich verzögert. Einerseits zeigt die relative AnonymitĂ€t, mit der sich selbst absolute Top-Duos auf einem deutschen Turnier bewegen können, dass die Entwicklung des Padel-Sports hierzulande noch in den Kinderschuhen steckt. Andererseits aber spricht die Tatsache, dass ein internationales Event mit Tausenden Fans ĂŒberhaupt auf deutschem Boden stattfindet, fĂŒr das steigende Interesse an der Trendsportart.

Den Selfie-Anfragen wird selbstverstÀndlich stattgegeben, zur Freude der Fans.

Padel bereit zum Abheben

Die könnte nun einen gehörigen Schub bekommen: WĂ€hrend der German Padel Open, dem ersten Stopp der World Padel Tour in Deutschland, machten die Profis mit spektakulĂ€ren Ballwechseln beste Werbung fĂŒr ihren Hochgeschwindigkeitssport im GlaskĂ€fig. „Wir gehen davon aus, dass das eine Strahlkraft hat“, sagte Jasper Ahrens, Vorstand des Deutschen Padel Verbands, in DĂŒsseldorf ĂŒber die Veranstaltung. „In Schweden zum Beispiel ist die Entwicklung nach dem ersten großen Turnier noch einmal explodiert.“

Ahrens‘ Überzeugung nach soll Padel Tennis durch eine Veranstaltung wie die German Padel Open in Deutschland abheben. Möchte man sprachlich in der Raumfahrt bleiben, hat der Trendsport in anderen Nationen lĂ€ngst die Umlaufbahn erreicht – insbesondere im spanischsprachigen Raum. Angesichts der Historie des Sports verwundert das nicht.

Jasper Ahrens (l.), Vorstand des Deutschen Padel Verbands, und Peter Mayer, GeschĂ€ftsfĂŒhrer Deutscher Tennis Bund, im Interview.

Aus einem mexikanischen Garten in alle Welt

UrsprĂŒnglich stammt Padel aus Zentralamerika. Ende der 1960er Jahre ließ der GeschĂ€ftsmann Enrique Corcuera den verkleinerten Tennisplatz seines Ferienhauses in Acapulco mit hohen WĂ€nden und einem Metallzaun umgeben. Ob die Mauern als Barriere zum NachbargrundstĂŒck oder als raffiniertes Extra fĂŒr spannende Ballwechsel gedacht waren, scheint unklar. Gesichert jedoch ist das Ergebnis. Im Urlaubsort am Pazifik war „Paddel Corcuera“ geboren.

Ein paar Jahre spĂ€ter brachte ein spanischer Freund des Padel-Erfinders die neue Sportart mit auf die Iberische Halbinsel. In einem Tennis-Club in Marbella errichtete Alfonso of Hohenlohe-Langenburg zwei Courts, bald wurden die ersten Turniere entlang der Costa del Sol gespielt. Darauf wurde Julio Menditenguia aufmerksam. Der argentinische MillionĂ€r rĂŒckte den Sport Mitte der 1970er Jahre in seiner Heimat ins Rampenlicht. Inzwischen finden auch in Brasilien, Chile, Paraguay oder Uruguay große Turniere statt.

SportartĂŒbergreifende Padel-Paten

Und die PopularitĂ€t steigt weiter an. Padel ist eine Sportart, die alle Altersgruppen und Fitnesslevel anspricht. Durch die Spielform im Doppel kommt eine starke soziale Komponente hinzu. DarĂŒber hinaus können Prominente ihre Fans mit dem Padel-Fieber anstecken – selbst dann, wenn sie aus anderen Sportarten stammen.

In Deutschland haben Hansi Flick oder JĂŒrgen Klopp in Padel investiert. In Schweden ist es Zlatan Ibrahimovic. Gemeinsam mit Thomas Sandström grĂŒndete das Enfant terrible des schwedischen Fußballs „Padel Zenter“ und brachte seinen Landsleuten damit den Sport nĂ€her. SchĂ€tzungen zufolge spielen mehr als sieben Prozent der schwedischen Bevölkerung Padel Tennis. Derzeit herrscht „König Zlatan“ ĂŒber fĂŒnf Einrichtungen, deren PlĂ€tze höchsten internationalen AnsprĂŒchen genĂŒgen. Die meisten Anlagen des Landes werden allerdings von We Are Padel und Padel United betrieben.

Das Erfolgsduo Ariana Sánchez (l.) und Paula Josemaría - ohne Investoren wĂ€ren WettkĂ€mpfe in Deutschland fĂŒr sie unmöglich.

Bis 2026: Anzahl an Courts soll sich weltweit verdoppeln

Mit insgesamt 4.200 PlĂ€tzen belegt Schweden im europĂ€ischen Vergleich Rang 3. Unangefochten an der Spitze liegt Spanien, laut Global Padel Report zĂ€hlte man dort Anfang 2023 15.300 Courts. Platz 2 geht an Italien mit 6.470 PlĂ€tzen. Deutschland rangiert mit derzeit etwa 250 PlĂ€tzen am Ende der Tabelle. Außerhalb Europas hat Argentinien mit knapp 5.000 PlĂ€tzen die Nase vorn.

Daran, dass Padel in den kommenden Jahren weiter wÀchst, gibt es kaum Zweifel. Von aktuell fast 40.000 soll sich die Anzahl an PlÀtzen weltweit bald mehr als verdoppeln. Rund 85.000 könnten es bis 2026 sein.

In Europa formen Frankreich, Großbritannien und Deutschland die „Big 3“ der vielversprechenden MĂ€rkte. Im Vereinigten Königreich will Padel United als mutmaßlich grĂ¶ĂŸter Padel-Anbieter der Welt die Expansion in alle Regionen vorantreiben, von London ĂŒber Glasgow bis nach Bristol. In Frankreich kĂŒndigte gar PrĂ€sident Emmanuel Macron den Bau von 500 Padel Courts im Vorfeld der Olympischen Spiele 2024 an.

In Deutschland setzt man unter anderem auf die Kooperation zwischen Deutschem Padel Verband und Deutschem Tennis Bund. „Es wird fĂŒr ein weiteres Wachstum nicht reichen, wenn es Padel-Courts nur in großen StĂ€dten wie Hamburg, MĂŒnchen, Berlin und Köln gibt“, sagte Peter Mayer, GeschĂ€ftsfĂŒhrer Deutscher Tennis Bund, wĂ€hrend der German Padel Open. „Wir wollen und mĂŒssen den Sport nach und nach in die FlĂ€che und damit nĂ€her zu den Menschen bringen.“ DafĂŒr habe der DTB mit seinen 9.000 Clubs und Tennis als drittgrĂ¶ĂŸte Sportart Deutschlands sehr gute Voraussetzungen.

Weitere spannende MÀrkte entstehen in arabischen Staaten oder in den USA. In Kuwait etwa ist der Trendsport nicht nur bei den Erwachsenen angekommen, sondern auch bei Kindern und Teenagern. Und in den Vereinigten Staaten soll es bis 2030 rund 30.000 Courts geben. Derzeit sind es 180 PlÀtze, schreibt das Padel Magazine.

Die Anzahl an Padel Courts wÀchst in vielen LÀndern.

Wachstum nicht nur beim Court-Bau

Wachstum ist im Padel allerdings nicht gleichbedeutend mit der Entstehung neuer PlĂ€tze. In Spanien, wo die boomende Sportart mit rund fĂŒnf Millionen Aktiven lediglich dem Fußball den Vortritt lassen muss, besteht kaum noch Bedarf. Schon jetzt kommen 325 PlĂ€tze auf eine Million Einwohner. Nun stehen unter anderem Start-ups im Fokus, die digitale Services rund um die Sportart entwickeln, oder Platzbauer, die ihr Know-how global anbieten.

Im Jahr 2022 erreichte der globale Padel-Markt bereits ein Volumen von geschĂ€tzt zwei Milliarden Euro. Die Infrastruktur machte mit 1,2 Milliarden Euro fĂŒr Betreiber und 200 Millionen Euro fĂŒr Hersteller von Anlagen einen Großteil aus. Der Global Padel Report stellt in Aussicht, dass sich der Wert des Marktes fĂŒr den Betrieb der Padel-Clubs bis 2026 vervierfacht. GrĂŒnde dafĂŒr sind neben dem Neubau von Courts auch steigende Preise fĂŒr die Nutzung.

Weitere 550 Millionen entfielen auf Equipment wie SchlÀger, Bekleidung und BÀlle. Nimmt die Anzahl an Padel-Begeisterten zu, können sich Retailer entsprechend auf eine steigende Nachfrage an Sportartikeln einstellen.

Padel-Fans in Deutschland sind sie ein Begriff: Arturo Coello (l.) und AgustĂ­n Tapia.

Verschmelzung der Turnierserien

Der dritte Bereich des Padel-Marktes ist das professionelle Segment. 2022 erreichte es 50 Millionen Euro, unterteilt in Tickets (15) sowie TV und andere Medien (35). Auch hier ist die Entwicklung lÀngst nicht abgeschlossen. Im Gegenteil: Ein weiterer Meilenstein steht kurz bevor.

Zuletzt gab Qatar Sports Investment, unter anderem EigentĂŒmer des französischen Fußball-Giganten Paris Saint-Germain, die Übernahme der World Padel Tour vom spanischen Bierhersteller Damm bekannt. QSI möchte die Turnierserie mit der eigenen Premier Padel Tour zusammenfĂŒhren und dadurch ein noch attraktiveres Produkt schaffen.

„Ich wĂŒnsche ihnen nur das Beste und bin sicher, dass sie Erfolg haben werden“, sagt Enrique Marques. Wie genau sich der professionelle Padel-Sport entwickeln wird, kann aber auch der CEO der World Padel Tour nicht vorhersagen. „Das Wachstum ist nicht in allen LĂ€ndern gleich. In einigen ist Padel riesig, in anderen noch ganz am Anfang.“ Man mĂŒsse einen Markt jedoch immer mit einer angemessenen Geschwindigkeit beitreten. „Es bringt nichts, Dinge zu ĂŒberstĂŒrzen. Zuerst mĂŒssen die Leute Padel spielen. Dann werden sie sich fĂŒr eine professionelle Liga interessieren.“

Deutschland sieht Marques auf einem guten Weg, nicht zuletzt wegen der German Padel Open. „Die Spielerinnen und Spieler sind nicht nur zufrieden, sie sind begeistert. Sie sehen diesen besonders gestalteten Center Court und das professionelle Setup und wissen auch, dass Padel in Deutschland noch im Kommen ist. Ich bin fest davon ĂŒberzeugt, dass Padel nach diesem ersten WPT-Turnier auch in Deutschland durch die Decke gehen wird.“ Vielleicht werden Paula JosemarĂ­a, Arturo Coello & Co. schon beim nĂ€chsten Event nicht mehr umhinkommen, zwischen Parkplatz und Halleneingang zahlreiche AutogrammwĂŒnsche zu beantworten.



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