Florian Pertsch
Autor:
Florian Pertsch

Expansion der Fußball-Bundesligisten nach China

So planen Borussia Dortmund und der VfL Wolfsburg in China

Das fußballerische Potenzial Chinas ist riesig. Wie man ihn erschließt, erklären Vertreter von Borussia Dortmund und dem VfL Wolfsburg. 

Insgesamt sieben Bundesliga-Klubs waren auf der ISPO Beijing 2019 vertreten.
Insgesamt sieben Bundesliga-Klubs waren auf der ISPO Beijing 2019 vertreten.

„Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ schrieb Hermann Hesse in seinem Gedicht Stufen im Jahr 1941.

Manchmal wohnt einem Anfang aber auch großer Argwohn inne. Wie zum Beispiel im Dezember 2014, als der Fußball Bundesligist VfL Wolfsburg den chinesischen Mittelfeldspieler Xizhe Zhang von Beijing Guoan verpflichtete. Die Vorwürfe: Ein reiner PR-Gag, ein Marketing-Schachzug, um dem Mutterkonzern Volkswagen im zweitgrößten Absatzmarkt zu helfen, mehr Autos zu verkaufen!

Wolfsburg indes meinte den Transfer jedoch sehr ernst, und auch wenn sich Zhang sportlich letztlich nicht durchsetzen konnte – der damals 23-Jährige verließ die Niedersachsen bereits nach nur sechs Monaten wieder in Richtung seines Heimatvereins - an den Ambitionen der Wolfsburger in China hat sich nichts geändert.

Sieben Bundesliga-Teams in China aktiv

„Der Verein, der den ersten Chinesen im Kader hat – und der auch spielt – hat auf dem chinesischen Markt einen immensen Vorteil“, so Tim Jägeler, Chief Representative China und Head of International Sales Asia, im Gespräch mit ISPO.com während der ISPO Beijing 2019.

Und aus diesem Grund sind mittlerweile nicht nur die Wolfsburger in China, sondern auch die Bundesliga-Rivalen Borussia Dortmund, der FC Bayern München, der FC Schalke 04, Borussia Mönchengladbach, Bayer 04 Leverkusen, Eintracht Frankfurt und der VfB Stuttgart. Alle sieben Bundesligisten präsentierten sich dementsprechend auch im Januar in Kooperation mit Bundesliga International auf der ISPO Beijing, der größten Sportmesse im asiatisch-pazifischen Raum.

80 Millionen Chinesen kennen den BVB

„Wir haben 23 Millionen Fans in China, 80 Millionen Menschen kennen den BVB. Das sind Zahlen, in Deutschland sagt jeder, das kann doch gar nicht wahr sein“, so Benjamin Wahl, Head of China des BVB, über die immense Nachfrage in China. Im Vergleich zu Wolfsburg ist der BVB fast schon ein alter Hase in Asien.

Seit etwas mehr als vier Jahren, zunächst noch in Singapur und jetzt in Shanghai, sind die Dortmunder vertreten. Die Erfahrung mit asiatischen Spielern reicht aber schon ein Stück weiter zurück. Denn im Sommer 2010 verpflichtete die Borussia den Japaner Shinji Kagawa und öffnete für sich den asiatischen Markt.

„Der BVB ist bereits 2014 nach Asien gegangen, damals überwältigt von der großen Nachfrage in der Region. Vor zwei Jahren verkündete Xi Jinping dann seinen Masterplan, 70.000 Fußballplätze bis 2025, Fußball als Pflichtschulfach und das Ziel einer Teilnahme Chinas an einer Weltmeisterschaft in den kommenden Jahren. Hinzu kam, dass wir in China durch unsere beiden Touren mit der Profimannschaft extreme Aufmerksamkeit generiert haben“, so Wahl, der aktuell ein Team aus fünf Mitarbeitern aufgebaut hat.

VfL Wolfsburg folgte VW nach Shanghai

Wolfsburg eröffnete sein China-Büro erst im März 2018, auch wenn bereits 2012 ein erstes Freundschaftsspiel gegen eine chinesische Mannschaft stattfand. Jägelers Team umfasst drei Mitarbeiter und statt Shanghai residiert der VfL „aus zwei Gründen in Peking. VW hat sein Headquarter ebenfalls in der Stadt, und wir sind näher an den politischen Entscheidern.“

Für beide Bundesligisten gilt, Sponsoren auf dem chinesischen Markt zu finden und strategische Partnerschaften für die Zukunft zu schließen. Dass dies nicht immer exakt wie in Deutschland abläuft, war für Jägeler Herausforderung und interessante Erfahrung zugleich.

„Dinge laufen auf eine bestimmte Art in China“

„Wenn wir in Deutschland einen ersten Geschäftstermin haben, dann wird sich akribisch mit Präsentation und Vorträgen darauf vorbereitet. In China spielt das zunächst überhaupt keine Rolle. Die Chinesen wollen einen erstmal kennenlernen, zusammen essen und sobald eine gewisse Vertrauensbasis da ist, dann folgt der geschäftliche Teil“, erklärt Jägeler: „Manchmal wundert man sich über diese Besonderheiten, aber am Ende lachen wir meist gemeinsam mit den chinesischen Kollegen drüber. Am Ende finde ich manchmal sogar die deutsche Arroganz zu glauben, die Chinesen machen es komisch, etwas hinderlich. Dinge laufen eben auf eine bestimmte Art in China, und wir als Gäste müssen uns dementsprechend an die Auflagen und Regeln halten.“

Ein weiteres wichtiges Feld – und vielleicht das sogar noch etwas anspruchsvollere – ist die Vermittlung des fußballerischen Know-Hows wie zum Beispiel Trainingssteuerung, Infrastruktur oder auch ein Ligen-System. Aktuell fehlen viele diese Strukturen trotz des groß proklamierten Masterplans durch die Regierung noch in China, und so haben Bundesligisten wie der VfL Wolfsburg alle Hände voll zu tun, ihre Expertise mit viel Fingerspitzengefühl zu vermitteln.

 

Unterschiede in der Trainingsphilosophie

„Es ist sehr spannend zu sehen, wie Kinder in China im Vergleich zu Deutschland aufwachsen. Wie unterschiedlich auch die Trainingsphilosophien sind. Wenn zum Beispiel unsere Trainer sagen, aus Gründen der Trainingssteuerung macht es Sinn einmal, maximal zweimal am Tag zu trainieren, dann würden die Chinesen am liebsten viermal trainieren“, so Jägeler: „Wir versuchen einen Mittelweg zu gehen und geben immer Empfehlungen ab, da wir natürlich auch eine gewisse Verantwortung gegenüber den Jugendlichen haben.“

„Wenn wir uns hinstellen und sagen „Macht den deutschen Weg“, dann hat das keinen Sinn. Denn am Ende entscheiden immer noch die Chinesen. Wir sind Gäste, wir wollen helfen, und wir wollen uns nicht anmaßen, dass all unser Wissen das einzig richtige ist. Der deutsche Weg ist nicht unbedingt immer der richtige Weg.“

Nichts desto trotz verfügen die Bundesligisten über deutlich mehr Erfahrung in allen relevanten Bereichen und kämpfen neben unterschiedlichen Trainingsphilosophien auch auf übergeordneter Ebene gegen so manchen Widerstand. Vor allem eine große Ungeduld auf Seiten der Entscheider erschwert oft eine nachhaltige Entwicklung der Strukturen.

 

Ungeduld als große Hürde

„Gefühlt ist es in China manchmal so, dass nach einem Jahr alles wieder auf den Kopf gestellt werden soll, obwohl wir eigentlich eine Entwicklung sehen. Die Problematik ist häufig, dass die Experten unsere Empfehlungen annehmen, aber die Positionen der Entscheider letztlich nicht mit Experten, sondern mit sportfernen Personen besetzt sind.“

Die Transformation von Ungeduld in Geduld und Vertrauen scheint also zunächst die größte Hürde, aber sofern diese genommen ist, glaubt Jägeler, dass China eine gute Chance im internationalen Fußball hat: „In Deutschland sollen die Jugendlichen über den Spaß langsam an die Jugendmannschaften und dann Richtung Profibereich geführt werden. Diese Strukturen finden in China noch nicht statt. Diese Entwicklung einer Fußballkultur wird aber ein entscheidender Faktor sein. Sollten diese Kriterien erfüllt werden, dann bin ich mir sicher, dass China einiges im Fußball erreichen kann.“

Zwischen Zhang und dem VfL Wolfsburg ist der Kontakt übrigens auch nach seiner Rückkehr nach China nicht ganz abgebrochen. In Winter-Trainingslager in Spanien traf der Chinese auf sein altes Team aus Wolfsburg und es gab einen freundlichen Austausch. Und so wird es dann eben vielleicht erst der zweite oder dritte Anfang, der die Fans in Wolfsburg und der Bundesliga verzaubern wird.

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