Interview mit DAV-Vizepräsidentin und Delegierte für den IFSC

„Olympia ist kein Selbstläufer“ - So reif ist Klettern für Tokio 2021

Klettern war bei Olympia 1992 als Demonstrationswettbewerb noch ein Reinfall. Warum das vor der Medaillen-Premiere 2021 in Tokio ein Glücksfall ist, erklärt Kletter-Schiedsrichterin und IFSC-Funktionärin Burgi Beste.

Das Klettern hat sich seit dem Debakel von Albertville professionalisiert.
Das Klettern hat sich seit dem Debakel von Albertville professionalisiert.

Die Pädagogin Burgi Beste ist Vize-Präsidentin des Deutschen Alpenvereins, Delegierte des IFSC sowie nationale und internationale Schiedsrichterin bei Kletterwettkämpfen. ISPO.com hat die sympathische ehemalige Schulleiterin zum Interview gebeten.

Ein Gespräch über Chancen durch Olympia und warum es gut war, dass der Demonstrationswettbewerb Klettern bei den Olympischen Winterspielen 1992 ein Reinfall war.

Action am Beachbody Stand auf der ISPO Munich 2020
Welche Themen bewegen das Sport Business? Was sind die neuesten Innovationen der Branche? Welche Trends werden in Zukunft dominieren? Mit dem kostenlosen ISPO Newsletter sind Sie immer auf dem neuesten Stand - 365 Tage im Jahr!

Warum Klettern 1992 in Albertville nicht überzeugte

ISPO.com: Frau Beste, Klettern wird 2021 olympische Disziplin, nachdem es bereits 1992 in Albertville Demonstrationswettbewerb war. Was hat sich in den vergangenen knapp 30 Jahren im Klettersport getan? Ist Klettern reif für Olympia?
Burgi Beste: Ja, Klettern ist jetzt reif für Olympia. Der Demonstrationswettbewerb in Albertville zeigt sehr schön die Entwicklung im Klettersport. Lassen Sie uns kurz die Zeit noch einmal zurückdrehen: Bereits 1992 gab es seitens des IOC Überlegungen den Klettersport als olympische Disziplin aufzunehmen. Als bei den Winterspielen in Albertville dann noch eine Hallensportart fürs Publikum fehlte, wurde Klettern als Demonstrationswettbewerb aufgenommen. Gesagt, getan, alle freuten sich und dachten, damit könnte man den Sport unkompliziert bei Olympia integrieren.

Aber?
Nun, der Wettbewerb in Albertville war dann ein ziemliches Desaster: Austragungsort war eine Eishalle, die Athleten traten bei eisigen Temperaturen in
dünnen Leggings und Trägershirts an – was schon mal skurril war. Dann kommt hinzu, dass damals die Routen noch ganz anders gesetzt wurden. Es handelte sich um einen Lead-Wettkampf, die Routen enthielten viele Ruhepunkte für die Wettkämpfer. Dementsprechend zog sich das Finale gigantisch in die Länge und sprengte alle zeitlichen Rahmen. Das IOC erklärte daraufhin schnell, dass es nicht begeistert sei und entsprechend Klettern nicht als olympische Disziplin aufgenommen wird.

Burgi Beste beim Boulder-Weltcup in München.
Burgi Beste beim Boulder-Weltcup in München.

Klettern ist gewachsen

Steckte in dieser Abfuhr eine Chance?
Absolut. Seit Albertville hat sich viel getan. Klettern ist Breitensport geworden. Schätzungen zufolge gehen wir davon aus, dass 500.000 bis 600.000 Personen in Deutschland klettern. Allein der Bereich Bouldern hat in den letzten Jahren einen gigantischen Schub nach vorne gemacht. Viele Boulder-Einsteiger nutzen diesen Sport ähnlich einem Fitnessstudio-Besuch. Sie gehen abends für 1,5 Stunden in die Boulderhalle und powern sich aus. Durch die vielen Kletter- und Boulderanlagen in den Städten ist der Sport in der Gesellschaft bekannt geworden, anders als 1992 beim Auftritt in Albertville. Viele Menschen haben mittlerweile eine Vorstellung von Klettern und auch von Kletterwettkämpfen.

Wie ist ihrer Meinung nach der Klettersport in den letzten knapp 30 Jahren so groß geworden?
Das hat viel mit den veränderten Verbandsstrukturen zu tun. Sicherlich spielt die Abspaltung der IFSC von der UIAA im Jahr 2007 eine zentrale  Rolle. Die IFSC hat es sich sehr schnell als Ziel auf die Fahnen geschrieben, wieder einen Vorstoß Richtung Olympia zu unternehmen. Diese Anstrengungen und damit verbundenen Veränderungen haben sich dann runtergebrochen bis in die nationalen Verbände. Hier hat sich eine ganze Menge verändert, was dem Sport zugutekommt.

Auch die Wettkämpfe sind viel professioneller geworden und der Stil, wie geschraubt und geklettert wird, hat sich stark verändert. Heute wird viel dynamischer geklettert, was den Sport deutlich zuschauerfreundlicher gestaltet, und vor allem so, dass er auch Wettkampfbesuchern Spaß bereitet, die den Sport nicht selbst ausüben. Auch medial hat sich viel getan: Die Wettbewerbe werden jetzt viel besser aufbereitet. Diese ganzen Veränderungen, die nach Albertville angestoßen wurden, führen dazu, dass Klettern jetzt reif ist für Olympia.

Stichwort Professionalisierung: Hier waren auch Sie maßgeblich daran beteiligt. Wie haben Sie die Wettkämpfe verändert und können auch heute noch junge Talente in Deutschland davon profitieren?
Da müssen wir kurz etwas ausholen: Meine Tochter Annika, wie auch mein Sohn Nils hatten Interesse am Klettern. Daraufhin traten wir dem DAV bei und nahmen an Kletterfreizeiten teil. Annika hat dann schnell Lust entwickelt den Sport leistungsmäßig zu betreiben und hat an Wettkämpfen teilgenommen. Sie erzielte schnell Erfolge und stieg von den Landesmeisterschaften in den Jugend-Nationalkader auf und nahm auch an europäischen Jugendcups teil. Ich war notgedrungen das Taxi für meine Tochter. Selbst zum Training mussten wir anfangs jedes Mal eine Strecke von 70 Kilometern fahren. Es gab schlichtweg zu der Zeit noch keine Kletterhalle in unserer Nähe.

Bei den Wettkämpfen war es dann immer mal ein bisschen langweilig für mich, wenn man das ganze Wochenende in einer Halle verbringt. Das war der Moment, in dem ich anfing, mir die Strukturen ein bisschen genauer anzuschauen. Ich habe Überlegungen angestellt, wie man die Wettbewerbe noch professioneller machen könnte. Auch was das Schiedsrichtern angeht. Was dazu führte, dass ich eine Schiedsrichterausbildung gemacht habe. Letztlich auch um bei den Wettbewerben, an denen meine Tochter teilnahm, beschäftigt zu sein.

Und dann kam eines zum Anderen: Ich bin vom Landesverbandsvorsitzenden des DAV Nordrhein-Westfalen angesprochen worden, ob ich mir vorstellen könnte, Leistungssportreferentin für den Landesverband NRW zu werden. Was ich dann auch gemacht habe. Ich habe dann sehr schnell ein Team aus Personen rekrutiert, die wie ich ein Interesse daran hatten, nachhaltige Strukturen aufzubauen, um Kinder und Jugendliche vom Klettern zu begeistern. Wir haben einen Landeskader aufgebaut, Trainer gesucht, Hallen für die Kaderarbeit begeistert und Wettkampfstrukturen aufgebaut.

Burgi Beste (2.v.r.) als Schiedsrichterin beim Jugendcup im Lead-Klettern 2019.
Burgi Beste (2.v.r.) als Schiedsrichterin beim Jugendcup im Lead-Klettern 2019.

Raus aus der Nische

Profitieren von Ihrer Aufbauarbeit auch heute noch junge Talente?
Auf jeden Fall. Wir haben damals neben den Landesmeisterschaften auch die Serie  „Kidscup“ ins Leben gerufen. Wettkämpfe für Kinder und Jugendliche zwischen 8 und 14 Jahren. Hierfür haben wir aus den Sektionen und Hallen heraus die Kids eingeladen. Wir wollten über diese neue Serie einerseits interessierten Kindern die Chance ermöglichen, dass sie sich mit anderen im Wettkampf messen können. Andererseits nutzen wir den Wettbewerb zum Talentscouting. Daraus resultieren Athleten wie Juliane Wurm und Yannick Flohé. Die Kidscups haben dann auch andere Landesverbände übernommen und eigene Serien aufgebaut. Diese Wettbewerbe gibt es nach wie vor.

Und dann schließt sich der Kreis mit der olympischen Teilnahme des Klettersports kommenden Sommer in Tokio. Wo sehen Sie die größten Chancen durch Olympia?
In erster Linie, dass der Sport noch bekannter wird und eine noch breitere Gesellschaft durchdringt. Das betrifft dann auch die Medien, wo der Klettersport aus der Nische Internetstreaming entwächst und im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ausgestrahlt wird. Ein Punkt, der dann letztlich auch den Hallen und den Herstellern zugutekommen wird, weil mehr Menschen Lust bekommen, den Sport auszuprobieren oder mit dem Klettern anfangen.

Die Kletter-Branche muss an einem Strang ziehen

Sie sind Vize-Präsidentin des Deutschen Alpenvereins, welche Maßnahmen ergreift der DAV hinsichtlich Olympia 2021?
Wir haben bereits 2018 unsere große „Climb to Tokyo“-Kampagne gestartet und bereiten das Thema Klettern darüber hinaus auch noch breit auf, mit Geschichten und Hintergrundwissen, Vorstellungen der Athleten und vielem mehr. Selbstverständlich versorgen wir auch die Presse regelmäßig mit Mitteilungen zum Klettersport. Auch die Social-Media-Kanäle werden bedient, was bereits Wirkung zeigt. Nehmen Sie beispielsweise die Deutsche Meisterschaft dieses Jahr in Hilden: Das junge Publikum war begeistert und legte großen Wert darauf, ein Autogramm von den Athleten zu bekommen. Das war viel intensiver als im vergangenen Jahr.

Man merkt also, dass Olympia bereits jetzt schon Früchte trägt?
Olympia ist kein Selbstläufer, auch wenn der Wettbewerb in Tokio gut läuft, was ich persönlich sehr hoffe, muss die Branche über alle Bereiche hinweg danach an einem Strang ziehen. Nur so kann sichergestellt werden, dass die positive Stimmung eine nachhaltige Wirkung für den Sport erzielt.

Werden Sie in Tokyo schiedsrichtern?
Nein, ich darf leider aufgrund meiner Funktion als Vize-Präsidentin des DAV nicht, in der ich auch als nationale Delegierte für den IFSC fungiere. Aber ich werde als DAV-Vizepräsidentin nach Tokio reisen.

Kommentare


Themen dieses Artikels