Autor:
Lars Becker

Sportartikelhändler kritisieren Lieferschwierigkeiten und enge Marketing-Timelines

Digitale Lieferkette: Der Traum vom Ende der Engpässe

Bei der Digitalisierung der Lieferkette spielen zwei Schlagworte eine maßgebliche Rolle: NOS – Never out of stock und OTC – Order to Cash. Es geht also um ständige Verfügbarkeit der Waren und um einen reibungslosen Ablauf – von der Bestellung bis zur Bezahlung. Durch die digitale Transformation bieten sich hier große Chancen für Händler und Hersteller. In Teil 3 der ISPO.com Händler-Umfrage zeigt sich, dass es in der Praxis aber auch Probleme gibt.

Jede Ware jederzeit verfügbar - der digitale Wandel kommt auch der Lieferkette zugute.
Jede Ware jederzeit verfügbar - der digitale Wandel kommt auch der Lieferkette zugute.

ISPO.com hat vor dem ISPO Digitize Summit nachgehakt und wollte wissen, wo bei den Händlern der Schuh drückt. In Teil 1 unserer Händlerinterviews geht es um die wichtigsten Herausforderungen durch die Digitalisierung. Teil 2 beschäftigt sich mit dem schwierigen Verhältnis zu den Herstellern und in Teil 3 verraten die Händler, wie digital die Lieferkette aus ihrer Sicht wirklich ist.

Never out of stock (NOS) – das Prinzip klingt für Kunden wie Händler in der Theorie genial. In der Praxis gibt es jedoch mit der ständigen Verfügbarkeit jedes gewünschten Artikels teils noch große Probleme.

„Intersport hat in den letzten Jahren eine gute Arbeit geleistet und Themen wie NOS oder das Orderportal stetig vorangetrieben. Aber auch hier gibt es noch viel Potenzial für Verbesserungen, vor allem in der Lieferfähigkeit. Dies ist nämlich der große Nachteil von NOS. Das alles funktioniert wunderbar, solange die Lieferfähigkeit gewährleistet ist – bei Lieferengpässen wird es umgekehrt dann oft zum Problem, da man sich zu stark auf die Automatismen im Hintergrund verlässt“, sagt Marcel Altenfelder, Geschäftsführer des Intersport-Stores in Dörfles-Esbach.

Lieferkette teilweise noch „hochgradig analog“

Wie schon in Teil 2 unserer ISPO-Umfrage beschrieben, ist bei der  Zusammenarbeit zwischen Herstellern und Händlern Sand im Getriebe. „Durch das starke Saisongeschäft, sowie verbindliche Launchtermine gestaltet sich die Belieferungssituation durch die Hersteller teils schwierig. Harte internationale Marketing-Timelines führen dann zu Problemen“, verrät Carsten Schmitz, Chief Digital Officer von Intersport Deutschland.

Joachim Kiegele, Inhaber des Stores in Geisenheim, wird noch deutlicher: „Heute ist die Lieferkette an vielen Stellen immer noch hochgradig analog und wird beherrscht von einer Verwaltung des Mangels. Wir verwenden nach wie vor zu viel Zeit für dieses Problem, anstatt den Prozess der Ausstattung der Menschen mit Waren neu zu denken. Leider!“

Kosten sparen durch elektronische Preisschilder

Zwar wird auch in der Sport-Branche die Digitalisierung der Lieferkette von den „Big Playern“ vorangetrieben, die Geschwindigkeit der Umsetzung ist jedoch an den verschiedenen Stellen der Prozesskette höchst unterschiedlich. Viele eher traditionelle Händler sperren sich noch gegen die neuen Prozesse, andere haben Probleme bei der Umsetzung.

Dabei bietet die Digitalisierung große Chancen, wie Nicole Kälber als Inhaberin & Geschäftsführerin eines Intersport-Geschäfts in Pforzheim findet: „Es gibt kein Papier mehr wie elektronische ABs, Lieferscheine oder Rechnungen. Durch elektronische Preisschilder werden Kosten gespart, die Ware ist schneller im Verkauf und preislich änderbar.“

OTC braucht Investitionen

Bei Sport 2000 ist die Prozesskette Order to Cash (OTC) – also von der Bestellung bis zum Zahlungseingang – in größten Teilen bereits vollständig digital, zumindest was die Kernprozesse wie Artikelanlage, Auftrag, Bestätigung, Lieferavis (Ankündigung der Lieferung) und Rechnung angeht.

Geschäftsführer Andreas Rudolf verweist auf den hohen Grad der Verlässlichkeit und die Erhöhung der Effizienz durch die Digitalisierung. Das reduziere die Kosten: „Doch der Weg dorthin ist mit hohen Aufwänden und nicht zu unterschätzenden Investitionen in Maschinen und Menschen gepflastert. Viele Standards, die in diesen Bereichen ihre Anwendung finden, lassen sehr viel Interpretationsspielraum zu, was dazu führt, dass hier weiterhin ein großer Abstimmungsbedarf zwischen den Teilnehmern herrscht. Dies wird oftmals unterschätzt bzw. falsch eingeschätzt.“ Wichtig sei, die Teilprozesse möglichst schlank und effizient zu gestalten.

Digital Readiness Check zeigt Stand der Digitalisierung

Rudolf hat daher eine wichtige Empfehlung: „Digitalisierung bedeutet zuerst, sich mit den Prozessen zu befassen.“ Die perfekte Plattform, über die Ausgestaltung der digitalen Lieferkette zu diskutieren, bietet der ISPO Digitize Summit. Dort treffen sich große und kleine Player der Sportindustrie am 28./29. Juni im Internationalen Congress Center ICM in München.

Ein spannendes Tool, um zu überprüfen, wie weit man als Unternehmen schon mit der Digitalisierung vorangekommen ist, ist der Digital Readiness Check. Professor Karl Peter Fischer hat das kostenlose Online-Tool zusammen mit der ISPO entwickelt und sieht großen Nachholbedarf in der Branche.

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Lars Becker
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