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Sportbusiness/23.10.2023

Second Life: Warum Textile-to-Textile (T2T) der Kickstarter für die Kreislaufwirtschaft sein könnte

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Mit Rücknahmeservices möchten Brands und Retailer Verbraucher*innen das gute Gefühl geben, dass ihre gebrauchte Kleidung ein zweites Leben bekommt. Manchmal klappt das, aber oft landen die Lieblingsstücke doch auf der Mülldeponie oder werden verbrannt. Die Antwort? Textile-to-Textile (T2T). Wir erklären, wie es funktioniert und wer es vormacht.

Louisa Smith ist eine weltweit anerkannte Textil- und Fashionexpertin. Ihr Innovationsgeist sowie ihre Expertise machen sie zu einer gefragten Meinungsführerin der Textilbranche - auch im Sport- und Outdoorbereich. Bei den Textrends Awards ist sie führendes Jury-Mitglied und präsentiert diese einmal im Jahr auf der ISPO Munich. Außerdem unterstützt Louisa Smith ab sofort das Team rund um den ISPO Award mit einem Sustainability-Check und prüft die Nachhaltigkeitsangaben relevanter Produkte – für mehr Transparenz und wirkliche Veränderung in der Sportwelt. Für ISPO.com blickt sie in ihrer Kolumne Tex-Bites auf Innovationen und Trends der Branche.

Derzeit setzen viele Brands auf Rücknahmeservices. Die gebrauchte Kleidung wird meist von Partnerfirmen abgeholt, sortiert, weiterverkauft – oder landet im Müll oder in der Verbrennungsanlage. Denn ein Großteil der Kleidung, die derzeit durch Rücknahmesysteme wiederverwendet werden soll, ist nicht für den Gebrauchtmarkt geeignet. 

Recyclen, wiederverwenden, wiederverkaufen, reparieren – all das kennen wir schon. Aber wie sieht es mit einem völlig neuen Leben aus? Ein Produkt am Ende seines Lebenszyklus komplett in einen Rohstoff für einen neuen Stoff überführen? Das geht! Das Prinzip nennt sich Textile-to-Textile (T2T). Damit würde sich der Kreislauf eines Kleidungsstücks schließen – vielleicht der Beginn dafür, dass die Kreislaufwirtschaft zum Mainstream wird.

Die Kreislaufwirtschaft bzw. T2T gibt Kleidung eine zweite Chance.
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Lea Rae/shutterstock

Spinnova und Renewcell – zwei Pioniere für die Kreislaufwirtschaft

Einen ersten Schritt in diese Richtung machen die preisgekrönten Unternehmen für Kreislaufinnovationen Spinnova und Renewcell. Sie haben ihre Zusammenarbeit bei der Einführung eines Technologiekonzepts angekündigt, mit dem sich die Produktion von Textilfasern der nächsten Generation aus Textilabfällen skalieren lässt. Das neue Faserproduktionskonzept kombiniert patentierte Technologien beider Unternehmen und bringt die Kreislaufwirtschaft in der Mode- und Textilindustrie ein Stück weiter voran.

Als Vorreiter einer Kreislaufwirtschaft in der Modeindustrie recycelt Renewcell zellulosereiche Textilabfälle wie Baumwolle und Viskose mithilfe eines patentierten Verfahrens, das Textilabfälle in ein Zellstoffprodukt namens Circulose verwandelt. Dieser biologisch abbaubare Rohstoff wird zu 100 % aus recycelten Textilien hergestellt und kann zur Herstellung neuer Fasern verwendet werden.

„Die Textilindustrie befindet sich inmitten eines massiven Wandels von einem linearen Geschäftsmodell zu einer Kreislaufwirtschaft. Der Wandel erfordert neue Partnerschaften und mutige, innovative Akteur*innen. Es war wirklich spannend, mehr über die Technologie von Spinnova zu erfahren. Wir können es kaum erwarten, die erste Kollektion aus Circulose auf den Markt zu bringen, die mit der einzigartigen Faserspinntechnologie von Spinnova hergestellt wurde“, sagt Patrik Lundström, CEO von Renewcell.

Bisher wurde Circulose zur Herstellung von künstlichen Zellulosefasern, wie z. B. Viskose, verwendet. Mit der transformativen Technologie von Spinnova können die Partner Circulose in eine neue, biobasierte Textilfaser umwandeln, die ohne schädliche Chemikalien im Faserspinnprozess auskommt. Das ist ein bemerkenswerter Schritt zur Lösung des wachsenden Textilabfallproblems in der Industrie, der gleichzeitig neue Maßstäbe für die nachhaltige Textilfaserproduktion setzt.

Spinnova hat bereits einige erfolgreich Versuche unternommen, den Circulose-Zellstoff zu neuen Textilfasern zu spinnen. Die ersten Chargen von Spinnova-Fasern aus 100 % Circulose wurden für die Entwicklung von Garnen und Geweben genutzt, und die ersten Prototypen bestehen aus einer Mischung aus Baumwolle und Circulose.

Den Trend zu künstlichen Zellulosefasern im Sport sollte man auf jeden Fall im Auge behalten.

Ein Wandel der Textilindustrie könnte auch das Textilabfallproblem lösen.
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Kollaboration für Kreislaufwirtschaft im kommerziellen Maßstab

„Die Mode- und Textilindustrie braucht neue Lösungen und eine Zusammenarbeit über die gesamte Lieferkette hinweg, was diese Partnerschaft für uns so spannend macht. Unser Ziel ist es, den Übergang der Modeindustrie zu einer Kreislaufwirtschaft zu beschleunigen und Möglichkeiten zu erforschen, um die Produktion von Textilien zu Textilfasern zu skalieren“, sagt Ben Selby, stellvertretender CEO von Spinnova. Er berichtet, dass die ersten Tests, bei denen das Material von Renewcell und die Technologie von Spinnova kombiniert wurden, sehr vielversprechend waren.

Die Unternehmen prüfen derzeit mit potenziellen Partner*innen die Möglichkeiten, die Textile-to-Textile-Faserproduktion zu skalieren, und erwarten, dass sie bald mit der Entwicklung der ersten kommerziellen Kollektion aus Circulose-Fasern beginnen können. Die ersten Produkte können Verbraucher*innen voraussichtlich Ende 2024 kaufen.

Goodwill meets Accelerating Circularity – neue Infrastrukturen für die Kreislaufwirtschaft

Auch andere Brands sind auf dem Vormarsch. Die Walmart Foundation hat 1,2 Millionen Dollar zur Unterstützung von Goodwill Industries International Inc. und Accelerating Circularity bereitgestellt. 

Goodwill ist eine US-amerikanische Non-Profit-Organisation, die gespendete Kleidung verkauft, um lokale Projekte zu unterstützen. Da es sich um eine Wohltätigkeitsorganisation handelt, sind Menge und Vielfalt der Kleidung, die abgegeben wird, im Vergleich zu anderen Einzelhändlern einzigartig. Viskose, Baumwolle, Synthetikfasern, Mischungen – sie alle können mit Accelerating Circularity in ein neues Leben überführt werden. 

Bei den teilnehmenden Goodwill-Organisationen sollen Skills, Systeme und Infrastrukturen aufgebaut werden, um aus unverkäuflichen Textilspenden Recyclingmaterial zu machen. Dieser Wandel ist entscheidend für die Kreislaufwirtschaft im Textilbereich. 

„Goodwill konzentriert sich auf die Entwicklung von Lösungen für Textilien, die skalierbar, zirkulär und rückverfolgbar sind. Wir sehen Textile-to-Textile-Recycling als einen wichtigen Weg für Kleiderspenden, die nicht mehr nutzbar sind und ihr Lebensende erreicht haben“, sagt Brittany Dickinson, Direktorin für Nachhaltigkeit bei Goodwill Industries International. 

Die non-profit Organisation Accelerating Circularity hilft dabei, gebrauchte Textilien in gängige Rohstoffe zu verwandeln.
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Accelerating Circularity

Accelerating Circularity (ACP) hat es sich zur Aufgabe gemacht, neue Lieferketten und Geschäftsmodelle zu entwickeln, um aus Alttextilien gängige Rohstoffe zu machen. ACP ist eine Non-Profit-Organisation, die sich auf Textile-to-Textile-Recycling in kommerzieller Größenordnung konzentriert. Dazu setzt die handlungsortientierte NGO auf einen kooperativen Ansatz, der von den verschiedenen Interessengruppen geleitet wird.

Sie verfügen zwar über das Know-how, aber am Ende sind es Brands und Retailer, die die Sache in die Hand nehmen müssen. Das soll durch eine Zusammenarbeit geschehen, die auch durch einen Zuschuss des Einzelhandelssektors finanziert wird.

„Wir möchten unsere Mission vorantreiben, indem wir Goodwill dabei unterstützen, Textilien, die für die Wiederverwertung bestimmt sind, in höherwertige Recyclingrohstoffe umzuwandeln. Wir sortieren nach Spezifikationen, entfernen Zierleisten und andere Störstoffe und sammeln ausreichende Mengen, um die vollständige Kommerzialisierung von Textile-to-Textile-Systemen zu unterstützen“, sagt Karla Magruder, Präsidentin und Gründerin von Accelerating Circularity.

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