Autor:
Benjamin Prüfer

Ultradistanzradler im Interview

Extremradler Jonas Deichmann: „Ich lebe auf dem Rad“

Statt einer Wohnung hat der Deutsche Jonas Deichmann ein Fahrrad und ein Zelt. Damit durchquert er Kontinente in Rekordzeit: 2017 radelten er in 63 Tagen von Portugal nach Wladiwostok, 2018 in 97 Tagen von Feuerland nach Alaska und im letzten Jahr in 72 Tagen vom Nordkap nach Kapstadt. Im Interview mit ISPO.com erklärt er, wie er das schneller als jeder andere schafft, obwohl er morgens nie weiß, was er essen und wo er schlafen wird. 

 

Langdistanz-Radler Jonas Deichmann
Jonas Deichmann

ISPO.com: In den vergangenen drei Jahren stellten Sie drei Weltrekorde für Ultra-Langdistanzen beim Radfahren auf. Dabei legen Sie großen Wert darauf, ohne Begleitfahrzeug und Support-Team zu radeln. Warum ist es Ihnen so wichtig, allein unterwegs zu sein? 
Jonas Deichmann: Es geht mir ums Abenteuer. Ich mach dies, um jeden Tag etwas Neues zu erleben, mit einem Begleitfahrzeug fehlt das. Das Support-Team im Fahrzeug löst alle Probleme. Ich könnte zwar viel, viel schneller sein mit Begleitfahrzeug, aber es würde mir keinen Spaß machen. 

Sie waren Sales Manager bei einer IT-Firma bis 2018. Warum haben Sie sich entschlossen, Extremsportler zu werden?  
Das Leben auf dem Fahrrad gefällt mir einfach besser. Es geht mir darum, mich lebendig zu fühlen. Wenn ich vom Nordkap nach Kapstadt fahre, wache ich morgens in meinem Zelt auf und weiß, dass ich heute etwas erleben werde, was ich nie zuvor erlebt habe. Und wenn ich alt bin, werde ich viele schöne Erinnerungen haben. Daher habe ich meinem Chef erklärt, dass ich lieber auf dem Fahrrad sitze, als im Anzug ins Büro zu kommen und habe gekündigt. 

Wo schlafen Sie nachts? Sie haben ja niemanden, der ihnen ein Hotel bucht. 
Ich weiß nie im Voraus, ob ich Rückenwind oder Gegenwind haben werde, doch der Wind hat eine enorme Auswirkung auf meine Leistung. Aber ich muss jeden Tag so weit kommen, wie möglich. Das heißt, ich kann nicht vorausplanen. Wenn es sich ergibt, dass ich abends in eine Stadt komme, wo es ein Hotel gibt, dann nehme ich das.

Das ist aber nur in 20 Prozent der Nächte der Fall. Ansonsten lege ich mich irgendwo neben die Straße, hinter einen Baum, hinter eine Tankstelle, in einen Graben – wo es eben ein schönes Plätzchen gibt. Oft werde ich auch von Einheimischen eingeladen. In Afrika habe ich aus Sicherheitsgründen oft in Polizeistationen geschlafen. 

„Lebensmitttelvergiftungen sind reine Kopfsache“

Gibt es Schlafplätze, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind? 
Oh ja. Eine Nacht bin ich bei sudanesischen Goldgräbern eingeladen worden unter dem Himmel der Sahara, da habe ich 800 Kilometer von der nächsten Stadt entfernt geschlafen. Dann habe ich eine Nacht in einer Gefängniszelle in Ägypten verbracht. Dort gibt es alle 30 Kilometer einen Polizei-Checkpoint, da die Ägypter große Angst vor Terror-Angriffen auf Touristen haben. Deshalb wollten sie mein Fahrrad auf einen Pickup laden und mich ins nächste Hotel fahren.

Ich konnte ihnen nicht erklären, dass ich jeden Zentimeter mit dem Fahrrad fahren wollte. Schließlich einigten wir uns darauf, dass ich in einer Zelle schlafen würde – allerdings mit offener Tür. In Botswana wollte ich mal auf dem Gelände einer Polizeistation zelten. Um wilde Tiere zu vertreiben, wollte ich ein Feuer machen. Aber es hatte geregnet. Daher musste ich in einer Abstellkammer der Station zelten. Das war mein Glück – in der Nacht kam ein Löwe in das Camp und fraß einen Hund. 

Wie bereiten Sie sich auf eine Tour vor? 
Ich habe keine Wohnung, sondern lebe auf dem Fahrrad. Ich halte viele Motivationsvorträge bei Firmen und mache Expeditionen und fahre dabei von einer Veranstaltung zur anderen. Nachts übernachte ich bei Freunden oder biwakiere im Zelt. So kommen über 50.000 Kilometer im Jahr zusammen. Einen speziellen Trainingsplan aber habe ich nicht. Ich fahre einfach nur sehr, sehr viel Fahrrad. 

Was haben Sie auf dem Rad dabei? 
Es geht mir darum, Minimalist zu sein – sonst ist man nicht schnell. Ich habe ein Zelt dabei, Schlafsack, Isomatte, zwei Trikots, zwei Radhosen –  eine habe ich an, die andere trocknet in der Satteltasche. Außerdem Werkzeug, zwei GoPro-Kameras und Hygieneartikel. Ich schneide sogar meine Zahnbürste in zwei Teile, um Gewicht zu sparen. 

Sie haben auf Touren einen Bedarf von 10.000 Kalorien pro Tag. Das ist die drei- bis vierfache Menge dessen, was die meisten von uns an einem normalen Arbeitstag verbrauchen. Wie können Sie diese Menge ohne ein Begleitfahrzeug zu sich nehmen? 
Das ist die größte Herausforderung. Ich esse, was ich finde, und davon sehr, sehr viel. In Europa geht es noch relativ gut. Es gibt Supermärkte und Tankstellen, wo man einkaufen kann. Die Wahrheit ist, dass jeder Ernährungsberater bei meiner Diät die Hände über dem Kopf zusammenschlagen würde. Ich esse extrem viele Schokoriegel und Kekse, gut sind auch Bananen. In Afrika ist es schwierig, da gibt es wirklich gar nichts zu essen. Ich habe im Sudan und in Äthiopien zehn Kilo verloren. 

Wie viele Lebensmittelvergiftungen holt man sich im Schnitt auf einer Fahrt durch zwei Kontinente? 
Auf den Eurasien- und Panamerika-Touren jeweils eine. Bei der letzten Tour in Afrika hatte ich drei: eine in der Sahara, eine in Äthiopien, eine in Sambia. Ich nehme dann Kohletabletten und fahre einfach weiter und ignoriere sie. Denn auch eine Lebensmittelvergiftung ist größtenteils eine Kopfsache. 

Wirklich? Die meisten würden sagen, dass es vor allem eine Darmsache sei ... 
Ich bin schon fünf, sechs Mal mit Lebensmittelvergiftung 250 Kilometer am Tag gefahren. Daher weiß ich, dass es geht. Wenn mir nicht ein Arzt sagt, dass ich langfristige Schäden riskiere, fahre ich einfach weiter. 

Aber Ärzte gibt es ja nicht, wo Sie unterwegs sind ...  
Ist vielleicht auch besser so. Die Ärzte sagen einem natürlich, dass man nicht weiterfahren kann – die sind ja keine Sportler. 

Wie orientieren sie sich auf ihre Touren? 
Navigation ist sehr, sehr einfach. In Afrika ist abseits der Hauptstraße eigentlich nichts asphaltiert. Da steht dann am Straßenrand zum Beispiel ein Schild “Nairobi 800 Kilometer” und dem folge ich einfach. 

Ist es nicht sehr einsam auf so einer Tour? 
Wenn ich draußen in der Natur bin, spüre ich keine Einsamkeit. Ich habe mal in München gelebt und wenn ich abends allein in meiner Wohnung war, dann fühlte ich mich einsam. Ansonsten lenke ich mich unterwegs durch Singen ab. Ich habe fünf Lieder, die ich auswendig kann und in dann in Endlosschleife singe. Wenn ich zelte zum Beispiel Go solo“ von Tom Rosenthal oder Nothing else matters“ von Metallica, um mich zu motivieren, wenn ich einen Alpenpass hochfahre. 

In welcher Situation auf ihren Reisen hatten Sie am meisten Angst? 
Im Verkehr - das mit Abstand Gefährlichste sind Autos. Angst hatte ich wirklich in Russland. Da hat mich ein LKW überholt und der Außenspiegel hat meine Schulter berührt. Danach hatte ich zwei Tage Probleme, mich zu fokussieren. Zehn Zentimeter mehr und ...

Was lernt man auf so langen Reisen? 
Für mich selbst habe ich gelernt, dass man viel mehr kann, als man erstmal denkt. Das Schwierigste ist, an die Startlinie zu kommen und es zu versuchen. Außerdem, dass man dem Bild, das die Menschen von manchen Ländern machen, nicht glauben sollte. Die nettesten Menschen traf ich im Sudan und im Iran. Die Menschen überall auf der Welt wollen nur in Frieden leben und sich um ihre Familien kümmern. Kriege und Konflikte finden zwischen Regierungen statt. Man muss sich selbst einen Ort machen. 

Und was wird Ihr nächstes Abenteuer? 
Ich habe am 22. Februar eine Pressekonferenz, auf der ich das bekannt gebe. Ich kann soviel sagen: Es ist nicht nur Fahrradfahren und es ist deutlich schwieriger als alles, was ich bisher getan habe. 

 

Autor:
Benjamin Prüfer
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