Autor:
Thomas Becker

ISPO Pokal 2020 für Ex-Langstreckenläuferin aus Kenia

Tegla Loroupe: 1,56 Meter pure Power

Tegla Loroupe war nicht nur jahrelang die weltbeste Marathonläuferin. Auch nach ihrer Karriere leistet die kleine Frau aus dem kenianischen Hochland Beachtliches: für Waisen und Flüchtlinge. Und für den Frieden. ISPO zeichnet Loroupe dafür im Rahmen der ISPO Munich 2020 mit dem ISPO Pokal aus.

Tegla Loroupe (hier mit IOC-Präsident Thomas Bach) ist als Chef de Mission des Refugee Teams auch an den Olympischen Spielen 2020 beteiligt.
Tegla Loroupe (hier mit IOC-Präsident Thomas Bach) ist als Chef de Mission des Refugee Teams auch an den Olympischen Spielen 2020 beteiligt.

Als Zuschauer sehen wir immer nur das Offensichtliche: den jubelnden Torschützen, den stürzenden Skifahrer, den schwitzenden Läufer. Was alles passiert ist, bis gejubelt, gestürzt und geschwitzt wird, bleibt meist im Verborgenen – es sei denn man hat einen richtig guten Reporter erwischt, der mehr zu erzählen weiß als bloß Alter, Geburtsort und die persönliche Bestleistung des Athleten.

Bei Tegla Loroupe bräuchte dieser Reporter schon ziemlich viel Zeit, um dem geneigten Zuschauer ein Bild von der Ausnahme-Frau aus dem kenianischen Hochland zu zeichnen. Denn nicht nur ihre Herkunft und ihre sportliche Karriere liefert Stoff für einen sehr umfangreichen Wälzer, auch ihr Leben nach dem Sport ist so prall gefüllt mit Erlebnissen und Begegnungen, dass man sich fragt, wie die nur 1,56 Meter kleine Person das alles wegsteckt. Aber der Reihe nach.

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Schon mit 13 in Kenias Nationalteam

Tegla Loroupe wuchs auf fast 3000 Metern Höhe in den Cherangani Hills im Norden Kenias an der Grenze zu Uganda auf - mit 24 Geschwistern. Vater Losiwa hatte fünf Frauen und feste Überzeugungen: Frauen haben im Haus zu arbeiten oder auf dem Feld. Was Tegla dann auch tat: den Boden mit der Hacke bearbeiten, Vieh hüten, Kühe melken, Feuerholz sammeln, Wasser schleppen und dabei die kleine Schwester Evelyn als Bündel auf dem Rücken tragen. Schule? Muss nicht sein.

Doch ihre Mutter – selbst ein Waisenkind – und ihre ältere Schwester Albina setzten sich dafür ein, dass Tegla, die alle nur Chepkite („Kleine“) riefen, zur Schule durfte. Die war neun Kilometer entfernt, und so war die Kleine jeden Tag 18 Kilometer unterwegs, auf steinigen Schotterpisten, barfuß. Die ersten Schuhe bekam sie erst mit zwölf, als sie sogar aufs Internat durfte.

Bis dahin war sie den Jungs bei Wettkämpfen schon locker davon gelaufen, was nicht gänzlich ohne Folgen blieb: Schon mit 13 gehörte Chepkite zur kenianischen Leichtathletik-Nationalmannschaft und bestritt Rennen in Japan - der Auftakt zu einer schillernden Karriere als mehrfache Weltrekordläuferin und Marathon-Spezialistin.

Tegla Loroupe holte zweimal WM-Bronze über 10.000 Meter und gewann zweimal den New York Marathon sowie fünf Mal Gold bei Halbmarathon-Weltmeisterschaften.
Tegla Loroupe holte zweimal WM-Bronze über 10.000 Meter und gewann zweimal den New York Marathon sowie fünf Mal Gold bei Halbmarathon-Weltmeisterschaften.

Wie Tegla Loroupe Kindern und Jugendlichen hilft

In Kapenguria, 50 Kilometer entfernt von ihrem Geburtsort Kapsait, lebt sie mit ihrer Mutter, den Waisen der verstorbenen Schwester und weiteren Adoptivkindern auch heute noch. Die kleine Stadt Kapenguria hat einen Platz in Kenias Geschichte, saß hier doch 1953 der spätere Staatsgründer Jomo Kenyatta nach dem Mau-Mau-Aufstand im Gefängnis.

Nicht weit von dieser historischen Stätte steht ein Teil von Teglas Lebenswerk: die „Peace and Leadership School“, die nicht nur Bildung vermitteln soll, sondern Mädchen auch Schutz bieten soll vor Missbrauch, Zwangsheirat und Genitalverstümmelung, die im ländlichen Afrika immer noch verbreitet ist.

Die Schule soll Kinder und Jugendliche auffangen, denen bewaffneter Viehdiebstahl, Stammesfehden, Krieg, Hunger und Aids die Eltern genommen haben, und sie soll Sprungbrett sein für eine sportliche Karriere, wie sie Tegla Loroupe selbst nutzte.

Anerkannte Sportfunktionärin: Tegla Loroupe in ihrer Funktion als UN-Botschafterin im Gespräch mit Roger Federer.
Anerkannte Sportfunktionärin: Tegla Loroupe in ihrer Funktion als UN-Botschafterin im Gespräch mit Roger Federer.

Durchbruch beim New York Marathon 1994

Zwei Sätze ihrer Mutter haben ihr bei diesem erstaunlichen Weg geholfen: „Du kannst Schmerzen ertragen, deshalb wirst du eines Tages die Beste sein.“ Und: „Wenn du selbst Besitz hast, bist du nicht der Besitz von einem Mann.“ Schon als kleines Mädchen habe sie sich Land gewünscht und zum Vater gesagt: „Du hast so viel Land. Wenn ich groß bin, möchte ich auch ein Stück davon.“ Er habe nur gelacht, erzählte sie mal.

Nach ihrem Sieg beim New York Marathon 1994 schickte sie den Sohn einer Nachbarin, bei dem ein Gehirntumor entdeckt wurde, zum Spezialisten nach Bombay, und adoptierte die sechs Kinder ihrer Schwester Albina, die mit 33 gestorben war.

Tegla Loroupe als erfolgreiche Sportfunktionärin

2003 hatte sie die Idee zum Tegla Loroupe Peace Race: einem Zehn-Kilometer-Straßenlauf, der die Krieger rivalisierender Stämme im sportlichen Wettstreit zusammenbringen sollte. Laufen statt Kämpfen: Oft sind die simplen Ideen die besten. Die Einnahmen des Events flossen in die Tegla Loroupe Peace Foundation, Kenias Präsident verlieh ihr den Ehrendoktortitel, die Vereinten Nationen ernannten sie zur Botschafterin, das Internationale Olympische Komitee (IOC) zeichnete sie ebenfalls aus – heute posiert sie auf Fotos mit dem spanischen König, Barack Obama, Emanuel Macron, George Clooney, Usain Bolt und vielen anderen Stars.

Sie ist Botschafterin des Welt-Leichtathletikverbandes IAAF, Mitglied des NOK Kenia und der Laureus Academy, Botschafterin der Entwicklungshilfe-Organisation Oxfam, arbeitet ehrenamtlich für die Kinderhilfsorganisation World Vision und war bei Olympia 2016 in Rio de Janeiro Chef de Mission des Refugee Teams – ein Amt, das sie auch bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio wieder übernehmen wird.

Als Chef de Mission unterstützt Tegla Loroupe das olympische Team der Refugee Athletes.

Frieden ist Tegla Loroupes Botschaft

Das wichtigste Projekt dieser kleinen und doch so energischen Frau bleibt aber die Friedens-Schule in ihrer Heimat Kapenguria, wo mittlerweile rund 400 Waisen betreut werden.

Tegla Loroupe, deren Name auch auf den so wichtigen Überlandbussen des Landes prangt, sagte mal: „Dies ist keine normale Schule. Die Kinder kommen aus verschiedenen kriegführenden Gemeinschaften. Sie lernen zusammen, sie treiben gemeinsam Sport. Dadurch verstehen sie, dass sie alle gleich sind. Und das lehren sie dann auch ihre Eltern.“

Autor:
Thomas Becker
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