Autor:
Thomas Becker

Nachruf auf verstorbenen Wintersport-Pionier

Ride in Peace! Wie Jake Burton Carpenter das Snowboarden erfand

Ride in peace, heißt es jetzt überall in den sozialen Medien der Snowboardgemeinde. Der Rider ist Jake Burton Carpenter, gestorben im Alter von 65 Jahren. Todesursache: Krebs. Noch vor wenigen Tagen erst hatte er seinen Mitarbeitern mitgeteilt, dass die Krebserkrankung zurückgekommen war, dass er kämpfen werde – er hat den Kampf verloren. Aus seinem Unternehmen in Burlington, Vermont, hieß es: "Er war der Gründer, die Seele des Snowboardens, derjenige, der uns den Sport gegeben hat, den wir alle so lieben.“

Jake Burton Carpenter gründete Burton Snowboards im Jahr 1977.
Jake Burton Carpenter gründete Burton Snowboards im Jahr 1977.

Dafür dass dieser Jake Burton – seinen eigentlichen Nachnamen Carpenter benutzte er fast nie – seit Ende der 70er Jahre eine Legende des Wintersports ist, war er ein sehr nahbarer Mensch, frei von jeglichen Allüren. Einer, mit dem man sofort ein Bier oder zwei trinken würde.

Zum Interviewtermin vor fast zehn Jahren bei den Burton European Open in Laax öffnet er die Tür und steht mit tropfnassen Haaren da, frisch aus der Dusche, gerade erst von der Piste gekommen, Talabfahrt mit Shaun White. „Very inspiring", sagt er über den Überflieger der Szene. Wenn hier einer inspirierend ist, dann ja wohl Mr. Burton himself. Doch statt den Reporter nun auf später zu vertrösten, bittet er ihn herein, rubbelt sich mit dem Handtuch die Haare trocken und ist für einen da, barfuß – keine Ahnung, wo die Socken gerade sind. Aber wer braucht schon Socken, um über Snowboarden zu reden?

Vom Snurfer zum Snowboard dank Burton

Es ist Januar, und dennoch hat Burton schon 58 Tage auf dem Brett gestanden. „Ich zähle immer von Juni an“, erklärt er, „das sind die letzten Schneetage bei uns am Mount Washington.“ Ein paar Stunden weiter westlich in Burlington, Vermont, hat er 1977 seine Firma gegründet. „Als ich anfing, gab es den Snurfer“, erinnert er sich, „der war zehn Zentimeter breit, knapp einen Meter lang, hatte keine Bindung, nur dieses Seil da vorne, wie Zügel. Ich wusste gleich: Die Bretter müssen breiter und länger sein und irgendeine Art von Bindung haben.“

Wer sich heute die Snurfer-Action-Bilder anschaut, kann nur fassungslos den Kopf schütteln: ohne Halt auf einem Brett, nur dieses Stück Schnur in der Hand – schwer vorstellbar, das Ganze.

Burton-Anfänge: Kein Shop wollte die Dinger kaufen!

Also machte sich Burton an die Arbeit: „Bevor ich die Firma gründete, habe ich bestimmt hundert Prototypen gebaut, mit 15 oder 20 unterschiedlichen Konstruktionen, mit Fiberglas wie bei Surfbrettern, laminiertem Holz wie beim Skateboard. Ich begann im Dezember 1977 und dachte, noch im selben Winter Snowboards verkaufen zu können - und habe es gerade so für die nächste Saison geschafft. Aber kein Shop wollte die Dinger kaufen! Mit zwei Verwandten und einem Freund wollte ich 50 Boards am Tag bauen, doch am Ende des ersten Jahres hatten wir gerade mal 300 Bretter verkauft. Wir waren kräftig im Minus. Im Sommer musste ich kellnern und Tennisstunden auf Long Island geben, um Geld zu verdienen.“

Der Snurfer kostete damals zehn Dollar, das Burton-Brett fast 90 Dollar. „Im zweiten Jahr habe ich mit einem Helfer allein gearbeitet“, erzählt Burton, „Ich erinnere mich noch, wie wir unser 700. Board gebaut haben und dachten: Wow! Dabei wollten wir mal 50 am Tag machen. Aber dann haben wir es geschafft, unsere Produktion in jedem Jahr zu verdoppeln - und das 15 Jahre lang. Jedes Jahr doppelt so viel.“ Der Rest ist Snowboard-Geschichte.

Ein Jahr Auszeit für eine Snowboard-Weltreise

Doch so eifrig und ehrgeizig und stets auf Optimierung Burton immer aus war – er wusste auch, wann er mal eine Pause brauchte. 2004 nahm er eine Auszeit, um mit seiner Frau und den drei Kindern zehn Monate lang alle Kontinente zum Snowboarden zu bereisen, immer dem Winter hinterher.

„Wir wollten einerseits unseren Kindern die Welt mit ihren verschiedenen Kulturen zeigen“, erinnert er sich, „und ich wollte nicht mehr so geschäftsmäßig reisen: eine Woche Japan für eine Messe, Neuseeland für zehn Tage. Kaum fühlt man sich irgendwo wohl, muss man weiter. Das macht einen bitter: Mist, jetzt muss ich schon wieder nach Japan. Ich wollte mal länger bleiben, Afrika und Asien anschauen. Ich war vorher noch nie in Australien - und dann einen ganzen Monat lang. Ich war beim Rugby, Snowboarden, hab mich von der Surf-Kultur vereinnahmen lassen. Für die Kids war es phantastisch. Amerikanische Kinder sind so isoliert. Als ich mal ein paar unserer Snowboardfahrer aus Kalifornien zu unserem Europa-Hauptsitz in Innsbruck mitbrachte, stiegen sie aus dem Flieger und sagten: "Hey, die sprechen gar kein Amerikanisch hier!"

Burton sprach die Sprache der Sportler

Jake Burton dagegen sprach immer die Sprache der Sportler, tauschte sich mit ihnen über jedes noch so kleine Detail im Brettaufbau aus – und genoss es einfach, mit ihnen gemeinsam talwärts zu boarden, so wie in Laax mit Shaun White. Schwer zu sagen, wer von beiden diese Talabfahrt mehr genoss.

Als die Mitarbeiter vom Tod ihres Chefs erfuhren, versammelten sich alle vor dem Firmengebäude in Burlington – und sie beschlossen, das zu tun, was Jake Burton an einem solchen Wintertag mit Sicherheit auch getan hätte: Snowboarden gehen.

Ride in peace, Jake Burton!

Autor:
Thomas Becker
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