Julian Galinski
Autor:
Julian Galinski

Zum Tod eines der profiliertesten Alpinisten unserer Zeit

Hansjörg Auer: Nachruf auf einen grenzenlos hilfsbereiten „Egoisten“

Die beiden Tiroler Spitzenalpinisten Hansjörg Auer und David Lama sind zusammen mit dem US-Bergsteiger Joss Rosskelley bei einem Lawinenabgang am Howse Peak im Banff-Nationalpark in Kanada ums Leben gekommen. ISPO.com-Autor Julian Galinski hat den Ötztaler Auer oft getroffen und interviewt – hier ist seine persönliche Erinnerung an einen der großen Individualisten und talentiertesten Bergsteiger des 21. Jahrhunderts. 

Hansjörg Auer und ISPO.com-Autor Julian Galinski
Hansjörg Auer und ISPO.com-Autor Julian Galinski

Hansjörg Auer war einer, der einfach machte. Wenn man Gleitschirmfliegen lernen möchte, braucht man normalerweise eine vieltägige Ausbildung mit einer Prüfung am Ende, um den Luftfahrerschein zu erhalten. Hansjörg Auer hat so mit dem Gleitschirmfliegen angefangen: Er hat sich den Schirm seines Bruders ausgeliehen und flog los. Überhaupt hat der Profi-Alpinist aus dem Ötztal so einiges einfach gemacht. Bekannt geworden war er 2007 mit seiner Free-Solo-Begehung der 37 Seillängen des „Wegs durch den Fisch“ an der Marmolata-Südwand in den italienischen Dolomiten.

Erste Solobegehung am Lupghar Sar

Auf die Frage, wie er es schaffe, sein von alpinen Extremen geprägtes Leben zu führen, antwortete er mir einmal entwaffnend ehrlich: „Ich bin ein Egoist.“ Auer hat mit einer Regelmäßigkeit derart schwere und körperlich wie psychisch anspruchsvolle Dinge am Berg getan, mit der andere in den Biergarten gehen. Gefeiert wurde er in der Szene unter anderem 2018 für seine Erst- und Solobegehung der Westwand des Lupghar Sar im Karakorum. Er hat den modernen Alpinismus zweifelsfrei geprägt

Wenn er alleine aufbrach, daheim im Ötztal oder irgendwo auf der Welt, zündete seine Mutter in der Kirche wieder eine Kerze an, die erst ausgehen durfte, wenn ihr Sohn wieder heil zuhause war. Sponsoren, Öffentlichkeit, das waren für ihn immer und vor allem Mittel zum Zweck, um das zu tun, was er liebte. 

Hansjörg Auer liebte es, Grenzen auszuloten.
Hansjörg Auer liebte es, Grenzen auszuloten. 

Auer hat stets Grenzen ausgelotet

Im Gegensatz zu dem mit ihm in Kanada verunglückte David Lama, der sich unter die Obhut des Red-Bull-Imperiums geben hatte, hatte sich Auer nie einen Manager geleistet. Stattdessen hatte er gute alte Freunde, bei denen er sich Ratschläge holte. Auer wollte immer Grenzen ausloten und sein eigenes Ding machen. Obwohl er vom Tourismusverband des Ötztals gesponsert wurde, hat er einmal eine Aktion gegen die Kommerzialisierung des Stuibenfalls unterstützt – heimlich.

Auf den ersten Blick war sein Auftreten kantig – aber wenn man ihn besser kennen lernte, zeigte er sich grenzenlos herzlich und hilfsbereit. Als er uns bei einem Besuch im Ötztal für ein Portrait im Klettergarten von Niederthai einen Sektor gezeigt hat, der eigentlich geheim und den Einheimischen vorbehalten war, da war das für mich ungefähr so, als ob Thomas Müller einen Bayern-Fan zum Kicken in den Garten einlädt. Der Hoteltipp im Ötztal, für den ersten Bergurlaub mit unserer Tochter: Der kam von Hansjörg. 

Im Buch sprach Auer über seine Magersucht

Ende 2017 hatte Auer sein erstes Buch veröffentlicht, „Südwand“. Dort beschreibt er seinen Weg vom Kletterer aus Umhausen zum Spitzenalpinisten, der auf der ganzen Welt seine Spuren hinterlassen hat. Auch das hat er einfach gemacht – er hat das ganze Buch nämlich selbst geschrieben. Es ist kein Hochglanz-Produkt geworden, aber ein zutiefst ehrlicher Blick in die Seele von Hansjörg Auer. Er erzählt dort von seiner Kindheit als Außenseiter, zudem erfährt die Öffentlichkeit erstmals von seinem Kampf mit der Magersucht. 

Hansjörg Auer in der Eiswand.
Hansjörg Auer in der Eiswand. 

Anfang 2018 ging ein GoPro-Video von ihm durch die Kletterszene, in dem er sich mangels anderer Rückzugsmöglichkeit an einer lächerlich kleinen Felsnase abseilt – von Eiern mit Medizinballgröße bis hin zu komplettem Wahnsinn war danach die Rede. Hansjörg Auer selbst kommentierte lapidar: „Challenging!“ Seine Facebook-Videos sind alleine einen Besuch wert, ein wilder Ritt per Eispickel und Gleitschirm durch die ganze Welt. 

Reinhold Messner als Vorbild

Reinhold Messner war einer der ersten, der die Nachricht vom Lawinenabgang in Kanada per Social Media teilte. Als Vorbild hat Hansjörg Auer in einem späteren Interview mit dem „Bergsteiger“ Messner bezeichnet, alleine schon des Alters wegen. Messner, ein Pionier der gefährlichen und großartigen alpinen Unternehmungen selbst, ist über 70 Jahre alt.

Hansjörg Auer starb mit 35 Jahren.

Wir trauern um einen liebenswerten Menschen und einen herausragenden Sportler. 



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