INTERVIEW | 30.09.2022

Zehnkämpfer Christian Schenk über Schmerz und Inklusion

5 Fragen - 5 Antworten
Autor:
Uschi Horner

Er hat gedopt und ist psychisch krank. Und: Er spricht darüber. Damit traut sich der ehemalige Zehnkämpfer Christian Schenk mehr, als viele andere Spitzensportler*innen, die oft in einem System aus Selbstbetrug und Leistungsdruck feststecken. Wir finden: Das verdient Respekt. Darum haben wir uns mit dem Olympiasieger unterhalten. In unserer Reihe 5 Fragen verrät der 57-Jährige auch, warum Inklusion sein neues Herzensthema ist.

1. The stage is yours: Worauf bist du besonders stolz, und welche deiner Niederlagen war die schlimmste?

Ich bin stolz auf meine beiden Söhne. Außerdem habe ich es mit 23 Jahren geschafft, mir 100 Prozent von einem Wunsch zu erfüllen (Gewinn der Goldmedaille im Zehnkampf bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul, Anm. d. Red.). 

Meine schlimmste Niederlage war in Götzis, als mir bei der Qualifikation für die Olympischen Spiele 1992 ein Arzt meinen Arm taub gespritzt hat. Damit war meine komplette Vorbereitung umsonst, denn ich wollte nochmal eine Medaille holen. Aber das hat eine falsche Injektion vereitelt.

2. Wie passen für dich eigentlich Freude und Profisport zusammen?

Für mich stand die Freude immer im Vordergrund. Also wenn mir einer erzählt, dass Profisport eine psychische Belastung ist, dann finde ich den Ansatz falsch. Natürlich sage ich in meinem Buch, dass Schmerz und Sport für mich wie siamesische Zwillinge sind. Wir Hochleistungssportler sind halt alle Masochisten. Und natürlich musst du im Individualsport ständig eine Grenzverschiebung vornehmen. Aber ich habe es geliebt, auch weil ich Erfolg hatte. Und bei uns Zehnkämpfern ist der Vorteil, dass wir nicht nur eine Disziplin lernen, sondern es sind zehn. Das war für mich ein Geschenk.

3. Du hattest viele Jahre einen Körperfettwert von vier Prozent – welchen kulinarischen Luxus gönnst du dir jetzt?

Ich liebe Skyr – das gönne ich mir jeden Tag. Das ist für mich Luxus.

4. Thema Inklusion: Findet dieses deiner Meinung nach in der Sportwelt zu wenig Beachtung?

Im Sport sind wir zumindest im Spitzenbereich sehr weit gekommen. Einige Sportler*innen haben es durch ihre großartigen Leistungen geschafft, eine gewisse mediale Präsenz zu erzielen. 

Mit meinen Erfahrungen als früherer Landestrainer in der Para-Leichtathletik in Mecklenburg-Vorpommern muss ich sagen, dass auf Vereinsebene riesiger Nachholbedarf besteht. Das liegt an der fehlenden Ausbildung von Para-Trainer*innen beziehungsweise in der fehlenden Integration des Themas Inklusion in die Trainer*innen-Ausbildung beginnend ab der C-Lizenz. Es gibt des Weiteren Unsicherheiten, Ängste in den Vereinen, bei den Trainer*innen und Übungsleiter*innen, ungeschult Para-Athlet*innen zu betreuen. Daher fehlen Angebote. Wahrgenommen habe ich aber auch, dass Eltern gar nicht wussten, dass es bei bestehenden Krankheitsbildern ihrer Kinder doch die Möglichkeiten der Teilnahme gäbe. Daher sind die Öffentlichkeitsarbeit und die Bereitstellung von Angeboten existentiell. Das bedarf Wille und Empathie. 

Zusammenfassend möchte ich sagen, dass der Sport ein Treiber der Inklusion in Deutschland  ist. Ich bin ein Freund des Interdisziplinären. Lösungen sehe ich in Festivals, gemeinsamen Veranstaltungen und Workshops. Die Aufnahme zum Beispiel der Para-Leichtathletik in die Curriculae der Trainerausbildung ist zwingend.

5. Hand over the baton: Was möchtest du zukünftigen, noch nicht geborenen Generationen mit auf den Weg geben?

Hört euch die Lebensgeschichten von euren Eltern oder anderen Personen an. Hört euch an, wie man erfolgreich sein kann. Das ist für mich die Maxime: Lernen von Erfahrenen.

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