Autor:
Martina Wengenmeir

Olympia-Bronze-Gewinner & Mehrfach-Weltmeister Jakob Schubert im Interview

“Ich habe beim Klettern die beste Zeit”

Bei den Olympischen Spielen in Tokio wurden erstmals Medaillen im Sportklettern vergeben. Der Tiroler Jakob Schubert sicherte sich in einem Gänsehaut-Finale eine davon. Kurz darauf sein viertes WM-Gold. Im ISPO.com Interview erzählt er von Tokio, vom Klettern und von kommenden Projekten.

Jakob Schubert
Bronze-Medaillen-Gewinner  und Vierfach-Weltmeister Jakob Schubert.

ISPO.com: Im Vorfeld zu den Olympischen Spielen gab es viele kritische Stimmen, vor allem in Bezug auf das Format des Wettkampfes. Wie war Olympia für dich im Rückblick?

Jakob Schubert: Ich muss ein bisschen früher einsteigen: Als Teil der internationalen Athleten-Kommission wusste ich, dass es nicht viele Chancen auf eine Medaille gab, weil der IOC erstmal nur eine Medaille fürs Sportklettern vergeben wollte. Man wollte weder Lead, Bouldern noch Speed außen vor lassen, deshalb wurde die eine Medaillenentscheidung in Tokio also eine Kombination aus den drei Disziplinen. Unter diesem Gesichtspunkt ist die Entscheidung nachvollziehbar. Das bedeutete auch: Selbst wenn man auf Grund der Unterschiede manches völlig neu dazulernen musste, die meisten Athleten wollten auf jeden Fall bei Olympia dabei sein und haben dann eben angefangen, auf alle drei Disziplinen im Klettern zu trainieren.

Jakob Schubert in der Route “Clash of Titans”.

Olympia-Bronze und die Spiele in Tokio

Wie bereitet man sich auf so einen Wettkampf vor? 

Bouldern und Vorstieg sind sehr verwandt, und die meisten von uns Teilnehmern haben vorher schon trainiert. Ich trete ja zum Beispiel auch in beiden Disziplinen im Weltcup an. Auf der anderen Seite hat man die Spezialisten, die sich voll auf Speed konzentrieren. Wir Boulder- und Vorstiegsspezialisten mussten also Speedklettern dazu lernen, und die Speedkletterer die anderen beiden Disziplinen. 

Auch wenn es speziell war, das Speedtraining hat mir als zusätzliche Herausforderung viel Spaß gemacht. Selbst, als ich gemerkt habe, dass ich da nie Weltspitze werde. 

Es war aber auch viel wichtiger im Bouldern und Vorstieg top zu bleiben oder noch besser zu werden und im Speed einfach weniger schlechter zu werden. (lacht) 

Die Multiplikation der Ergebnisse machte es extrem wichtig, in der eigenen Paradedisziplin gut abzuschneiden. Das wurde auch in meinem Fall deutlich: Mein erster Platz im Lead-Wettkampf hat mir meine Medaille gebracht.

Obwohl die beiden Runden zuvor extrem frustrierend für mich gelaufen sind und das Verletzungspech von Bassa Mawen die Auswertung nochmal auf den Kopf gestellt hat.

 

Wie war es für dich, die Medaille zu holen?

Ich habe das Top im Lead erreicht und dachte mir: “Ich glaube, ich hab den Vorstieg gewonnen”. Sicher, ob das für eine Medaille reicht, war ich mir aber nicht. Das habe ich erst später realisiert.

Und davor hatte noch gar nicht so einschätzen können, was für einen Stellenwert eine olympische Medaille mit all ihrer Historie hat. Man hat ja als Kind schon gesehen, wie die Stars damals die Medaillen umgehängt bekommen haben. Das ist jetzt schon auch nochmal besonders.

Was bleibt dir von den Spielen generell im Gedächtnis?

Das Leben im Olympischen Dorf war schon wirklich etwas Besonderes. Das hat mich sehr fasziniert. Die Medaillen-Empfänge, wenn wer gewonnen hat oder auch die Jubelschreie aus den Häusern bei Siegen und Entscheidungen. Dort sind so unglaublich viele sportbegeisterte Menschen auf einem Haufen, aus so vielen verschiedenen Ländern, Kulturen und auch Sportarten. 

Wir hatten alle Streams im Apartment, wo man auch jede Live-Entscheidung direkt mitverfolgen konnte. So hat man dann auch mehr Sportarten geschaut und mitverfolgt, die man vorher noch nie geschaut hat. Selbst wenn man nicht mit so unglaublich vielen Sportlern in Kontakt gekommen ist und Wettkämpfe erleben hat, wie sonst vielleicht. Deshalb wäre ich in Paris auch gerne nochmal dabei.

“Jeder Boulder ist der erste Boulder”

Wie fühlt sich jetzt der beinahe nahtlose Übergang zur Weltmeisterschaft an?

Mit Olympia als Highlight waren die Weltmeisterschaften dieses Jahr ausnahmsweise einfach einmal zweitrangig. Deswegen sind auch viele von den Stars, zum Beispiel Adam Ondra, Alex Megos oder auch Janja Ganbret bei der WM gar nicht am Start. Ich habe es mir auch überlegt, aber dann gedacht, ich möchte das jetzt noch mitnehmen. So ein Event wie Olympia ist mental extrem herausfordernd, deswegen habe ich jetzt auch eine kurze Verschnaufpause gebraucht, um runterzukommen. Das ganze Training, das ich vor Olympia hatte, ist aber sicher auch nicht ganz verloren gewesen.

Jakob Schubert in seiner Wettkampf-Parade-Disziplin - dem Vorstieg.

Wie trainierst du das Mentale, speziell in anspruchsvollen Situationen wie auf der großen Bühne?

Vor allem was Konzentration, Frustration und auch Nervosität und das alles angeht, hilft es extrem viel, wenn man viel Erfahrung mitbringt. Ich hatte schon viele Wettkämpfe, bei denen ich extrem unter Druck stand. Zum Beispiel die Heim-WM in Innsbruck 2018, die damals das wichtigste Event des Jahres und ein absolutes Highlight für mich war. Dort wollte ich unbedingt abliefern. Es hilft dann schon sehr, wenn einem die positiven Erfahrungen aus der Vergangenheit signalisieren “irgendwie schafft es mein Körper eh immer wieder in solchen Situationen voll abzuliefern, von dem her brauche ich mir jetzt keine Sorgen zu machen”.

Jakob Schubert an der Boulder-Wand im heimischen Garten.

Vor allem im Bouldern ist es extrem wichtig, dass man Frustrationen links liegen lässt: 

Während der Runde ist es halt oft so, dass man zwei Boulder nicht schafft und man am liebsten direkt heim fahren möchte, weil es einen so annervt. Aber vielleicht entscheidet sich in den nächsten beiden Bouldern dann erst das Finale. Dabei lernt man dann halt auch wie wichtig es ist, dass man im Wettkampf nie aufgeben darf.

Das ist auch etwas, was ich in den letzten Jahren lernen musste. Wenn ich in einer Runde einen Boulder nicht geschafft habe, dann rede ich am liebsten mit jemand, der ihn geschafft hat, damit ich in meinem Kopf damit abschließen kann und weiß “ah, so wäre das gegangen”. Einfach, weil mich das beschäftigt, als Vollblut-Kletterer. Eigentlich sollte man das aber nicht tun. 

Ideal wäre, wenn man einfach komplett vergisst, was bisher passiert ist und jeden Boulder angeht, als wäre vorher nichts gewesen. Das ist natürlich schwierig, und ich schaffe es auch nicht immer, aber das ist zumindest das Ziel.

Jakob Schubert beim Bouldern in der Halle.

Wie ist es dann draußen am Fels ohne Wettkampfdruck? Musst du immer wiederkommen, bis du eine Route geschafft hast? 

Ja, eigentlich schon. Wenn es eine markante Route oder ein markanter Boulder ist, von dem man gesehen hat, dass es andere schon mal geschafft haben, dann lässt mich das meistens nicht los. Das probiere ich normal so lange, bis ich es geschafft habe. Bei Routen im Vorstieg ist mir das bisher meistens gelungen, bei Bouldern nicht immer. Da fallen mir jetzt auch direkt ein bis zwei Boulder ein, die mich immer noch nerven, weil ich sie nicht geschafft habe.

Dabei geht es nicht nur ums Physische, sondern auch um die Kletter-Intelligenz, vielfältig zu sein. Von dem her habe ich immer das Gefühl, dass ich etwas abschließen will, und wenn ich das nicht schaffe, dann ist da etwas drin, das ich nicht so gut kann und dann möchte ich darin besser werden.

Manchmal ist es total spannend, herauszufinden, warum man einen Boulder nicht schafft, vor allem wenn er auf den ersten Blick aussieht, als würde er einem eigentlich liegen. Dann ist das oft ein guter Lernprozess. Manchmal arbeitet man auch im Team an einem Boulder, und dann schaffen es am Ende alle. Dieser soziale Aspekt ist ja auch das Geile an unserer Sportart.

Wettkämpfe, Felsklettern und Zukunftspläne

Halle oder Fels, was magst du besonders am einen, was an dem anderen?

Ich würde schon sagen, dass ich auch ein Felskletterer bin, aber natürlich verbringe ich sehr viel Zeit in der Halle, wenn ich mich auf Wettkämpfe wie Olympia vorbereite. Am Fels geht es manchmal eben nicht nur darum, zu trainieren oder etwas durchzusteigen. Manchmal geht es auf einfach darum einen schönen Tag mit Kollegen oder meiner Freundin zu haben und die Natur und den Ort zu genießen.

In der Halle will man meistens nicht wochenlang die gleiche Route gehen, am Fels ist das oft kein Problem. Da feilt man solange und optimiert sich selbst, weil eine Route so am Limit ist, dass man sie nur durchsteigen und schaffen kann, wenn bis aufs kleinste Detail alles passt. Da merkt man dann, was es wirklich heißt, so eine Route zu klettern: Wie muss ich das angehen, wann muss ich rasten und wie lange, kann ich den Zug noch ein bisschen effizienter machen? 

Das sind alles Sachen, die einen zum besseren Kletterer machen und wo man auch für die Halle oder den Wettkampf etwas lernt. Und andersherum ergänzt sehr viel Hallentraining im Vorfeld von Wettkämpfen natürlich auch die Leistung, die man dann wieder am Fels bringen kann.

Welche Wände oder Projekte stehen als Nächstes auf dem Plan? 

Heuer habe ich noch ein paar Projekte, die ich unbedingt angehen will. Nach der WM habe ich zum Beispiel vor, einen Monat nach Mallorca zu fliegen und viel Deep Water Soloing zu betreiben, was ich in der Vergangenheit noch fast gar nicht gemacht. Darauf freue ich mich jetzt irrsinnig, einfach über dem Wasser so schwer wie möglich zu klettern. 

Und im Winter werde ich dann auch wieder ein paar andere Sachen angehen, vielleicht wieder zurück nach Spanien, zum Beispiel nach Siurana, wo es noch viele Routen gibt, dich ich probieren will. Dann würde ich noch gern zurück nach Flatanger, wo ich in der Vergangenheit schon zweimal war, was aber auch schon wieder länger her ist. 

Einer der schönsten Orte und besten Felsen. Ich bin echt motiviert, und es gibt unendlich viel zu tun.

Jakob Schubert am Fels in Arco.

“Das beste am Klettern sind die unendlichen Möglichkeiten”

Was macht Klettern für dich aus?

Das Geile am Klettern ist, dass es unendlich viele Möglichkeiten gibt, egal ob Bouldern, Vorstieg, Multipitch oder Deep Water Solo. Manchmal lässt es sich dadurch auch nur so schwierig mit anderen Sportarten vergleichen. Klettern gehen, das werde ich mein ganzes Leben lang, auch wenn ich nicht mein Leben lang Wettkämpfe bestreiten werde. Und es gibt so viele Wände und Routen auf der Welt, die ich noch nicht gesehen habe, die ich noch machen will. 

Es wird nie langweilig. Jeden Tag habe ich das Gefühl etwas Neues lernen zu können. 

Ich mache ständig irgendeinen neuen Zug, der mir vorher noch nie so gelungen ist oder habe am Fels einen neuen Griff in der Hand, von dem ich mir nie vorstellen konnte, dass es so eine Art Griff überhaupt gibt. 

Und was mir schon immer so gut getaugt hat, ist auch, dass es eine extrem soziale Sportart ist. Klettern geht man zusammen. Man ist gemeinsam in der Halle, wenn man mit seinen Freunden ein Boulderproblem löst. Ich gehe einfach gern ins Training, weil ich weiß, dass ich da mit meinen Kollegen die beste Zeit habe. Das sieht man auch ganz gut im Free Wall Video mit meinen WG-Kollegen.

Bouldern oder Vorstieg, wenn du müsstest, wofür würdest du dich entscheiden?

Wenn es rein ums Wettkampfklettern geht, würde ich natürlich sagen Vorstieg, weil ich da erfolgreicher bin und es macht mir natürlich schon Spaß, zu gewinnen. 

Aber Bouldern macht auch extrem viel Spaß, da kann man noch mehr mit den Kollegen abhängen, während man sich beim Vorstieg eher abwechselt, allein unten steht oder in der Wand ist. Und beim Bouldern ist man zu dritt oder viert und feuert sich gegenseitig an. Es haben einfach beide ihre Dinge, die ich liebe und zum Glück muss ich mich nie entscheiden.

Mehr über Jakob Schubert unter https://www.jakob-schubert.com.

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Martina Wengenmeir
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