INTERVIEW | 19.12.2022

Wie schafft man es von ganz unten nach ganz oben?

5 Fragen - 5 Antworten mit Jacqueline Fritz
Autor:
Sarina Scharpf

Manchmal schlägt das Leben nicht nur eine Kerbe. Manchmal fragt man sich, wie Menschen aus diesen Schicksalsschlägen wieder herausfinden. Und manchmal überraschen uns Menschen mit ihrem Mut und ihrer Motivation. Jacqueline Fritz ist so ein Mensch. Erst verliert sie ein Bein durch einen Arztfehler. Als das Leben ausweglos scheint, will sie ihr Leben beenden. Nicht nur einmal. Und doch kommt irgendwann die Kehrtwende.

Jacqueline Fritz kämpfte sich zurück ins Leben. Auf einen Berg. Und noch einen. Bis sie auf dem Gipfel steht. Heute ist die 37-Jährige Deutschlands mutigste Profi-Para-Climberin. Mit ihrem Mut und ihrer Ausdauer hat sie es bis in die Nationalmannschaft geschafft.  Wie schafft man es von ganz unten nach ganz oben? Das hat die 37-Jährige uns erzählt.

Triggerwarnung! Im Folgenden sprechen wir über Suizid. Wenn du von Depressionen oder Suizidalität betroffen bist, findest du Hilfe unter 0800 1110111.

1. Worauf bist du besonders stolz, gibt es Dinge, an denen du gescheitert bist und was ist dein nächstes Ziel?

Da muss ich ein bisschen ausholen. Ich habe mein Bein aufgrund eines Arztfehlers verloren, nachdem ich mir mit 15 Jahren beim Ballett das Band gerissen habe. Zwei Jahre später wurde auch noch bei der Operation ein Fehler gemacht. Alles wurde durchtrennt, und ich war dann acht Jahre am Stück im Krankenhaus. Nachdem verschiedene Behandlungen ausprobiert wurden, stand plötzlich das Thema Amputation im Raum. Ich wollte das nie. Ich wollte nie so leben.

Der Schmerz war so groß, dass ich mehrere Suizidversuche unternommen habe. Ich habe aber überlebt. Daraufhin hab ich mich ganz bewusst mit Morphium abgeschossen, um die Probleme zu vergessen und weil ich nicht damit klarkam, dass mein Bein weg war. Daraus mache ich auch kein Geheimnis, weil es einfach mein Weg war. Letztendlich habe ich für meine Freunde weitergemacht. Denn denen war egal, mit wie vielen Beinen ich lebe. Hauptsache, ich lebe. Aber aus heutige Sicht bin ich froh über alles, was ich damals gemacht hab. Egal, ob die bewusste Entscheidung für Behandlungsmethoden oder die bewusste Entscheidung, acht Autos kaputt zu fahren. 

Und ich bin stolz, dass mir das so viel Kraft gegeben hat, dass ich jetzt das Leben führen kann, das ich führe. Weil ohne diesen steinigen Weg, hätte ich nicht das Leben, das ich jetzt habe. Und da bin ich stolz, dass ich die Kurve bekommen hab, dass ich mir das selbst erarbeitet hab, dass ich meinem Leben wieder einen Sinn gegeben habe. Ich dachte mir, wenn ich mich für das Leben entscheide, dann lebe ich richtig und mache von heute auf den anderen Tag alles normal. Und genauso hab ich es gemacht, auch wenn es ein bisschen Mut erfordert, nach all den Erlebnissen, die Kraft aufzubringen und zu sagen: Ich probiere es einfach mal und wenn, dann mache ich es zu 100 %. Und da bin ich stolz drauf, dass mir das gelungen ist.

Und gibt es Dinge, an denen du gescheitert bist?
Ich würde gar nicht sagen, dass ich jemals so richtig gescheitert bin. Ich habe mein Studium gemacht, ich lebe mein Leben ganz normal. Ich habe jede Menge Mist gemacht, klar, aber das macht jeder von uns. Das würde ich noch nicht mal als scheitern bezeichnen. Ich versuche relativ authentisch zu sein, auch zu sagen, wenn mal was nicht klappt oder wenn ich mal einen Fehler gemacht habe. Das ist eine schwierige Frage, ich weiß nicht, ob ich darauf eine Antwort hab.

Das ist ein tolles Mindset, wenn man Dinge nicht als scheitern betrachtet, sondern sie zum Positiven wendet. Eigentlich doch schön, wenn man keine Antwort darauf hat.
Genau! Wie gesagt, ich habe jede Menge Mist gemacht, aber da ich das bewusst gemacht habe, werf ich mir das nicht vor. Ich sage auch nie, dass ich das nicht mehr genauso machen würde. Wenn ich jetzt die Uhr zurückdrehen könnte, würde ich genau diesen Weg, obwohl er scheiße war, genau wieder so gehen. Weil dieser Weg hat aus mir den Mensch gemacht, der ich bin. Ich sehe das als Bereicherung und ich sehe das als Freiheit.

Und was ist dein nächstes großes Ziel?
Das größte meiner Ziele ist einfach, dass ich ganz lang gesund bleibe und dass ich ganz lange das machen kann, was ich liebe. Und mein Ziel ist es, dass ich viele Menschen mit den Dingen, die ich mache, erreichen kann. Ob behindert oder nicht behindert ist ganz egal, einfach Menschen. Dass ich ein Motivator sein kann für jeden. Ansonsten natürlich Bergziele, die als Nächstes anstehen. Im März mache ich ein Projekt, bei dem ich Skitouren gehe, das Eisklettern will ich unbedingt ausprobieren und im Sommer steht ein großes Bergsteigerprojekt an.

2. Freude und Profisport. Wie passt das für dich zusammen?

Perfekt! Ich bin ein Wettkampftyp. Ich klettere ja auch in der Nationalmannschaft, da geht es um Wettkampf und da misst man sich. Aber draußen ist mir das egal, was andere machen. Ob die weiter, schneller, höher sind. Meine Partner wissen auch, dass ich mich nicht ködern lasse, mir nichts aufzwingen lasse, mich nicht kaufen lasse. Wenn ich eine Idee hab, ein Projekt machen will, wenn ich Bock auf etwas hab, dann mache ich das. Und ich liebe das, was ich mache. Wenn man authentisch sich selbst gegenüber ist, wenn man auch mal über sich selbst lachen kann oder wenn man sich nicht diesem Druck hingibt, besser oder schneller zu sein, oder mit Menschen ohne Handicap mithalten zu müssen, dann behält man die Freude.

Für mich ist der Profisport eher eine Passion. Klar muss man auch mal etwas machen, auf was man weniger Lust hat, das ist in jedem Job so. Aber am Ende des Tages kann ich sagen: “Hey, es ist schon cool, was ich da machen darf."

3. Eines deiner Ziele ist, gesund zu bleiben. Gesundheit ist bei ISPO.com einer der Megatrends. Welches Thema im Megatrend Health findet denn deiner Meinung nach in der Sportwelt noch zu wenig Beachtung?

Wow, das ist eine gute Frage. Gerade im Profisport sind Burnout, Mind Setting, Existenzängste ein großes Thema. Die ganze psychische Ebene. Das wird komplett weg geschwiegen. Und das ist mit Sicherheit bei dem Großteil im Kopf. Aber es wird nicht darüber geredet, weil das natürlich als Schwäche zählt und im Sport zeigt man keine Schwäche. Bei dem Thema Mental Health hat man in der Sportbranche auf jeden Fall noch Aufholbedarf.

Wenn du was Körperliches hast, wenn du was Sichtbares hast, hat das immer mehr Gewichtung, wie wenn man was Psychisches hat. Ich glaube, gerade in der Sportwelt wird das ganz bewusst weg geschwiegen. Wenn du einen Muskelfaserriss beim Skifahren hast oder einen Kreuzbandriss im Fußball, das kein Problem. Das ist halt so, weil es jeder hat. Wenn jetzt aber ein Profisportler sagt, die Belastung wird zu viel, das Training wird zu viel, die Partner üben zu viel Druck aus oder ein Burnout naht, ist das schwieriger. Auch, weil da nicht so viel Geld im Spiel ist. Viele sehen sich nicht in der Position, ihrem Partner sagen zu können, dass es ihnen gerade nicht gut geht und sie etwas nicht schaffen. Es wird halt einfach verlangt. Und ich glaube, den Athleten ist bewusst, wenn sie jetzt Schwäche zeigt, stehen da schon fünf andere, die nur auf diesen Posten warten.

Vor allem in der Outdoorbranche ist das nochmal schwieriger, glaube ich. Da geht es um Stärke, jeder spricht von Mind Setting und wenn man dann natürlich sagt, man hat einen Hänger oder einen Burnout, dann ist das nicht cool, dann steht man vor den Kollegen wie ein Schwächling da. Gerade, wenn man die Bergmenschen sieht, die wollen ja Stärke vermitteln. Das kam dann auch irgendwann, als Kletterer über ihre Angst gesprochen haben. Da hat einer mal den Mund aufgemacht und dann jeder. Es muss jemand anfangen und man muss es auch ganz offen behandeln, weil es ist ja ein Job wie jeder andere und wieso sollte man da keine Ängste haben, nur weil man in die Berge geht oder weil man irgendeinen Outdoorsport macht.

4. Was kann denn die Sportbranche deiner Meinung nach noch für Diversität und vor allem Inklusion tun?

Alles. Einfach irgendwas machen. Also da ist ja gar nichts, also da geschieht ja gar nichts. Jeder redet darüber, aber keiner hält sich daran. Obwohl ich es nicht verstehe. Als ich anfing, war meine erste Partnerschaft mit einer Schuhfirma. Und die haben zu mir gesagt, wie cool das sei, denn jeder guckt ja auf deine Füße, ich hab ja nur einen. Das zieht den Blick auf sich und dann sieht man halt den Schuh. Voll der gute Gedanken irgendwie. Wenn man Bilder durch scrollt in Instagram, dann ist alles gleich: Berge, Frauen, Männer. Aber dann scrollt man und plötzlich sitzt einer im Rolli oder hat nur ein Bein oder nur ein Arm und man scrollt zurück. Hab ich da richtig gesehen? Und dann interessieren sich die Menschen. Damit können Unternehmen viel mehr spielen! Gerade, da hier eh noch nichts gemacht wird. Man fällt auf und hebt sich von anderen ab.

Aber es ist schwierig, Inklusion auf eine Branche zu beziehen, weil es müsste sich grundsätzlich etwas ändern. Von oben schon, wir brauchen da nicht in der Outdoorbranche anfangen, wenn die Regierung und die Einstellung der Menschheit noch nicht so weit ist. Das dauert noch Jahre, bis da etwas ankommt. Das hört sich jetzt krass an, weil es gibt ja barrierefreie Hotels, es gibt ja Rampen für Rollifahrer oder Klickzeichen an der Ampel. Aber für mich ist das eigentlich völlig normal.

Wir Behinderte sind ja Menschen wie die Nicht-Behinderten. Es sind ja alles Menschen. Man hat eine breite Masse an Menschen wie Männer und Frauen, und man macht ja auch nicht nur Männerklamotten oder nur Frauenklamotten, sondern es gibt ja beides. Das sind Menschen und dazu zählen auch Behinderte. Also muss man ja eigentlich gar nicht darüber diskutieren, ob man etwas extra macht, denn die Menschen sind ja schon da, die müssen ja nicht erst erfunden werden. Das sollte standardmäßig in allen Bereichen immer gemacht werden. Das muss in der Gesellschaft normaler werden und dann ziehen auch die Branchen automatisch mit. Und das würde ich mir wünschen, dass wir irgendwann dahin kommen, dass einer ohne Arme, ohne Bein, mit drei Köpfen, entlang laufen kann und das so wahrgenommen wird, wie jemand mit Dreadlocks oder einem Glitzeroutfit. Die werden auch angeguckt, aber es wird kein Thema draus gemacht. Wie jemand aussieht, welche Frisur der hat, was er anhat, ob der irgendwelche Körperteile zu viel oder zu wenig hat, egal, es ist einfach ein Mensch, fertig. Und das mein, aber da sind wir noch nicht so weit und in der Outdoorbranche oder der Sportbranche ist das meiner Meinung nach Zukunftsmusik. Aber wenn wir mal so weit sind, dann müssen wir uns auch Branchenintern keine Gedanken mehr machen, denn dann ergibt sich das automatisch.

Da bin ich fest von überzeugt, aber das wird leider noch dauern.

5. Das leitet schön zur letzten Frage über. Was möchtest du denn zukünftigen Generationen mit auf den Weg geben?

Dass sie viel, viel offener sind. Dass sie nicht so voreingenommen, offener, empathischer gegenüber anderen sind. Dass man aufhört, sich gegenseitig zu verurteilen wegen des Aussehens oder wegen irgendwelchen Sachen, die man macht. Leben und leben lassen. Auch, wenn man etwas nicht gut findet, sollte man sich akzeptieren. Dass man einfach sagen kann: “Hey, der macht das so, wie ich es nicht machen würde, aber das ist okay!” Und ich glaube, dann das ist eine gute Basis, dass man besser miteinander klarkommt. Weil wenn wir so weitermachen, wie wir es bisher machen, führt das glaube ich in die falsche Richtung.

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Sarina Scharpf