INTERVIEW | 07.06.2022

„Die Outdoorbranche ist das perfekte Ökosystem für regeneratives Wirtschaften“

Walter Link
Walter Link
Autor:
Uschi Horner

Alles neu bei der OutDoor by ISPO 2022! Regenerative Value Creation steht im Mittelpunkt der OutDoor Conference: Wie erreicht man wirtschaftlichen Erfolg durch die Regeneration von Mensch und Natur? Es ist Teil eines brandneuen Innovationsansatzes mit dem ISPO und NOW Partners den Wandel der Outdoor- und anderer Branchen mit einer Vielzahl von Angeboten unterstützen. ISPO.com sprach mit Walter Link, CEO von NOW Partners, der als Unternehmer schon vor über 30 Jahren weltweit die ersten nachhaltigen Wirtschaftsallianzen mit aufbaute.

Neben der OutDoor by ISPO Konferenz kooperiert ISPO mit NOW Partners auch in neuen Innovation Labs zu den zentralen Herausforderungen der Branche. Diese Workshops werden den Unternehmen zukünftig ganzjährig angeboten. Während der Konferenz zeigen erfolgreiche Unternehmer*innen aus der Outdoor- und vor allem auch aus anderen Branchen anhand konkreter Beispiele, wie die Integration von wirtschaftlichem Erfolg und positiver Wirkung funktioniert. „Regenerative Value Creation ist nicht nur eine schöne, neue Idee, sondern eine bereits weit verbreitete konkrete Realität, von der wir alle lernen können. Ohne gesunde Ökosysteme und Gesellschaften können wir langfristig auch keine gesunden Unternehmen und Volkswirtschaften haben“, sagt Walter Link, Co-Founder und CEO von NOW Partners.

ISPO.com: Die ISPO Group kooperiert zukünftig mit NOW Partners. Was bedeutet das?

Walter Link: Diese neue Partnerschaft ist langfristig angelegt. ISPO will zu einem noch wichtigeren Innovationspartner der Outdoor- und Sportindustrie und auch anderer Branchen werden. Das Ziel ist, Unternehmen und Unternehmer*innen dabei zu helfen, erfolgreich zu sein – unter sich ständig verändernden Marktbedingungen, die zunehmend Nachhaltigkeit belohnen.

Welche Rolle spielen dabei die Messen von ISPO?

Die Messen sind ja bereits ein wichtiger Treffpunkt, wo alle wichtigen Trends und Entwicklungen zu sehen sind, und wo Hersteller ihre Produkte und Dienstleistungen präsentieren können. Aber ISPO möchte jetzt mit unserer Hilfe einen Schritt weitergehen. Sie will in dieser herausfordernden Phase für Firmen, die Industrie, aber auch für die Welt, ein wesentlicher Innovationspartner werden – und zwar ausgerichtet an einer bestimmten Art und Weise. Diese führt dazu, dass Unternehmen wirtschaftlichen Erfolg haben, gerade weil sie die Regeneration von Menschen und Gesellschaften, Natur und Klima vorantreiben. Wir nennen diese Integration von wirtschaftlichem Erfolg und positiver Wirkung auf alle Stakeholder Regenerative Wertschöpfung (Regenerative Value Creation). Man hat wirtschaftlichen Erfolg, weil man dem Ganzen dient.

Regenerative Value Creation ist das große Thema der OutDoor Conference, die ISPO gemeinsam mit NOW Partners organisiert?

Ja, zu dieser Konferenz am 13. und 14. Juni bringen wir zum ersten Mal nicht nur Vortragende aus der Outdoorbranche, sondern bewusst auch Sprecher*innen aus anderen Industrien zusammen. Wir wollen zeigen, dass es überall auf der Welt gute Beispiele für regeneratives Wirtschaften gibt, von denen wir lernen können. Und dass, an konkreten Zahlen messbar, international eine immer stärker werdende Bewegung entsteht, in der sich Unternehmen am positiven Impact ausrichten und gerade deshalb wirtschaftlich so erfolgreich sind.

Walter Link beim Vortrag mit Innovationsexperten
Walter Link arbeitet mit internationalen Innovationsexperten daran, neue Strategie- und Technologieansätze durch neue Leadership-Ansätze zu unterstützen

Willst du kurz mal erklären, was Regenerative Value Creation bedeutet?

Regenerative Value Creation ist die DNA der nächsten Wirtschaftsevolution, auf die alle großen Langzeittrends hinweisen: Konsument*innen und Geschäftskund*innen, Mitarbeiter*innen und Investor*innen erwarten zunehmend mehr Nachhaltigkeit. Das Gleiche gilt für die staatliche Gesetzgebung. Unseren derzeitigen Status quo zu verteidigen, ist zu wenig. Die meisten Lebenssysteme, von denen nicht nur unsere persönliche, sondern auch unsere wirtschaftliche Gesundheit abhängt, degenerieren zunehmend. Wir müssen helfen, sie zu regenerieren – also wieder gesund zu werden –, um unsere evolutionären Potenziale zu unterstützen. Wenn ein Kind nicht geliebt, intellektuell stimuliert und gut ernährt wird, kann es sein Potenzial nicht voll entwickeln. Das Gleiche gilt für gesellschaftliche und ökologische Systeme, für Unternehmen und Volkswirtschaften. Das ist der Zweck der Regeneration. Um sie zu systematisieren, brauchen wir Regenerative Wertschöpfung. 

Ist deshalb ISPO so perfekt geeignet, um die Regeneration zu unterstützen?

Ja. ISPO will einen starken positiven Beitrag zum positiven Wandel in der Welt leisten. Dabei geht es um die drängende Frage, wie sich wirtschaftlicher Erfolg mit der dringend notwendigen Regeneration von Menschen und Gesellschaften, Natur und Klima verbinden lässt.

Walter Link und Bernie Glasmann
Walter Link mit Zen-Meister und Obdachlosen-Aktivist Bernie Glassman, nachdem die beiden ein „Spirit in Action“-Retreat in der Natur geleitet haben

Die neu konzipierte OutDoor Conference soll dafür Inspirationsquelle sein – welche Themen stehen auf dem Programm?

Es geht um die wesentlichen Themenbereiche, die erfolgreiche Unternehmensleitung beinhaltet, inklusive Lieferketten und Vertrieb, Technologie, Materialien und Energie, Bankfinanzierung und ESG-Investmenterwartungen, und auch Lobbying for Good, um unterstützende Rahmenbedingungen zu erreichen. Da geht es um wesentliche Trends in allen Stakeholder Gruppen. Unternehmer*innen anderer Branchen werden ihre Best-Practice-Beispiele vorstellen.

Lass uns doch noch ein bisschen über die verschiedenen Stakeholder Gruppen sprechen…

Besonders in der Outdoorbranche erwarten die Kund*innen zunehmend Nachhaltigkeit, oder besser noch Regeneration. Das sehen wir beispielsweise an den Erfolgen von Patagonia, Vaude oder auch The North Face. Diese Firmen stellen sich so auf, dass sie nicht nur funktionelle und schöne Produkte produzieren, sondern auch eine klare Positionierung in Richtung der großen Nachhaltigkeitsthemen wählen.

Gilt das nur für den globalen Norden, wo Konsument*innen mehr Geld haben?

Natürlich spielt Einkommen eine wichtige Rolle, aber die Nachhaltigkeitserwartungen sind zunehmend ein globales Phänomen. Nehmen wir zum Beispiel das brasilianische Unternehmen Natura. Aus diesem stark auf Regeneration ausgerichteten Start-up ist heute die viertgrößte Beauty-Group der Welt geworden, weil es ganz konsequent Regenerative Value Creation umgesetzt hat. Mit dieser starken DNA wurde es finanziell so erfolgreich, dass es Body Shop und Avon kaufen konnte, und sich heute in über 100 Ländern um Regenerative Wertschöpfung bemüht.

Wie macht Natura das?

Natura bemüht sich, alle Unternehmensaktivitäten zu regenerieren. Dazu gehören Bemühungen in Richtung Zirkularität, regenerativer Landwirtschaft und echter Klimaneutralität, also wirklich die Nutzung von umweltschädlicher Energie weiter und weiter herunterzufahren, und durch grüne Energieformen zu ersetzen. Es beinhaltet auch Living Wage und Living Income für alle Mitarbeiter*innen, und auch den respektvollen Umgang mit den indigenen Völkern in Brasilien, die wichtige Naturprodukte liefern. Als börsennotiertes Unternehmen misst Natura auch den finanziellen Erfolg all dieser Regenerationsbereiche, und wird unter dem B Corp und anderen Siegeln auch unabhängig zertifiziert. Ich könnte jetzt noch viel mehr über diese tolle Firma sagen, deshalb haben wir auch den CEO von Natura in der OutDoor Conference als Speaker dabei.

Finanzierungsmöglichkeiten von Regenerative Value Creation sind sicher auch ein Thema?

Ja. Der ganze Finanzbereich ist Thema – also Investor*innen und Banken, aber auch Mergers & Acquisitions, die sowohl für die großen, wie auch die kleineren Outdoorunternehmen eine wichtige Rolle spielen können. Es geht uns besonders um das, was wir ESG „Plus“ nennen: Also nicht nur besseres Verhalten in Bezug auf Umwelt (Environment), Gesellschaft (Social) und Unternehmensführung (Governance), sondern auch, wie man durch deren Stärkung wirtschaftlich erfolgreicher, und dadurch für Investor*innen und Banken auch attraktiver wird. Übrigens ist regenerativer Unternehmenserfolg neben Transparenz und guter Regulierung auch das beste Heilmittel gegen Greenwashing, das derzeit so stark zunimmt, weil wesentliche Trends in Richtung Regeneration zeigen.

Eröffnung einer Mikrofinanzbankfiliale
Eröffnung einer Mikrofinanzbankfiliale: Walter Link, Vizepräsident von Sarvodaya, einer der größten sozialen Bewegungen Südasiens, feiert mit Gründer, Dr. A.T. Ariyaratne, der oft als „Gandhi von Sri Lanka“ bezeichnet wird

Wichtig sind besonders aber auch „Talente“? Also die Menschen, die zunehmend für nachhaltigere Firmen arbeiten wollen? Ich habe kürzlich gelesen, „meaning is the new money“.

Das stimmt. Trendforscher bestätigen, dass besonders die jüngeren Generationen eine ganz hohe Präferenz haben, für regenerativere Unternehmen zu arbeiten. Weil sie eben nicht nur Einkommen suchen, sondern auch einen sinnhaften Beitrag leisten wollen. Man kann natürlich auch als Wähler*in und Mitglied einer NGO einen Beitrag leisten, und als Käufer*in von Produkten, aber eben auch als Mitarbeiter*in. Deshalb bewerben sich zum Beispiel bei Unilever, das von vielen Menschen als Unternehmen auf dem Weg in die richtige Richtung angesehen wird, zwei Millionen Menschen jedes Jahr, obwohl es vielleicht nur 10.000 offene Stellen gibt. Das verschafft Unilever und anderen Firmen, die positiv bewertet werden, einen großen Wettbewerbsvorteil. SAP hat zudem errechnet, dass ein Zuwachs der Mitarbeiterzufriedenheit um ein Prozent, 90 Millionen Euro zusätzlichen Gewinn erzeugt.

Walter Link mit NOW Partnern
Seit Jahrzehnten arbeitet Walter Link mit den NOW Partnern Doris und ihrem 2021 verstorbenen Mann John Naisbitt zusammen , die mit über zehn Millionen verkauften Megatrends-Büchern zu den erfolgreichsten Trendexperten der Welt gehören

Kommen wir zurück zur Partnerschaft von ISPO mit NOW Partners. Diese bezieht sich aber nicht nur auf Messen und Konferenzen, sondern geht darüber hinaus? 

Absolut. Die Konferenz ist genau wie die Messe ein Moment der Inspiration. Aber aus Inspiration alleine entsteht nicht immer Veränderung, denn man muss diese ja auch konkret umsetzen. Deshalb wird NOW Partners der ISPO Group helfen, Unternehmen ganzjährig durch sogenannte Innovation Labs zu unterstützen.

Was erwartet die Teilnehmer*innen dieser Innovation-Labs?

Wir unterstützen die Firmen mit diesen Leadership-Programmen und Workshops dabei, Regenerative Value Creation ganz konkret in ihrer täglichen Arbeit umzusetzen. Es wird diese Programme zu allen großen Unternehmensherausforderungen und -chancen geben, die wir ja teilweise schon weiter oben angesprochen haben, und die wir teilweise auch während der Konferenz bearbeiten. Wir bringen hier Entscheider*innen der Outdoor- und Sportindustrie mit international herausragenden Expert*innen aller Art zusammen, um gezielt gemeinsam relevante Lösungen zu erarbeiten.

Walter Link bei einem Vortrag
Walter Link stellt die grüne Präsidentschaftskandidatin Brasiliens, Marina Silva, dem britischen Umweltministerium, den Medien und anderen Akteur*innen der regenerativen Wirtschaft vor

Jetzt könnte ein Geschäftsführer sagen, ich hole mir lieber einen eigenen Berater… Welchen Vorteil bringt mir das Innovation Lab von ISPO und NOW?

Wir stehen nicht in Konkurrenz zum eigenen Berater. Aber oft lernen Geschäftsleute am meisten voneinander. Wir von NOW Partners sehen seit Jahrzehnten, dass von Peer-to-Peer-Learning unwahrscheinlich viel Kreativität und konkrete Umsetzung kommen kann. Unsere weltweit schon erfolgreichen Co-Creation-Prozesse optimieren gegenseitig stimulierende Einsichten und deren konkrete Umsetzung, die jedes Unternehmen für sich selber entscheidet. Studien zeigen klar, dass Diversität, also Unterschiedlichkeit, die Innovationskraft von Unternehmen stärkt. Vielfältige Unternehmen, mit vielseitigen Erfahrungen bringen ihr diverses Wissen ein. Es stehen darüber hinaus herausragende Experten*innen zur Verfügung, zu denen die Unternehmen alleine nur schwer und sicher nicht so kostengünstig Zugang hätten. Es gibt auch viele Themen, die man besser gemeinsam löst. Wie im Sport ist Wirtschaft sowohl Konkurrenz, also auch Zusammenarbeit. Das eine schließt das andere nicht aus.

An welches Thema denkst du da zum Beispiel? 

Lieferketten sind eines der großen Probleme mit denen Unternehmen ringen. Es beinhaltet deshalb auch große Chancen, die man teilweise besser gemeinsam erreicht. Im Moment lassen sehr viele Unternehmen in China produzieren. Wie die letzten Jahre gezeigt haben, kann das sehr problematisch sein. Lieferzeiten wurden immer länger und die Liefersicherheit sank. Besonders kleinere Outdoorunternehmen sind oft relativ kleine Kunden für große chinesische Hersteller, und werden dementsprechend behandelt. Gemeinsam hätten viele kleinere europäische Outdoorunternehmen eine größere Marktmacht. Sie könnten gemeinsam ihre Produktion nach Europa verlegen. Sie können auch gemeinsam Materialien erfinden, ausprobieren und recyceln lassen. Und sie können gemeinsam dafür sorgen, dass die EU nachhaltigere Wettbewerbsbedingungen schafft, die ihren und den Werten ihrer Kund*innen entsprechen.

Zum Schluss würde ich dich bitten, folgenden Satz zu vervollständigen: Die Welt wäre ein besserer Ort, wenn…

Die Welt wäre ein viel besserer Ort, wenn wir eine Wirtschaft hätten, die auf einer regenerativen Wertschöpfung beruht, weil sie wirtschaftlichen Erfolg in die Regeneration von Menschen, Gesellschaften und der Natur vollständig integriert. Das ist absolut notwendig und daher unumgänglich.

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Uschi Horner