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Unterwegs

Vom Treiben und Treibenlassen

  • Marcel Laskus
  • 07. Oktober 2019

Einmal von der Quelle bis mitten in die Stadt München: Warum das Gravelbike das perfekte Rad für eine Entdeckungstour entlang der wilden Isar ist


Und dann liegt dieser Baumstamm mitten auf dem Weg. Ich gehe aus dem Sattel, bremse und denke: In Ordnung, das Isarufer darf wild sein. Doch beim zweiten Stamm, einem noch viel größeren, über den wir unsere Räder am Gestrüpp vorbei wuchten müssen, werde ich skeptisch: Wo zur Hölle sind wir hier? Meine Zweifel werden zur Gewissheit. Wir haben uns verirrt. Komplett verfahren. Dabei hätten wir nur dem Flusslauf folgen sollen. Wie konnte das passieren?

Die kurze Antwort ist: Unsere Fahrräder haben uns erst viel Spaß und dann ziemlich übermütig gemacht.

Die längere Antwort ist diese hier:

24 Stunden zuvor. An einem Septembermorgen, der noch so sonnig wie der Sommer war und schon so frostig wie der Winter, sind meine Freundin Elisabeth und ich in Scharnitz angekommen. Die erste Regionalbahn hat Räder, Gepäck und zwei müde Münchner hinter die deutsch-österreichische Grenze ins nördliche Tirol gebracht. Als die Zugtür sich geschlossen hat, hört man die Isar schon von weitem plätschern.

Die Schotterebene des oberen Isartals
Ein Stück Kanada in Bayern: Das Isartal oberhalb des Sylvensteinspeichers besteht vor allem aus schier endlosen Kiesbänken
Bildcredit: Robert Pupeter

Bis dahin kannte ich die Isar als Ort der Entspannung. Bei Kälte, um an ihrem weiten Ufer in München Spaziergänge zu machen. Bei Hitze, um zu grillen und zu baden. Die Isar, bin ich mir sicher, so einen schönen Fluss hat keine andere Großstadt. Doch ist es nicht auch etwas oberflächlich, immer nur das Endprodukt, in diesem Fall den gezähmten Stadtfluss, zu erleben? Ich will erfahren, ob man mit der Isar nur Spaß haben kann, wenn man sich an ihrem Ufer erholt. Oder auch dann, wenn man sich auf dem Rad neben ihr abkämpft.

Der Fluss hat zunächst einen Wettbewerbsvorteil, denn er muss sich nur bergab bewegen. Wir hingegen müssen zu seinem Ursprung erst einmal von Scharnitz an bergauf. Wir brauchen bald den kleinsten der zehn verfügbaren Gänge. Unsere Räder sind Gravelbikes, und nach allem, was man mir erzählt hat, bietet der Lauf der Isar das perfekte Terrain, um die Vorteile dieses Trend-Fahrrads wirklich zu erfahren.

Isarursprung
Ursprung im Karwendel, Mündung in der Donau: Die Isar fließt 292 Kilometer durch Österreich und Bayern, fast 150 Kilometer werden Marcel und Elisabeth in zwei Tagen an ihr entlang radeln
Bildcredit: Robert Pupeter

Gravelbikes haben einen sportlichen Rahmen, ähnlich wie Rennräder, sie wiegen kaum mehr als ein mittelgroßer Rucksack, unsere Modelle nicht einmal 10 Kilo. Das ist ein gutes Drittel weniger als ein voll gefedertes Mountainbike. Dabei sind sie viel komfortabler als klassische Cross-Racer, die jahrzehntelang nur für Wettkämpfe hergestellt wurden und auf denen man so windschnittig sitzt, dass man schon vom Zusehen Rückenschmerzen bekommt. Gravelbikes vereinen hingegen das Beste aus zwei Welten: Die Rennrad-Ergonomie samt extraleichtem Rahmen, um richtig ins Rollen zu kommen. Die recht dicken Profil-Reifen, um problemlos klettern und über jede Wurzel und Unebenheit einfach hinwegrauschen zu können. 150 Kilometer liegen von der Quelle bis zur Stadtgrenze vor uns. Mit dem Rennrad würde die Route bedeuten: Bundesstraße, Wochenendverkehr, Lärm, Abgase. Mit dem Mountainbike wäre die Distanz eine Härteprobe – und das dann doch über weite Teile flache Gelände eine Unterforderung. Aber mit dem Gravelbike ist das eine perfekte Tour, selbst für Einsteiger. Außerdem geht es ja ab der Quelle die ganze Zeit bergab. Zumindest dachten wir das.   

Wir füllen unsere Flaschen mit eiskaltem Quellwasser. Dann geht es bergab, und die eigentliche Tour beginnt.

Schon beim ersten Anstieg zahlen sich die Eigenschaften der Räder aus. Der Weg führt richtig rein ins Karwendel, aus der Forststraße wird ein schmaler Bergweg, unsere Reifen nagen sich an Schotter und Steinbrocken fest. Aber sie drehen nie durch. Wir rollen aufwärts, finden den richtigen Tritt. Mal umfließt uns die Isar von links und rechts gleichzeitig. Mal sehen wir sie fünfzig Meter unter uns, bestaunen von weitem, wie sie auf ihren ersten Kilometern aus dem Gebirge rauscht. Wir treten die Räder gemächlich weiter, es gibt kein Extragewicht, keine Federgabel, keinen Downhill-Rahmen, der uns den Anstieg vermiest. Nach einer guten Stunde kommen wir an der Quelle an. Die Isar plätschert friedlich dahin. Sie entspringt an verschiedenen Stellen und besteht hier aus kaum mehr als einem guten Dutzend schmaler Rinnsale. Wir füllen unsere Flaschen mit eiskaltem Quellwasser. Dann geht es bergab, und die eigentliche Tour beginnt.

Sicht aufs Isartal
Bildcredit: Robert Pupeter
Auf und ab entlang der Isar
Viele Pfade, etwas Asphalt, und immer wieder Schotterpisten mit spektakulären Aussichten: Die Strecke führt von der Isarquelle vor allem auf Forstwegen bis München. Es sind perfekte Bedingungen für Gravelbikes
Bildcredit: Robert Pupeter

Mittlerweile ist es Mittag, die Sonne steht höher. Bei der Abfahrt ist es noch kühl, doch bei den ersten kurzen Gegenanstiegen komme ich ganz schön ins Schwitzen. Ein Herbstblatt treibt auf dem noch jungen Fluss, ich folge ihm und will sein Tempo halten – doch schon beim nächsten Knick schwimmt es davon. Erste Erkenntnis: besser keine Verfolgungsjagden. Stattdessen: lieber treiben lassen, wie es das Wasser in der Isar eben auch tut. Wir fahren ein Stück Asphalt, über den unsere Räder hinweg zischen. 35 Kilometer pro Stunde und mehr. Dann geht es in die vom Schotter und Isarkies überzogene Ebene. Die Vegetation wirkt erschöpft vom trockenen Sommer. Nur ab und an schimmert das Türkis der Isar bis zu uns durch.

Wir kommen gut voran. Während wir nebeneinander rollen, können wir uns entspannt unterhalten. Zum Beispiel darüber, wie gewöhnungsbedürftig schmale Sattel eigentlich sind. In Mittenwald dann endlich das erste Zwischenziel. Die Terrasse einer gemütlichen bayerischen Einkehr. Wir beugen die Köpfe über die Teller. Käsespätzle für mich, Spinatknödel für Elisabeth. 1200 Kilokalorien, meldet meine GPS-Uhr, habe ich angeblich bisher schon verbrannt. Umso beherzter räume ich meinen Teller leer. Und weil das Radler nun mal Radler heißt … eben.

Mischung aus Rennrad und Mountainbike: Gravelbikes.
Bildcredit: Robert Pupeter
Schmale Satteltasche fürs Gepäck.
Gravelbikes vereinen den Komfort von Mountainbikes mit der Leichtigkeit und Fahrposition eines Rennrads. Die Rahmen sind stabil, die Reifen breit – so kann man auf jedem Untergrund richtig Strecke machen
Bildcredit: Robert Pupeter

Unser wichtigstes Navigationssystem ist die Isar selbst. Solange wir ihren Lauf im Blick haben oder sie zumindest hören können, orientieren wir uns an ihrem Rauschen und Plätschern. Doch manchmal ist das gar nicht so leicht. Die meisten Wege sind nicht für Radtouren am Ufer, sondern für Waldarbeiten angelegt worden – entsprechend schnell geht es bisweilen weg vom Wasser und tendenziell bergauf. Schilder weisen auch nicht immer den schönsten oder kürzesten Weg, weshalb wir sie doch lieber ignorieren. Wir lassen uns treiben. Im Zweifel flussabwärts. Es ist eine sehr ehrliche Art des Reisens, finden wir.

Die wiederkehrenden Anstiege lassen immer wieder vergessen, dass es ja eigentlich konstant nach unten geht.

Und hinter Krün kommt das, was Outdoor-Fans aus dem Münchener Umland einfach als »Klein Kanada« bezeichnen. Bisweilen senkrecht steile Bergflanken, Nadelwälder, ein gigantisch breites Flussbett. Keine Ortschaften. Ist das der Yukon oder ein Fluss, keine zwei Autostunden entfernt von der drittgrößten deutschen Stadt? Während ich so vor mich hin sinne, ist da auf einmal eine Abbiegung, die nah an einem Felshang entlang führt und verlockend aussieht. Nach einem kurzen, harten Anstieg ist die Isar auf einmal ziemlich weit weg. Und wo die Isar weit weg ist, wird es anstrengend. Im niedrigsten Gang ziehen wir hoch – und Moment mal: Sind wir etwa langsamer als die Wanderer vor uns? Als Powersong geht mir das Scarface-Titellied „Push it to the limit“ durch den Kopf. Ich muss zum ersten Mal aus dem Sattel steigen. Hinter mir höre ich Elisabeth, wie sie leise „I’m still standing“ von Elton John singt und weiterkämpft.

Mit dem Gravelbike bergab
Auf 1200 Metern gestartet, auf 700 angekommen: Meistens geht's bergab, aber immer wieder müssen Marcel und Elisabeth auch Gegenanstiege bewältigen. Forststraßen wurden schließlich als Arbeits- und nicht als Panorama-Wege angelegt
Bildcredit: Robert Pupeter

Auf und Ab. Noch mehr Aussichten auf das breite Isartal. Und ein Stopp am gigantischen Sylvensteinspeicher, der mehrere Millionen Liter Wasser speichert und die Isargemeinden bis München vor Überschwemmungen schützt. Der Stausee hat die wilde Isar gezähmt, trotzdem machen die jährlichen Hochwasser aus ihr noch immer einen unberechenbaren Fluss, in dem Kiesbänke und Inseln innerhalb weniger Stunden in den dann trüben Fluten verschwinden. Der Sylvenstein schützt vor Hochwasser, doch die Isar sucht sich noch immer ihren Lauf und sieht jedes Jahr anders aus. Auf 1200 Metern Höhe sind wir am Ursprung gestartet. In München werden wir 700 Meter näher am Meeresspiegel ankommen. Doch die wiederkehrenden Anstiege lassen immer wieder vergessen, dass es ja eigentlich konstant nach unten geht. Trotzdem ist es gut wissen, dass wir jetzt, am späten Nachmittag des ersten Tages, den größten Höhenunterschied hinter uns haben, den wildesten Teil der Strecke auch. Am frühen Abend kommen wir in Lenggries an. Unsere Reifen sind schlohweiß vom vielen kalkhaltigen Schotter. Die Sonne geht unter. Geschafft, für heute.

Mit den Gravelbikes an der Isar entlang.
Immer am Ufer entlang: Marcel und Elisabeth lassen den Karwendel hinter sich – und sie kommen langsam richtig ins Rollen
Bildcredit: Robert Pupeter

Am nächsten Morgen fahren wir über Schotterpisten an einigen Wildgehegen vorbei, die Isar neben uns im Blick. Am Ufer erfrischen wir uns und entdecken eine Handvoll dicke Forellen, die scheinbar still in der Strömung stehen. Mit unseren Rädern rollen Elisabeth und ich bei konstantem Tempo über so gut wie jeden Untergrund, ohne viel davon zu merken. Mit dem Mountainbike, das ich zu Hause stehen habe, würde ich auf der Stelle treten. Doch mit den Gravelbikes kommen wir selbst gegen den nun aufziehenden Nordwind gut voran. Die Räder rollen. Und sie rollen so leicht, dass ich die Gangschaltung kaum noch benutze. In mittleren Gängen rollen wir zügig unserem Ziel entgegen. Doch die Leichtigkeit wird zum Problem.

Knapp 9000 Quadratkilometer Einzugsgebiet: Nach Donau, Inn und Main ist die Isar der viertgrößte Fluss Bayerns.
Bildcredit: Robert Pupeter

Als mir einmal ein Stück Straße zu langweilig wird und wir auch die Isar aus den Augen verloren haben, schlage ich vor, auf einen Waldweg einzubiegen, hinter dem laut Google Maps die Isar fließen soll. Elisabeth zögert einen Moment und lässt sich dann doch überzeugen. Aus dem Weg wird recht schnell ein Pfad und aus diesem Pfad wird dann etwas, das irgendwann einmal ein Pfad war, nun aber definitiv kein Pfad mehr ist. Weit und breit kein Wanderer, kein Mountainbiker. Nur umgefallene Bäume. Wir müssen unsere Räder tragen, die zum Glück kaum etwas wiegen.

Von der Isar ist von hier aus weder etwas zu hören noch zu sehen, und die Stimmung macht das nicht gerade besser. Stattdessen: Überall Bäume, stehend und liegend. Ich schaue auf mein Handy. Google Maps hat es sich nun offenbar anders überlegt und verrät, dass es von dem Standort, an dem wir uns gerade befinden, ganz sicher nicht nach München geht. Also vertrauen wir wieder auf unsere Sinne. Nach einer halben Stunde im Unterholz und ohne Orientierung sitzen wir wieder auf dem Sattel, verschwitzt vom Tragen und Klettern. Und zum ersten Mal sind wir froh, dass wir eine Landstraße vor uns haben. »Genug Experimente«, sagt Elisabeth und ich bin mir ziemlich sicher, dass sie mich schon freundlicher angeschaut hat.

Mit dem Gravelbike auf Umwegen
Bildcredit: Robert Pupeter
Auf Umwegen: Marcel und Elisabeth schieben ihre Räder.
Das war so nicht geplant: Marcel und Elisabeth verfahren sich. Tragen statt Radeln ist angesagt. Was aber bei weniger als 9 Kilogramm Gewicht pro Rad kein wirkliches Problem ist
Bildcredit: Robert Pupeter

Die Alpen haben wir hinter uns gelassen, und allmählich wirkt das Flusstal so flach, als hätte man aus der Landschaft die Luft rausgelassen, wie aus einer Matratze. Aus Nadelbäumen werden Laubbäume. Und aus Alpengipfeln werden Kirchtürme und Häuserblöcke, erst in Bad Tölz, dann in Wolfratshausen und schließlich in München.

Die Räder sind eingestaubt, und ich bilde mir ein, in meinen Händen die Abdrücke des Lenkers zu sehen. Zehn Stunden hielt ich mich an den Griffen fest, 150 Kilometer haben wir hinter uns. Für eine Fahrt am Fluss, die das Zähe und das Zahme vereint, sind Gravelbikes der perfekte Kompromiss. Auf Passagen mit festem Boden sind wir sogar an Radlern vorbeigerauscht, die nach echten Profis aussahen. Im nächsten Moment ist aber auch der Schotter am ausgetrockneten Flussbett kein Grund zum Umdrehen, sondern eine machbare Herausforderung. Wären nicht die umgefallenen Baumstämme gewesen, ich würde behaupten: Mit dem Gravelbike kommt man überall hin.

Angekommen: Elisabeth und Marcel in München
Angekommen: Am Ende ihrer Tour sitzen Marcel und Elisabeth an der Isar und genießen die Aussicht auf München.
Bildcredit: Robert Pupeter

Erschöpft und mit aufgepumpten Oberschenkeln sitzen wir an einem kleinen Kiosk an der Wittelsbacherbrücke in München und stoßen auf die Tour an. Wie oft sich die Isar auf dem Weg von der Quelle bis hierher wohl verirrt, beschleunigt, verlangsamt, verschmutzt und gereinigt hat? Die Isar, sie hat einen ganz schönen Weg hinter sich. Genau wie wir. Darauf noch ein Radler.