Autor:
Lars Becker

Jeder zweite Sportverein befürchtet „existenzbedrohende Lage“

So wichtig sind Sportvereine für die Gesellschaft

Der Corona-Lockdown bringt auch viele Sportvereine in eine existenzbedrohende Lage. Dabei sind sie für Gesundheitsvorsorge und sozialem Zusammenhalt in der Gesellschaft unabdingbar. ISPO.com zeigt die prekäre Situation.

Sportarten wie Hockey machen Kinder körperlich und mental fit.
Sportvereine leiden in der Coron-Krise unter Mitgliederschwund.

Die Lage in den deutschen Sportvereinen ist alarmierend. Laut des neuesten Sportentwicklungsberichts befürchten 52,4 Prozent in den nächsten zwölf Monaten eine „existenzbedrohende Lage“. Als Hauptgrund nennen die über 20.000 befragten Vereine dafür neben einem Rückgang der ehrenamtlichen Arbeit (34,9 Prozent) mit 41,3 Prozent den pandemiebedingten Mitgliederrückgang.

Mitgliederrückgang bringt viele Vereine in Not

Laut Prognosen könnten bis zu 10 Prozent der 24,27 Millionen registrierten Mitglieder (2020) ihrem Sportverein den Rücken kehren. Vor allem in den vom Lockdown besonders betroffenen Kontakt- und Teamsportarten ist die Lage düster. Eva Straub, Präsidentin des Ju-Jutsu-Verbandes in Bayern, berichtet zum Beispiel von „einem erschreckender Mitgliederrückgang von 30 Prozent“. Alfons Hölzl als Präsident des Deutschen Turner-Bundes (DTB) befürchtet neben „einem deutlichen Mitgliederschwund“ auch den Verlust von „hochmotivierten Trainern, Betreuern und Funktionären“.

Die Gemengelage bringt viele Vereine in akute Finanznöte: Allein der Bayerische Landessportverband (BLSV) beziffert die Verluste durch die Corona-Krise beispielsweise auf mindestens 200 Millionen Euro. Doch abseits vom Geld ist vor allem der Verlust von Kindern und Jugendlichen aus dem Vereinssport bedenklich, von denen sich viele nach inzwischen zwei Sport-Lockdowns anderweitig orientiert haben.

„Sozialer Kitt“ geht verloren: Folgen für die ganze Gesellschaft

„Je länger Sport-Vereine ihrem Zweck nicht nachkommen dürfen, desto schwächer wirken sie als stabilisierendes Element der Gesellschaft. Es geht sozialer Kitt verloren, der gerade in einer individualisierten Zuwanderungsgesellschaft von Bedeutung ist. Damit treffen die Folgen nicht nur die Vereinsmitglieder sondern die gesamte Gesellschaft“, warnt Professor Christoph Breuer von der Deutschen Sporthochschule Köln.

Er verantwortet als Studienleiter den neuesten Sportentwicklungsbericht, der die Gefahren des Corona-Sport-Lockdowns für die ganze Gesellschaft deutlich werden lässt.

Deutschlands Sportlerin des Jahres fürchtet Probleme

Weitsprung-Weltmeisterin Malaika Mihambo, Deutschland Sportlerin des Jahres, fürchtet ebenfalls gravierende Auswirkungen. Sie kann zwar als Leistungssportlerin derzeit im Gegensatz zu den Hobbysportlern normal trainieren, leidet aber trotzdem: „Der Vereinssport hat auch eine wichtige soziale Komponente. Ich vermisse dieses Zusammensein mit meiner Trainingskollegen sehr. Auch für Hobbysportler ist dieser Austausch enorm wichtig, weil er hilft, dranzubleiben.“  

Genau diese „Regelmäßigkeit und Verbindlichkeit, so der Sportpsychologe Kai Engbert, sei eine der wichtigsten Funktionen der Sport-Vereine für das Sporttreiben und die Gesundheit. „Viele raffen sich deshalb von der Couch hoch. Auch, weil ihnen der Austausch in der sogenannten dritten Halbzeit wichtig ist. Gerade im Breitensport ist diese soziale Motivation sehr wichtig“, so Engbert im Exklusivinterview mit ISPO.com.

Online-Angebote können das natürlich nicht vollständig auffangen. Zudem wird beim virtuellen Üben ein Großteil der nicht so sportaffinen Bevölkerung gar nicht erreicht – dafür braucht es individuelle Angebote von Sport-Vereinen in der Realität. Malaika Mihambo tut zum Beispiel mit ihrer Stiftung „Malaika’s Herzsprung“ etwas Konkretes für die Zukunft der Sportvereine: Kinder und Jugendliche bekommen dort für einen Jahr den Mitgliedsbeitrag für einen Leichtathletik-Verein bezahlt.

Politikerin Freitag will große Kampagne für Vereine

Auch in der Politik, die das wichtige Thema Breitensport in den Diskussionen um die Corona-Maßnahmen bislang weitgehend ausklammert, wächst die Erkenntnis, dass etwas für die Zukunft der Sport-Vereine getan werden muss.

Dagmar Freitag, Vorsitzende des Bundestags-Sportausschusses, will sich nach Ende der Corona-Pandemie für eine große Kampagne des Gesundheitsministeriums einsetzen. „Für Vereine und Fitnessstudios. Damit den Menschen wieder bewusst wird, wie wichtig der Zugang zum Sport ist“, sagte Freitag auf der ISPO Munich Online.

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Lars Becker
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