Wintersport als Hybrid-Markt von Ski Alpin und Skitouren

Corona-Winter 2021: Die sanfte Rebellion des Pistentourings

Der Corona-Winter 2021 ist geprägt von alpinem Stillstand und Skitouren-Höhenflug. Doch wie nachhaltig ist der Pistentouren-Boom? Und was bedeutet er für die Skigebiete? Die Wintersportbranche zieht eine erste Zwischenbilanz.

Pistentouren werden unter Wintersportlern immer beliebter.
Pistentouren werden unter Wintersportlern immer beliebter.

Lockdown, Quarantäne bei der Wiedereinreise, geschlossenen Skigebiete und viele weitere Hürden – die Corona-Maßnahmen der Politik treffen den Wintersport hart.

Doch trotz oder gerade wegen der Pandemie und dem Mangel an anderweitigen Sportangeboten erlebt das Skitourengehen und hier vor allem im Pistentouring einen Boom. Doch ist der wirklich nachhaltig oder flaut er wieder ab, sobald die Skilifte wieder geöffnet werden?

Seilbahnbetreiber vom Boom nicht überrascht

Hersteller, darunter Movement, Völkl und Dynafit, sehen im Trendsport Tourengehen nicht nur ein Strohfeuer, das aus der Alternativlosigkeit in Corona-Zeiten entfacht ist, sondern einen Boom mit Langzeitpotenzial, der weit vor Corona begonnen hat und lediglich mit der Krise explosionsartige Zuwächse erlebt – vor allem in der noch jungen Disziplin Pistentouring.

Auch für Seilbahn- und Liftbetreiber kam der Aufwind des Tourengehens nicht überraschend. Matthias Stauch, Präsident des Verbands Deutscher Seilbahnen und Schlepplifte e.V. und Vorstand Bayerische Zugspitzbahn Bergbahn AG Garmisch-Partenkirchen, verfolgt diese Entwicklung schon länger: „Die Situation an sich ist nicht neu. Der Trend zum Tourengehen bzw. Pistentourengehen entwickelt sich seit Jahren, und auch Aktivitäten wie Schneeschuhwandern und Rodeln gewinnen an Bedeutung.“

Pistentouren als Einstiegssport wie Bouldern

Die Vorteile für die Wintersportler liegen auf der Hand: Pistentouren stellen einen niedrigschwelligen Einstieg dar, frei von den damit verbundenen Hürden wie alpiner Erfahrung, Lawinenkunde und Tiefschneetauglichkeit. Hier kann man durchaus Parallelen zum Boulder-Boom ziehen, der für viele Freizeitsportler der Einstieg ins Klettern war.

Pistentouren sind für viele eingefleischte Tourengeher schon lange zum Fitnessstudio-Ersatz geworden: eine schnelle, effektive Trainingseinheit für die großen Tourenziele im freien Gelände. Dazu gesellen sich seit einigen Jahren immer mehr Sportler, die im Pistentourengehen eine ganz eigene Disziplin für sich entdeckt haben.

Touren im alpinen, freien Gelände? Müssen nicht sein, die neue Touren-Community ist vollauf zufrieden mit ihrem Sport am Pistenrand. Corona und die daraus resultierende Lockdown-Situation mit den geschlossenen Liftanlagen wirken hier wie ein Katalysator.

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Entstehung eines Hybrid-Marktes zwischen Ski Alpin und Skitouren

Stauch begrüßt die Entwicklung zwar, warnt aber auch vor den Folgen. „Wir unterstützen und begrüßen diese Vielfalt und stellen in zahlreichen Gebieten gezielte Angebote zur Verfügung. Allerdings fordern wir, dass sich die Nutzer dieser Leistungen auch an den Kosten dafür beteiligen. Neu ist in dieser Saison, dass die Lenkungsfunktion der Seilbahnen fehlt. Mit allen negativen Folgen - die sonst ein organisiertes Umfeld verhindert“, mahnt er.

Benedikt Böhm, Geschäftsführer von Dynafit, hofft im Interview mit ISPO.com auf entsprechende Ideen: „Das Skitouring auf Pisten und markierten Routen ist nicht mehr wegzudenken und wird zunehmen. Deshalb sind gute und zeitgemäße Konzepte gefragt und das Aussprechen von Verboten ist aus meiner Sicht nicht zukunftsorientiert.“ Böhm sieht langfristig die Entstehung eines Hybrid-Marktes zwischen Ski Alpin und Skitouren.

Neue Gästepotenziale, wenn Tourismus wieder anläuft

Es gilt nun aus den Situationen des diesjährigen Winters zu lernen und neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, bewusst mithilfe der Liftgesellschaften und der Regionen. Denn: Der Tourismus zählt zu einer der weltweit größten Branchen – was hier an Trends gesetzt wird, ist Gesetz.

Skisport ist einer der größten Tourismusbereiche in Bayern und der größte in Tirol – es hängt nun von den Entscheidungen der Tourismusentwickler und Liftbetreiber ab, wie die Zukunft des Wintersports aussehen kann.

Die Möglichkeiten sind mannigfaltig: Von der gekennzeichneten Aufstiegsroute bis zur Inkludierung der Disziplin in den Saisonpass. Klassische Wintersportregionen müssen Gästepotenziale nachhaltig sichern und sich produktseitig stärker vom eindimensionalen Ski-Alpin-Modell emanzipieren, fordern deshalb viele Experten.

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