Autor:
Karsten Lohmeyer

Interview mit Messe-CEO Klaus Dittrich

„Die Messe München wird effizienter, agiler und flexibler“

In München kann man derzeit live beobachten, wie der Neustart der Messebranche läuft. Im Gespräch mit ISPO.com erzählt Klaus Dittrich, wie er als CEO und Chairman der Messe München die Corona-Pandemie erlebte, wie er sein Unternehmen durch die Krise steuerte und wie er die Zukunft der Messebranche sieht.

Klaus Dittrich ist Vorsitzender der Geschäftsführung der Messe München.
Klaus Dittrich ist Vorsitzender der Geschäftsführung der Messe München.

Kaum ein Wirtschaftsbereich ist so unmittelbar und hart von der COVID-19-Pandemie getroffen worden, wie die Messebranche. Weltweit mussten mehr als 4.000 Messen aufgrund der Pandemie abgesagt werden – darunter auch die ISPO Munich und die OutDoor by ISPO 2021. Klaus Dittrich hat die Messe München durch diese Zeit gesteuert.

Klaus, blicken wir mal eineinhalb Jahre zurück. Die ISPO Munich im Januar 2020 war die erfolgreichste aller Zeiten. Dann kam …

… die „Vollbremsung auf der Überholspur“, wie es eine Münchner Zeitung beschrieben hat. Nach der ISPO Munich folgte noch die Inhorgenta, im März war dann der Lockdown …

Volle Hallen mit vielen Besuchern am ersten Tag der ISPO Munich 2020
Mit einem Besucher- und Aussteller-Rekord war die ISPO Munich 2020 die erfolgreichste aller Zeiten.

Mit dramatischen Folgen für die Messe München.

Ja. Wir haben bis heute rund 400 Millionen Umsatz verloren, das sind 2020 und 2021 jeweils rund 70 Prozent.

Wir haben  eineinhalb Jahre Krisenmanagement hinter uns mit Kurzarbeit, ausgesetzten Investitionen, einem Sachkosten-Sparprogramm mit rund 900 Einzelmaßnahmen und einer kompletten Restrukturierung unserer Organisation.

Ihr musstet Euch auch von rund 25 Prozent der Belegschaft trennen.

Das war für mich der menschlich schwierigste Teil. Wir haben ja auch eine komplette Hierarchiestufe herausgenommen und zusätzlich die Geschäftsführung von sechs auf drei Personen halbiert.

Ich persönlich bin sehr dankbar, dass wir für fast alle 200 betroffenen Menschen gute Lösungen gefunden haben und nur eine einzige betriebsbedingte Kündigung aussprechen mussten.

Viel gelernt bei 24 Online-Veranstaltungen

400 Millionen Euro Umsatz weg. 200 Mitarbeitende weniger. Und trotzdem hast Du das Motto „We come back stronger“ für die Messe München ausgegeben. Wie kommt man gestärkt aus so einer Krise zurück?

Indem man anpackt und handelt. Natürlich waren wir zunächst in einer Art Schockstarre. Doch die hat sich sehr schnell gelöst und wir haben begonnen, digitale Ersatzprodukte zu entwickeln, um im Markt präsent zu bleiben.

Mittlerweile haben wir 24 Online-Veranstaltungen als Ersatz für abgesagte Messen durchgeführt und dabei unglaublich viel gelernt. Auch, was nicht  funktioniert.

Never waste a crisis
ISPO Re.Start.Days: Digital geteilte Insights waren wohl nie so wichtig.

„Wir müssen noch mehr digitale Kompetenz aufbauen“

Was habt Ihr gelernt?

Zunächst müssen wir noch sehr viel näher an den Kunden heran und seine Bedürfnisse noch besser verstehen. Zum Beispiel ist der CEO einer Sportartikelfirma durchaus vier Tage auf der ISPO Munich zu finden, er wird sich aber sicher nicht vier Tage vor einen Bildschirm setzen.

Es muss sehr klar sein, für welche Zielgruppen wir digitale Angebote mit einem klar definierten Mehrwert schaffen.

Für die Mitarbeiter hinter den Kulissen sind die ISPO Re.Start Days auch eine neue technische Herausforderung. Im Bild zu sehen ist die Video-Regie.

Wir müssen insgesamt noch viel mehr digitale Kompetenz in unseren Teams aufbauen – für die Konzeption der Produkte, die Vermarktung und die Umsetzung. Quadratmeter Ausstellungsfläche zu verkaufen ist etwas völlig anderes, als mit digitalen Produkten Erträge zu erzielen.

Und schließlich müssen wir in so unsicheren Zeiten mit so viel Veränderungen noch viel agiler und flexibler werden. Mut und Demut sind meines Erachtens die Schlüssel für den zukünftigen Erfolg.

Angesichts dessen ist „We come back stronger“ kein Lippenbekenntnis, sondern eine strategische Entscheidung, um effizienter, agiler und flexibler zu werden.

Moderatorin Re.Start Days
Isabelle Mandeng moderierte die ISPO Re.Start Days 2020

Ursprünglich solltest Du im Januar 2021 in Rente gehen und hast kurz vor der Pandemie Deinen Vertrag um zwei Jahre verlängert. Bereust Du die Entscheidung?

Nein, auf keinen Fall. Natürlich hatte ich mir meine letzten beiden Jahre anders vorgestellt. Aber ich habe es keine Sekunde bereut und fand es wichtig, dass in dieser Situation jemand an der Spitze des Unternehmens steht, der schon andere Krisen erlebt hat und das Vertrauen von Mitarbeitern und Gesellschaftern hat.

Einfach war es dennoch nicht. Ich hatte viele schlaflose Nächte und habe noch nie so viel mit den Mitarbeitern kommuniziert, zum Beispiel in mehr als 20 Videobotschaften.

ISPO Re.Start.Days: das Industry Leader Panel.

„Eine Messe ist etwas anderes als ein bierseliges Volksfest“

Das Oktoberfest ist abgesagt. Die IAA Mobility fand gerade statt, bald auch weitere Messen in München, die ISPO Munich 2022 ist fest eingeplant…

Eine Messe mit einem durchdachten Hygienekonzept und registrierten Besuchern ist ja auch etwas anderes als ein bierseliges Volksfest. Für diese Einschätzung durch die Behörden haben wir in den vergangenen Monaten hart gekämpft.

Auf der IAA Mobility galt 3G: Zutritt nur für Geimpfte, Genesene oder Getestete.  Alle trugen Masken, viele Einzelmaßnahmen sorgten für größtmögliche Sicherheit.

Während der IAA Mobility 2021 waren bis zu 50.000 Besucher gleichzeitig auf dem Messegelände zugelassen.
Während der IAA Mobility 2021 waren bis zu 50.000 Besucher gleichzeitig auf dem Messegelände zugelassen.

Wir durften bis zu 50.000 Besucher gleichzeitig auf dem Messegelände haben und im „Open Space“ in der  Stadt noch einmal 30.000.

Die Lehre aus der IAA Mobility: Es geht coronakonform solche großen Messen durchzuführen. Unsere Aussteller dürfen sich jetzt schon auf eine wunderbare ISPO Munich 2022 freuen.

„Digital und offline: Wir müssen das Beste aus beiden Welten clever kombinieren“

Was ist für die Messe München die größte Herausforderung der kommenden Jahre?

Die Coronakrise hat uns vor Augen geführt, wie wichtig unsere eigene digitale Transformation ist. Glücklicherweise ist das ein Prozess, den wir bereits sehr früh schon lange vor der Pandemie angestoßen haben.

Vor Corona hatten wir mit digitalen Angeboten vor allem den Service-Gedanken rund um unsere Präsenz-Messen im Fokus. Jetzt ist es ganz entscheidend, daraus ein profitables Geschäftsmodell zu entwickeln.

Der Schlüssel liegt darin, das Beste aus beiden Welten clever zu kombinieren – der persönlichen Begegnung auf einer Plattform wie der Messe und den vielfältigen Möglichkeiten, die uns digitale Technologien bieten.

Besucher am Mercedes-Stand der IAA Mobility 2021
Besucher am Mercedes-Stand der IAA Mobility 2021

Was erhoffst Du Dir vom Digitalen?

Vor Corona lag der Anteil digitaler Produkte am Gesamtumsatz bei 2,5 Prozent, 2022 wollen wir schon bei 5 Prozent sein. Die große Herausforderung wird es sein, diesen Anteil in den kommenden Jahren deutlich auszubauen und hochprofessionelle Digitalprodukte zu entwickeln, die sich am Kundennutzen orientieren.

Wir haben ja auch deshalb so viel Umsatz verloren, weil wir so von unserem Kerngeschäft abhängig sind. Wenn wir krisenfester sein wollen, muss sich das ändern.

Ticketkontrolle am Eingang zur IAA Mobility 2021
Digitale und kontaktlose Einlasskontrolle bei der IAA Mobility 2021.

Du hast bereits erwähnt, dass Du 2022 in den Ruhestand gehen wirst. Wie willst Du die Messe München an Deine Nachfolgerin oder Deinen Nachfolger übergeben?

Meine Nachfolgerin oder mein Nachfolger wird eine Messegesellschaft übernehmen, die sehr viel agiler, flexibler, stärker und noch kundenorientierter ist als das Unternehmen vor der COVID-19-Pandemie war.

Es wird auch eine Perspektive geben, wie wir aus der Krise herauskommen und künftig erfolgreich sein können. Bis wir das Niveau von 2019 erreicht haben werden, wird es aber noch drei bis fünf Jahre dauern. Ich blicke aber sehr optimistisch in die Zukunft.

Wir danken Dir für das Gespräch.

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Karsten Lohmeyer
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