Dr. Regina Henkel
Autor:
Regina Henkel

Soziales und ökologisches Engagement der Fair Wear Foundation

So setzen sich Vaude und FWF für fairere Arbeitsbedingungen ein

Faire Löhne und gute Arbeitsbedingungen sind in vielen Textilfabriken in Produktionsländern längst nicht gegeben. Schuld daran sind nicht nur die Länder selbst, sondern auch die Bekleidungsindustrie - insbesondere die Fast Fashion. Die Fair Wear Foundation arbeitet seit vielen Jahren daran, die oftmals ausbeuterische Situation in der globalen Lieferkette zu verbessern.

Die dauerhafte Mitgliedschaft bei der FWF ist daran gekoppelt, wie erfolgreich ein Mitglied die Forderungen der FWF umsetzt.
Die dauerhafte Mitgliedschaft bei der FWF ist daran gekoppelt, wie erfolgreich ein Mitglied die Forderungen der FWF umsetzt.

In ihrer Arbeit fordert die Fair Wear Foundation (FWF) beispielsweise faire Löhne für die Arbeiterinnen und Arbeiter in den Nähfabriken, keine Kinderarbeit, mehr Sicherheit am Arbeitsplatz und weniger exzessive Überstunden. Die Probleme sind komplex und für eine Marke alleine kaum zu lösen. Im Interview erzählen Vaude-Chefin Antje von Dewitz, die seit vielen Jahren Mitglied der FWF ist, und Alexander Kohnstamm, Chef der FWF, warum die Zusammenarbeit der Unternehmen wichtig ist und welche Probleme die größten Hürden darstellen.

Faire Löhne erfordern langfristige Partnerschaften

ISPO.com: Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Schritte, um als Marke die Arbeitsbedingungen in der Supply Chain zu verbessern?
Alexander Kohnstamm: Für mich ist das Ziel einer langfristigen Zusammenarbeit am wichtigsten. Von diesem Ziel hängt vieles ab, denn erst wenn ich mich für eine langfristige Zusammenarbeit mit einem Produzenten einsetze, kann ich beispielsweise auf Living Wages hinarbeiten. Warum sollte ein Produzent die Löhne erhöhen, wenn ich nach einer Saison woanders produzieren lasse? Hier spielt der gemeinsame Wille zur Zusammenarbeit eine wichtige Rolle. Einerseits mit den Lieferanten und andererseits mit anderen Marken. Denn je mehr Kunden eines Produzenten die gleichen Ziele haben, desto eher ist der Produzent bereit, sich zu verändern. Leider fehlt es oft an beiden Voraussetzungen.

Wie wichtig ist Ihnen die langfristige Zusammenarbeit mit den Produzenten? Und wo produzieren Sie?
Antje von Dewitz: Wir haben noch nie Produzentenjumping betrieben, sondern konsolidiert und versucht, die guten Partner weiter und langfristig aufzubauen. 2009 waren es etwa 65 Produzenten, heute sind es 45. Etwa 85 Prozent der Fertigung findet in Fernost statt. Wir haben auch eine eigene Produktion am Firmensitz in Obereisenbach und zudem betreibt mein Vater eine Produktionsstätte in Vietnam. Dort werden unsere Rucksäcke hergestellt.

Antje von Dewitz: „Die Löhne unserer Produktionsbetriebe liegen im Schnitt 50 Prozent über den Mindestlöhnen.“
Antje von Dewitz: „Die Löhne unserer Produktionsbetriebe liegen im Schnitt 50 Prozent über den Mindestlöhnen.“

Fair Wear Foundation ist „Work in Progress“

Gibt es ein Land, in dem Sie nicht produzieren würden, weil die Arbeitsbedingungen dort zu schlecht sind?
von Dewitz: In Bangladesch würde ich nicht produzieren. Wir schauen jedes Jahr und lehnen es jedes Jahr auf’s Neue ab. Man braucht eine gewisse Kultur in Unternehmen, um Prozesse anzustoßen, und die sehe ich dort bislang nicht.

Kohnstamm: Kritisch sehe ich Äthiopien, weil es dort nicht mal einen Mindestlohn gibt, und Kinderarbeit noch weit verbreitet ist. Aber auch dort können Mitglieder produzieren lassen, wenn sich die Betriebe an die Regeln halten. Denn klar ist: Auch die Menschen in Äthiopien brauchen Arbeit. Ich verstehe unsere Aufgabe bei der FWF als „Work in Progress“. Wir können nicht die Zusammenarbeit aufgeben, sobald wir irgendwo einen Verstoß gegen unsere Standards erkennen. Im Gegenteil: Wenn wir Probleme sehen, müssen wir dort bleiben, bei der Problemlösung unterstützen und auf Verbesserung drängen. Das ist schwierig zu kommunizieren, weil es dann leicht heißt: Gibt es Probleme in den Fabriken, mit denen die FWF-Marken arbeiten? Ja, wie in allen Bekleidungsfabriken. Der Unterschied besteht darin, dass unsere Marken sehr gut wissen, was in diesen Fabriken vor sich geht und darauf reagieren. Vorzugsweise zusammen mit anderen Marken, die in derselben Fabrik produzieren. So kann man etwas bewirken.

Die Forderung von fairen Löhnen steht in der öffentlichen Diskussion oft an vorderster Stelle. Warum ist der Widerstand in den Produktionsländern so hoch?
Kohnstamm: Das Problem ist komplex. Nicht nur die Marken hierzulande und die Fabriken in Fernost haben Angst vor steigenden Löhnen, sondern auch die Behörden, und das ist auch ein bisschen verständlich. Wenn die Lohnkosten steigen, wandern die Kunden in billigere Länder ab – wir sehen das zuhauf in der Mode. In der Outdoor-Industrie ist das Problem noch nicht so groß. Dennoch müssen wir sehen, dass die Löhne steigen, und jemand muss sie bezahlen. Hierfür gibt es verschiedene Möglichkeiten, wie beispielsweise niedrigere Margen bei Industrie und Handel, Produktivitätssteigerungen in den Fabriken und höhere Preise für die Konsumenten.

Von Dewitz: „Die Arbeit an Living Wages ist ein kontinuierlicher Verbesserungsprozess“

Zahlen Ihre Lieferanten Living Wages?
von Dewitz: Das Problem mit Living Wages ist in der Outdoor-Industrie nicht ganz so dramatisch wie in der Fast Fashion, weil wir auf Produzenten angewiesen sind, die über besondere Qualifikationen verfügen und deren Mitarbeiter nicht so schnell austauschbar sind. Die Löhne unserer Produktionsbetriebe liegen im Schnitt 50 Prozent über den Mindestlöhnen, die von der jeweiligen Landesregierung vorgegeben sind.

Über das Lohnniveau unserer Produzenten berichten wir jedes Jahr transparent in unserem Nachhaltigkeitsbericht. Dieses Niveau ist aber schon deshalb recht hoch, weil wir uns von Partnern verabschiedet haben, die unsere Ziele nicht mittragen wollten. Die Arbeit am Thema Living Wages ist ein kontinuierlicher Verbesserungsprozess.

Alexander Kohnstamm: „Verantwortung hat auch etwas mit der Einkaufspraxis der Marken zu tun.“
Alexander Kohnstamm: „Verantwortung hat auch etwas mit der Einkaufspraxis der Marken zu tun.“

FWF schreibt Kooperation groß - auch zwischen Mitbewerbern

Warum arbeiten Sie mit der FWF zusammen? Inwiefern unterstützt die FWF Ihre Ziele?
von Dewitz: Die FWF zählt zu den strengsten und anerkanntesten Standards im Bereich soziale Verantwortung. Mit Produktionsauslastungen von durchschnittlich ca. zehn Prozent pro Produzent verfügen wir als einzelnes Unternehmen über keine großen Hebel, um etwas zu verändern. Da ist es von Vorteil, dass wir mit anderen FWF-Mitgliedern kooperieren können.

Außerdem führt die FWF als unabhängige Organisation Überprüfungen der Arbeitsbedingungen in unseren Produktionsstätten durch. Hier werden auch Interviews mit den Arbeitern geführt und es können Beschwerden der Arbeiter über die FWF Complaints Hotline eingereicht werden. Auf diese Weise wird ein guter Realitäts-Check durchgeführt. All das können wir nicht leisten. Dafür brauchen wir die FWF. Über die FWF wurde auch ein Netzwerk im Bereich Living Wages zwischen den Brands aufgebaut. Viele Marken der Outdoorindustrie sind nicht sehr groß. Im Alleingang kann keine Marke diese Prozesse steuern, deshalb ist das Interesse für Zusammenarbeit sogar unter Mitbewerbern recht groß.

Wieso FWF-Marken ihre Lieferketten gut kennen

Wie geht die FWF vor, wenn sie in einem Betrieb höhere Löhne oder besser Arbeitsbedingungen erreichen will?
Kohnstamm: Zuerst ist es wichtig über die verschiedenen Verantwortlichkeiten zu reden - mit den Behörden, den Gewerkschaften und den Institutionen, die in den Ländern an der Verhandlung über die Lohnhöhe beteiligt sind. Das geht natürlich nur dort, wo diese Institutionen auch funktionieren und das ist in vielen Ländern nicht der Fall. Wenn diese Prozesse und Institutionen nicht funktionieren, wissen die Arbeitgeber oft nicht, wie hoch die Löhne sein sollten.

Wichtig für Living Wages ist das Prinzip des Open Profit, dabei kann kalkuliert werden, ob die Fabrik mit dem Preis, den die Marke für das Produkt bezahlt, auch die entsprechenden Löhne zahlen kann. Oft gibt es auch noch Agenten dazwischen, da weiß man als Marke gar nicht mehr, wie viel Geld in den jeweiligen Fertigungsstätten landet. Unsere Marken sollen deswegen ihre Lieferketten sehr gut kennen. Verantwortung hat aber auch etwas mit der Einkaufspraxis der Marken zu tun. Wer ständig zu spät bestellt, verursacht zwangsläufig Probleme, weil Betriebe dann gezwungen sind, Überstunden zu machen. Sie können nicht im Voraus planen.

Was kann die FWF tun, wenn nur zehn Prozent der Kunden einer Fabrik höhere Fertigungskosten akzeptieren? Man kann dann kaum verlangen, dass die Fabrik höhere Löhne zahlt.
Kohnstamm: Man bezahlt einen Teil und bemüht sich, dass die anderen Kunden der Fabrik auch mitmachen. Diese Fragmentierung der Lieferketten und die starken saisonalen Produktions-Peaks sind zwei zentrale Probleme in der Bekleidungsindustrie.

Die Fast Fashion baut Druck auf

Ist Fast Fashion besser aufgestellt, weil sie nicht mehr in Saisons denkt und weniger Peaks verursacht?
Kohnstamm: Dort ist die ganzjährige Auslastung natürlich grundsätzlich gegeben, aber das Problem ist, dass diese Unternehmen häufig springen, d.h. sie vergeben Aufträge dorthin, wo sie den besten Preis bekommen und wer am schnellsten liefert. In der Fast Fashion und der Mode allgemein werden im Vergleich zur Outdoor-Industrie viel weniger langfristige Lieferbeziehungen eingegangen, was wiederum für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in den Betrieben nicht hilfreich ist. Volumen ist der heilige Gral der Fast Fashion. Schnelligkeit ist ihre Kernkompetenz. Der Druck auf die Produktion ist groß, und es fehlt an Zeit und Aufmerksamkeit für die Menschenrechte.

Wie schaffen Sie es bei Vaude, dass diese Peaks nicht entstehen?
von Dewitz: Das ist extrem schwer. Wir vergeben unsere Aufträge frühzeitig. Dadurch produzieren wir jedoch ohne genau zu wissen, was der Handel ordern wird. Das bedeutet, wir gehen stärker ins Risiko. Aus Unternehmenssicht wäre es natürlich auch unser Ziel, so spät wie möglich zu bestellen, aber aufgrund unserer strategischen Ausrichtung ist das keine Option. Wir haben ein System an Maßnahmen aufgebaut, um einerseits gute Voraussagen machen zu können und andererseits Durchläufer zu definieren, die das ganze Jahr über verkauft werden und nicht in der Hochsaison produziert werden müssen. Wir haben uns hier sehr viel Kompetenz aufgebaut.

Kohnstamm: Wir sehen hier oft, dass sich Marken in diesem Bereich zwar gerne verbessern wollen, aber das Unternehmensrisiko scheuen. Nicht alle Unternehmen können eine große Lagerhaltung aufbauen und finanzieren. Gleichzeitig muss man beim Thema Überstunden wissen, dass gar nicht alle Arbeiter auf Überstunden verzichten wollen, weil sie das Geld brauchen und ohne Überstunden zu wenig verdienen. Um dieses Problem zu lösen, muss also auch die Lohnhöhe angegangen werden.

Vaude: Ökologische Aspekte rücken verstärkt in Vordergrund

Woran arbeiten Sie aktuell, was wollen Sie verbessern?
von Dewitz: Bislang ging es stärker um die Tier-1 Produzenten, jetzt nehmen wir auch stärker die Tier-2 Produzenten, also unsere Materiallieferanten, unter die Lupe. Wir möchten sowohl bei Produzenten als auch bei Materiallieferanten Performance-Checks für soziale und ökologische Standards gleichermaßen durchführen und Prozesse anstoßen. Viele unserer Produzenten werden bislang vor allem im Bereich der sozialen Standards auditiert, jetzt wollen wir das Programm auch auf ökologische Aspekte ausweiten und Einsparungen bei Energie, Wasser und Chemie erreichen.

In Asien wächst das Bewusstsein für Ökologie

Wie ist da bislang die Resonanz?
von Dewitz: Die Resonanz unserer Lieferanten ist extrem gut, was mich sehr freut, denn wir kennen das von früher auch anders. Gut ist, dass sie davon auch einen Nutzen haben, der für sie sofort erkennbar ist. Außerdem wächst auch in Asien das Bewusstsein für Ökologie. Arbeitgeber und deren Belegschaften sind stolz, umweltfreundlicher zu werden und an den Projekten mitmachen zu können. Man könnte sagen, das sei nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, aber ich sehe das anders: Unser Engagement ist wie ein Tropfen, der im Wasser Kreise zieht.

Frau von Dewitz, Herr Kohnstamm, vielen Dank für das Gespräch.

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