Florian Pertsch
Autor:
Florian Pertsch

Wie Bergsport in Asien zum Statussymbol wird

Bergsteigen in China: Sport der Reichen statt Erlebnis

Kommerzielles Bergsteigen steckt in China noch in den Kinderschuhen, doch bereits jetzt gibt es große Probleme. Chinas reiche Eliten nutzen den Gipfelsturm, um ihre Karriere noch besser aussehen zu lassen. Und ihnen ist jedes Mittel recht.

Ein chinesischer Teilnehmer einer kommerziellen Bergtour (l.) musste 2013 am Mount Everest auf 8650 Metern Höhe gerettet werden.
Ein chinesischer Teilnehmer einer kommerziellen Bergtour (l.) musste 2013 am Mount Everest auf 8650 Metern Höhe gerettet werden. 

Wenn man Bergsteiger fragt, warum sie diesen oder jenen Gipfel erklommen haben, dann bekommt man oft eine sehr einfache Antwort: „Weil der Berg da ist.“ Ganz simpel. Mensch, Berg, Abenteuer.

In China hingegen, fällt die Antwort häufiger etwas anders aus: „Weil wir reich sind.“

Das Erlebnis „Mensch in Natur“? Herausbekommen, wozu  der menschliche Körper in der Lage ist? Nein, der Alpinismus dient im Reich der Mitte als Statussymbol. Einen Maserati im Autohaus um die Ecke kann sich jeder kaufen, der über das nötige Kleingeld verfügt – und wer schlecht zu Fuß ist, kann ihn auch über das Internet bestellten.

Einen Gipfel wie den Mount Everest zu erklimmen, symbolisiert aber neben Reichtum auch gleichzeitig den erfolgreichen Karriereweg des zahlungsfreudigen Bergsteigers. Kein Ziel ist hoch genug gesteckt.

Mangelnde Fitness oft kein Hindernis

Die ganze Sache hat meistens nur einen Haken. Die Damen und Herren Amateur-Alpinisten verfügen oftmals nicht über die nötige Fitness, um den Gipfel komplett aus eigener Kraft zu erklimmen.

Dies führt seit Beginn des neuen Jahrtausends in einigen Fällen zu extremen Auswüchsen, die in Chinas Bergsteiger-Community große Empörung hervorrufen.

Hu Zhaohui, für seine Besteigung des Muztagh Ata in Tibet mit dem „National First Level Athlete“ Preis der Chinese Mountaineering Association ausgezeichnet, berichtet unter anderem von Bergsteigern, die einen kompletten Aufstieg mit künstlichem Sauerstoff absolviert haben – und sich beim Abstieg aufgrund mangelnder Sauerstoffvorräte von ihren Sherpas haben tragen lassen.

Solch ein Verhalten zeigt neben der verqueren Einstellung zum Alpinismus auch gleichzeitig die Erwartungshaltung der vermeintlichen Bergsteiger, ganz nach dem Motto: Ich habe gezahlt, also bedient und bespaßt mich gefälligst.

Per Helikopter von Camp zu Camp

In Zahlen übersetzt, kostet eine komplett durchorganisierte Tour, zum Beispiel von Tibet Sacred Mountain Exploration Services, rund 400.000 Yuan (60.000 Euro). Vorkenntnisse nicht erforderlich. Der Kreis, der sich solch ein Abenteuer leisten kann, ist dementsprechend klein und elitär.

Die Erfolge werden anschließend natürlich publikumswirksam beim Microblogging-Dienst Weibo oder WeChat gepostet, um den Konkurrenten und Kollegen zu zeigen, wie super man ist. Was du dir zu erklettern leisten kannst!

Dass die Social-Media-Taktik manchmal auch nach hinten losgehen kann, musste im Sommer diesen Jahres Wang Jing, Co-Gründerin der chinesischen Outdoor-Marke Toread, feststellen. Wang postete ein Foto von sich auf dem Gipfel des Mount Everest, was letztlich aber nur die halbe Wahrheit war.

Nachträglich wurde bekannt, dass Wang nicht den kompletten Aufstieg zu Fuß zu absolvierte. Stattdessen ließ sich die Unternehmerin mit einem Hubschrauber vom Base Camp zu Camp 2 transportieren. Eine ärgerliche Randnotiz, zumal Wang über die nötige Fitness verfügen würde, um den Aufstieg aus eigener Kraft meistern zu können. Warum dann aber die Abkürzung?

Wie nachhaltig sind die starken Bergsport-Zahlen?

Die Aktion Wangs ist sinnbildlich für ein weiteres Phänomen des Alpinismus in China. Statt um den Bergsteiger-Grundgedanken, die Natur in ihrer Ganzheit zu genießen und in ihr zu verweilen, geht es oftmals nur darum, Gipfel von der Bucketlist zu streichen.

Effektivität statt Erlebnis ist das Motto, was oft dazu führt, dass lediglich die erfolgreiche Besteigung eines Gipfels als gelungene Tour gewertet wird und hinterher sofort die Heimreise angetreten wird.

„Egal, wie viel der Trip gekostet hat: Sobald Chinesen wieder im Tal sind, geht es direkt zurück in die Stadt. Sie sind so auf die Gipfelbesteigung fokussiert, dass sie das Erlebnis Bergsteigen gar nicht wahrnehmen können“, beschreibt Lu Biao, Gründer des Unternehmens Urumqi Kaitu Mountaineering and Outdoor Activities, das regelrechte Abarbeiten von Gipfeln.

Kommerzielles Bergsteigen ist in China erst seit 2001 für Privatunternehmen als Geschäftsmodell möglich, und viele Firmen verzeichnen über die letzten Jahre 40 bis 50 Prozent mehr Wachstum, doch eine nachhaltige Entwicklung des Sports wird wohl nur möglich sein, wenn das holistische Alpinerlebnis an Stelle des Gipfel-Abhakens tritt.

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