Autor:
Antonia Wille

Keine Chance für “Sporno”

Kämpferin für Selbstbestimmung: Sarah Voss bei Olympia

Sie war die Erste – und sie könnte womöglich eine Bewegung in Gang gesetzt haben: Sarah Voss trug bei der Turn-Europameisterschaft in Basel erstmals einen Ganzkörperanzug zum Turnen. Der Grund: keine Lust mehr auf voyeuristische Blicke und sexistische Kameraführung. Dass die 21-Jährige aus Hessen damit zur internationalen Vorreiterin werden würde, ahnte sie da nicht. Applaus, Gesprächsstoff, Lob - all das gab es für ihren mutigen Entschluss. Wenn sie jetzt in Tokio an den Start gehen wird, kennt die ganze Welt die Kämpferin für Selbstbestimmung.

Sarah_Voss

Als Sarah Voss im April ihren Auftritt bei der Turn-Europameisterschaft in Basel hatte, sorgte die 21-Jährige international für Aufsehen. Nicht, weil sie am Schwebebalken eine neue, komplizierte Figur gestanden hätte. Nein, Voss lenkte mit ihrer Kleidung die Blicke auf sich. An Stelle von knappen Hosen und knappem Oberteil trug Voss einen Ganzkörperanzug. Was von Starterinnen aus anderen Ländern bei internationalen Wettbewerben ab und an aus religiösen Motiven bekannt war, machte die Hessin zur Demonstration für Selbstbestimmung.

Ein Vorbild für jüngere Athletinnen

„Uns ging es vor allem darum, ein Vorbild für jüngere Athletinnen zu sein“, sagte Voss dem „Stern“. Es sei ihr schon öfter gesagt worden, dass Turnerinnen wegen des Dresscodes mit hautenger Kleidung sich beim Turnen nicht wohlgefühlt und sogar aufgehört haben. Das Verrutschen der knappen Kleidung und damit unfreiwillige Freilegen von intimen Körperzonen habe manches Mädchen und manche Frau belastet. „Und wir wollten vor allem diesen Mädels zeigen, dass es eine Möglichkeit gibt, andere Anzüge zu tragen und man sich deshalb auf keinen Fall schämen muss.“ Der Deutsche Turner Bund unterstützte die Aktion, an der sich auch andere Turnerinnen beteiligten.

Größte Erfolge

  • Deutsche Meisterin im Sprung und Schwebebalken 2021
  • Deutsche Meisterin in Mehrkampf, Sprung und Schwebebalken 2019
  • Deutsche Meisterin im Sprung und Schwebebalken 2018
  • Vierte der Europameisterschaft im Sprung 2018

Sexismus und Sport

Sportlerin Sarah Voss kam am 21. Oktober 1999 in Frankfurt am Main zur Welt, heute lebt sie in Dormagen. In ihrer Kindheit und Jugend entwickelte sich um den Sport ein Phänomen, dem sie und weitere Frauen des deutschen Turnerteams nun entgegentreten und womöglich auch bei Olympia in Tokio entgegentreten werden. Denn spätestens als 1994 Beachvolleyball olympisch wurde, zog der offene Sexismus in die Spiele ein. Nahaufnahmen auf den Po von Beachvolleyballerinnen wurden üblich. Der Präsident des Weltfußballverbands Fifa, Sepp Blatter empfahl sogar Fußballerinnen, nach dem Vorbild der Beachvolleyballerinnen künftig auch in knappen Höschen zu kicken. Viel Futter für Wissenschaftler der Sporthochschule Köln, die dann vor knapp zehn Jahren dazu den Begriff „Sporno“ ersannen und mit „Sporno - where sports meets porno“ einen Fachartikel über viele Aspekte von Sexismus und Sport veröffentlichten.

Eine nicht ganz freiwillige Vorreiterin

Die junge Studentin strebte nach eigenen Worten gar nicht nach der Rolle, nun als Vorreiterin einer Gegenbewegung zu diesem von Voyeurismus getragenen Phänomen zu gelten. Es habe sie überrascht, wie viele Menschen über die Aktion bei der EM gesprochen haben. Es sei auch teilweise mehr reininterpretiert worden, als sie mit dem Anzug aussagen wollten. „Jedoch habe ich das Gefühl, dass, je mehr positive Resonanz wir bekommen, desto mehr Menschen sich dadurch auch bestärkt fühlen“, sagte Voss dem „Stern“.

Die zweite Leidenschaft: das Wirtschaftswissenschaftsstudium

Auch wenn das Feedback eine Überraschung war, unüberlegtes Handeln gibt es eigentlich nicht bei ihr. Die 1,67 Meter große Turnerin hatte nämlich gerade im Wachstum einige Probleme mit ihrem Körper und musste deshalb stets bewusst trainieren. „Bevor ich eine Million Versuche mache, bis etwas klappt, denke ich erst einmal darüber nach, wie die Lösung aussehen könnte.“  Ähnlich hält sie es in ihrem Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Fernhochschule in Riedlingen. Da plant Voss nach eigenen Worten exakt durch, welche Module sie wann absolvieren muss, damit sie nur Klausuren schreiben muss, die in ihre eng getaktete Jahresplanung passen.

Sarah Voss turnt trotz Sehschwäche messerscharf

Eine selbstbewusste, selbstbestimmte junge Frau also, die sich nicht so leicht unterkriegen lässt. So trägt sie privat Brille, was beim Turnen natürlich nicht geht – dass sie deshalb nicht in voller Schärfe sieht, stand ihrem Aufstieg nicht im Wege. 

Wohin die Laufbahn sportlich noch führen wird, ist noch nicht abzusehen.

Corona-Erkrankung bremste Sarah Voss 2020 aus

In diesem Jahr wurde sie Deutsche Meisterin im Sprung und am Schwebebalken, am Boden holte sie Silber und im Mehrkampf Bronze. Allerdings ist das ein Rückschritt im Vergleich zu 2019, wo sie in Mehrkampf, Sprung und Schwebebalken die Landesbeste wurde. International fehlte bei ihr bisher immer noch ein bisschen Luft nach oben. Bei Weltmeisterschaften war 2019 Platz sieben am Schwebebalken ihre beste Platzierung, bei Europameisterschaften 2018 Platz vier im Sprung. Bei der EM in Basel verpasste sie noch unter den Nachwirkungen einer eigenen Corona-Erkrankung im vergangenen Oktober und einer Quarantäne-Pause im Frühjahr das Finale. Dafür setzte sie aber womöglich eine Bewegung in Gang, die auch andere Turnerinnen animiert. Einige Vereine berichten schon davon, dass bei ihnen junge Frauen und Mädchen sich nach den Ganzkörperanzügen erkundigen.

Ganzkörperanzug oder nicht: Hauptsache Tokio

Was Voss in Tokio anzieht, ist noch offen. „Wir halten uns beide Optionen offen“, sagt sie. Auch das ist ein Erfolg – das Gefühl der völligen Selbstbestimmung. Nur bei einem Kleidungsstück macht sie keine Kompromisse, das sind ihre rosa Pantoffeln. Eine Freundin hat sie ihr zum 18. Geburtstag geschenkt. Seitdem sind sie bei jedem Wettbewerb dabei, egal ob Voss im knappen Kostüm oder im Ganzkörperkostüm turnt.

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Antonia Wille
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