Autor:
Martin Jahns

Gewichtheberin bei Olympischen Spielen 2021 in Tokio

Laurel Hubbard: Die erste Transgender-Athletin bei Olympia

Laurel Hubbard ist in Tokio die erste Transgender-Athletin bei den Olympischen Spielen geworden. Mit 43 Jahren schreibt die Neuseeländerin Geschichte. Doch das gefällt nicht jedem.

Mit 43 Jahren steht Laurel Hubbard vor ihrer Olympia-Premiere.
Mit 43 Jahren steht Trans-Frau Laurel Hubbard vor ihrer Olympia-Premiere.

Am 2. August 2021 wurde Geschichte geschrieben! An jenem Montag nämlich stieg in Tokio das Finale der Frauen über 87 Kilogramm im Gewichtheben – und das mit einem absoluten Novum in der Sportgeschichte. Mit Laurel Hubbard ging dort nämlich erstmals eine offen lebende Transgender-Athletin bei Olympischen Spielen an den Start.

Auch wenn sie im olympischen Wettbewerb mit ihren drei Versuchen bei 120 und zweimal bei 125 Kilogramm scheiterte, war es für Hubbard doch der vorläufige Höhepunkt einer Karriere im Gewichtheben, die vor 20 Jahren eigentlich schon vorbei war.

Olympia-Teilnahme 20 Jahre nach Karriereende im Männerfeld

Um die Jahrtausendwende startete Hubbard noch im Männerfeld, stellte dort sogar neuseeländische Rekorde auf, zog sich 2001 aber mit Anfang 20 aus der Aktivenszene zurück.

„Ich habe vor vielen Jahren überhaupt erst mit dem Gewichtheben angefangen, weil es archetypisch männlich war. Und ich habe mir gedacht: Wenn ich einen so männlichen Sport ausübe, vielleicht werde ich dann auch so. Das war leider nicht der Fall“, sagte die Neuseeländerin in einem TV-Interview zu ihren damaligen Ambitionen im Männerfeld.

Hubbard arbeitete anschließend für den neuseeländischen Gewichtheberverband und unterzog sich 2012 einer geschlechtsangleichenden Operation. Vier Jahre später nahm sie erstmals an Frauenwettbewerben teil. 2017 dann ihr erster großer Erfolg mit der Silbermedaille bei der WM in den USA. 2019 sicherte sich Hubbard Gold bei den Pazifikspielen in Samoa – ein Jahr, nachdem eine Ellbogenverletzung sie lange außer Gefecht setzte. Anfang 2020 dann der vorläufige Höhepunkt mit dem Sieg beim IWF World Cup in Rom.

Laurel Hubbard: „Es ist der richtige Zeitpunkt“

Doch Hubbards Erfolg kommt nicht überall gut an. Samoas Premierminister Tuilaepa Sailele Malielegaoi ätzte nach ihrem Erfolg 2019: "Egal wie man es betrachtet, es handelt sich um einen Mann. Und es ist schockierend, dass das überhaupt genehmigt wurde.“

Und auch vor Hubbards Olympia-Start regte sich Widerstand. Die belgische Gewichtheberin Anna Van Bellinghen sagte im Mai über eine mögliche Olympia-Teilnahme Hubbards: „Jeder, der Gewichtheben auf diesem Niveau betreibt, weiß, dass es stimmt, dass diese spezielle Situation unfair dem Sport und den Athletinnen gegenüber ist.“ Für sie fühle sich die Causa Hubbard an „wie ein schlechter Scherz“.

Für Hubbard, die seit Jahren keine Interviews mehr gibt, ist die Kritik nichts Neues. Sie sagte nach ihrem WM-Triumph: „Ich glaube, vor zehn Jahren war die Welt noch nicht bereit für eine Sportlerin wie mich – und vielleicht ist sie es immer noch nicht. Aber ich habe den Eindruck, dass Menschen willens sind, mir die Teilnahme zu ermöglichen und dass es der richtige Zeitpunkt ist, um die Schuhe zu schnüren und auf die Bühne zu treten.“

IOC-Regeln erlauben Start

Tatsächlich machen es die IOC-Regularien Transgender-Sportlern schon seit 2003 möglich, an Olympischen Spielen teilzunehmen. Trotzdem waren bei den acht Olympischen Sommer- und Winterspielen seither keine Trans-Sportler*innen dabei. Seit einer IOC-Regelreform 2015 sind Transgender-Sportlerinnen für das Frauenfeld startberechtigt, wenn ihre Testosteronwerte mindestens über zwölf Monate vor dem Wettbewerb unter 10 Nanomol pro Liter Blut liegen. Die Regelung ist umstritten. Sie erlaubt es einerseits Trans-Athletinnen, auch ohne eine operative Geschlechtsumwandlung, dafür aber nach einer Hormontherapie im Frauenfeld starten zu dürfen. 

Kritiker bemängeln, dass der erlaubte Hormonwert im Vergleich zum Testosteronwert von Cis-Frauen zu hoch gewählt ist. Eine im Dezember 2020 veröffentlichte Studie über Trans-Frauen in der US-Luftwaffe kam zwar zum Ergebnis, dass diese nach der Transformation einen 30-prozentigen Kraftvorteil gegenüber Cis-Frauen hätten. Dieser Vorteil schwinde allerdings nach zwei Jahren Hormontherapie. Das IOC hat indes für die Zeit nach den Spielen in Tokio mögliche Anpassungen angekündigt.

In Japan jedenfalls war die Bühne frei für Laurel Hubbard und die derzeitige Nummer 16 der IWF-Weltrangliste konnte sich bereits jetzt als Pionierin der LGBTQ+-Community in den Geschichtsbüchern verewigen.

Doch auch abseits ihrer geschichtsträchtigen Olympia-Teilnahme gebührt ihr, um was sie 2017 in einem ihrer seltenen Interviews gebeten hat: „Ich wünsche mir einfach nur, dass die Menschen, wie auch immer sie zu Leuten in meiner Situation stehen, Leute wie mich mit Respekt behandeln. Nicht mehr und nicht weniger."

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Martin Jahns
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