Die große NFL-Revolution: Mehr Europa, mehr Gesundheit, mehr Diversität?

LISTICLE | 11.02.2022
Active sports can lead to small and big injuries. New wearables can help to prevent these.
Autor:
Martin Jahns

Kaum ein Sport wandelt sich aktuell so stark wie American Football. Sportlich beginnt für die NFL nach dem Rücktritt von Tom Brady eine neue Zeitrechnung. Aus Business-Sicht erreicht die Expansion nach Europa einen neuen Meilenstein. Eine spektakuläre Klage könnte auch in Sachen Diversität das Gesicht der Liga nachhaltig verändern. Auf dem Platz ist der Sport ohnehin ein anderer als noch vor zehn Jahren.

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Neue Superstars: Tom Brady geht - Youngsters in den Startlöchern

22 Jahre lang prägte Quarterback Tom Brady die NFL wie kein Spieler vor ihm: Sieben Super-Bowl-Titel gewann Brady mit den New England Patriots und den Tampa Bay Buccaneers. Für den American Football ist Brady das, was Michael Jordan für die NBA oder Pele für den Fußball ist. Längst gilt er in der NFL als der "GOAT" – Greatest of all Times. Auch in dieser Saison spielte er selbst mit 44 Jahren noch auf höchstem Niveau. Dennoch hat Brady am 1. Februar seinen Rücktritt verkündet.

Und er ist nicht der einzige Arrivierte, der aufhört: Auch „Big Ben“ Roethlisberger, 17 Jahre lang Quarterback der Pittsburgh Steelers und zweimaliger Super-Bowl-Sieger, macht mit 39 Jahren Schluss. Mit dem 38-jährigen Aaron Rodgers von den Green Bay Packers hat der nächste Superstar seine Zukunft offen gelassen. Die NFL verliert Gesichter, die sie über Dekaden geprägt haben.

Aber die neue Generation der Superstars steht schon in den Startlöchern: Patrick Mahomes, den die Kansas City Chiefs mit einem 500-Millionen-Dollar-Vertrag ausgestattet haben, gilt als der Mann der Zukunft. Dazu kommt Youngster Joe Burrow, der in seinem zweiten NFL-Jahr seine Cincinnati Bengals in den Super Bowl 2022 geführt hat. Das dramatische Quarterback-Duell zwischen Mahomes und dem ebenfalls noch jungen Josh Allen und dessen Buffalo Bills in den Playoffs machte bereits Lust auf eine spektakuläre sportliche Zukunft der NFL.

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Spiele auch in Deutschland: Die NFL erobert Europa

Mit Saisonspielen in London hat die NFL schon seit Jahren in Europa einen Fuß in die Tür gestellt. Ab 2022 wird die Liga aber einen noch größeren Footballmarkt als den britischen bespielen. Zum ersten Mal überhaupt wird es ab der kommenden Saison ein reguläres NFL-Spiel pro Jahr in Deutschland geben. Die erste Partie wird in München ausgetragen, in den kommenden vier Jahren werden die deutschen Spiele dann zwischen München und Frankfurt aufgeteilt werden.

Kein Zufall, verzeichnet die NFL in Deutschland doch seit Jahren steigende TV-Quoten auf ProSieben und ProSieben MAXX. War einst in Deutschland nur der Super Bowl live im TV zu sehen, können die Fans im Free-TV sowie über Streaming-Anbieter und den NFL-eigenen Streaming-Service „Game Pass“ inzwischen alle Spiele live sehen.

Zudem hat die NFL Ende 2021 einen eigenen Deutschland-Chef benannt. Alexander Steinforth hat den neu geschaffenen Posten als General Manager Deutschland übernommen. Sein Ziel: „Wir wollen mit der NFL die zweitwichtigste Liga in Deutschland werden.“

Um die Märkte außerhalb der USA zu erobern, hat die NFL unter ihren Teams Vermarktungsrechte für verschiedene Territorien angeboten. Für den deutschen Markt haben sich die Carolina Panthers, Kansas City Chiefs, New England Patriots und Tampa Bay Buccaneers über fünf Jahre Vermarktungsrechte gesichert. Sie dürfen nun exklusiv um deutsche Football-Fans mit eigenen Kampagnen werben. Die Präsenz in Europa wächst weiter. Ein Ende des Football-Booms? Nicht in Sicht.

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Klage sorgt für NFL-Beben: Ein Coach kämpft für Diversität

Kurz vor dem Super Bowl 2022 im Februar ließ ein Beben die NFL erzittern. Brian Flores, bis Januar noch Cheftrainer der Miami Dolphins und inzwischen im Trainerstab der Pittsburgh Steelers, reichte am 1. Februar eine Sammelklage gegen die NFL sowie unter anderem die New York Giants und Denver Broncos ein. Der Vorwurf: Rassismus und Diskriminierung im Bewerbungsprozess um einen Trainerposten. Die Giants hätten sich auf einen neuen Cheftrainerposten festgelegt, ohne das vereinbarte Vorstellungsgespräch mit dem Afroamerikaner Flores abzuwarten. Verantwortliche der Denver Broncos seien verspätet und alkoholisiert zum Gespräch mit Flores erschienen.

„Ich weiß, dass ich mit der Entscheidung zu dieser Klage meine Trainerkarriere in einem Sport, der mir und meiner Familie so viel gegeben hat, riskiere“, so Flores in einem Statement. „Meine Hoffnung ist, dass ich mit meiner Auflehnung gegen systemischen Rassismus in der NFL andere dazu bewegen kann, mit mir für positiven Wandel für zukünftige Generationen einzustehen.“

Fakt ist: Aktuell haben nur zwei der 32 Teams einen afroamerikanischen Cheftrainer. Vor zehn Jahren waren es noch acht. Auch in den Führungsetagen der Teams sind Minderheiten eine Ausnahme: Zwei derzeitige Teambesitzer sind Nicht-Weiße. Es sind die einzigen beiden in der über 100-jährigen NFL-Geschichte.

Zwar belohnt die sogenannte „Rooney Rule“ seit 2003 NFL-Teams für Bewerbungsgespräche mit Bewerber*innen, die Minderheiten angehören, mit mehr Auswahlmöglichkeiten beim Talente-Draft. Doch Flores‘ Vorwürfe und die blanken Zahlen zeigen: Bewerbungsgespräche allein reichen längst nicht. Über 80 Prozent der vakanten Cheftrainerposten in der Liga wurden seit 2011 letztlich mit Weißen besetzt. Dabei machen Afroamerikaner 70 Prozent der aktiven NFL-Spieler aus.

Möglich, dass nun eine Klage die NFL zum Umdenken bewegt. In einem Statement bezeichnete die Liga die Klage Anfang Februar noch als „unbegründet“. Wenige Tage später klang NFL-Vorsitzender Roger Goodell schon einsichtiger: „Inakzeptabel“ seien die bisherigen Ergebnisse der Diversitätsbemühungen in der NFL. „Wir verstehen die von Coach Flores und anderen geäußerten Bedenken. Während das Gerichtsverfahren fortschreitet, werden wir nicht zögern, unsere Strategien zu überdenken und zu ändern, um sicherzustellen, dass sie mit unseren Werten und unserem langjährigen Engagement für Vielfalt, Gleichberechtigung und Inklusion übereinstimmen.“

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Washington Commanders: Ein Team macht sich einen Namen

Am 2.2.2022 war es soweit: Die Washington Commanders waren geboren. Es war das komplette Rebranding eines Teams, das noch bis 2020 als Washington Redskins firmierte – und damit zunehmend Kritik auf sich zog.

Zahlreiche Gruppierungen wie der National Congress of American Indians (NCAI) kritisierte den alten Namen als rassistische Herabwürdigung der Native Americans. Es bedurfte aber den Druck von NFL-Sponsoren wie Nike, FedEx und Pepsi, damit das Team aus Washington im Jahr 2020 nach 87 Jahren den umstrittenen Namen abstreifte. Zunächst nahm die Franchise den Aushilfsnamen „Washington Football Team“ an.

Anfang 2022 dann die Bekanntgabe des endgültigen, neuen Namens: Ab der Saison 2022 geht das Traditionsteam aus Washington D.C. also unter dem Namen Washington Commanders an den Start.

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Kampf gegen Kopfverletzungen: Auch der Sport verändert sich

Dass eine Klage eine ganze Sportart verändern kann, hat der American Football in den vergangenen zehn Jahren bewiesen. Nachdem 2012 tausende Ex-Spieler die NFL in einer Sammelklage wegen unterlassenen Schutzes vor bleibenden Hirnschäden vor Gericht brachten, einigte sich die Liga außergerichtlich auf Zahlungen von über einer Milliarde US-Dollar an Ex-Footballer und Hinterbliebene.

Doch mindestens genauso wichtig waren die Regeländerungen, die es seitdem in der NFL gab: So dürfen Spieler nicht mehr mit dem Helm voraus und gesenktem Kopf versuchen, andere Spieler umzutackeln. Ein Treffer Helm auf Helm ist ebenfalls verboten, um Kopfverletzungen zu vermeiden.

Spieler, die eine Kopfverletzung erleiden, müssen von einem unabhängigen Arzt grünes Licht für eine Rückkehr auf das Spielfeld erhalten. Bei Verdacht auf eine Gehirnerschütterung ist die Partie für den Spieler dagegen gelaufen. Er darf erst wieder ins Training und Spielgeschehen eingreifen, wenn er ein mehrstufiges Protokoll durchlaufen und von unabhängigen Ärzten als wieder spielfähig eingestuft wird.

Zudem versucht die NFL seit einiger Zeit, Alternativen für besonders risikoreiche Spielsituationen wie Kicks oder Punts, bei denen Spieler mit besonders hohem Tempo aufeinanderprallen, zu entwickeln. Im Nachwuchsbereich wird auf derartige Situationen bereits vollkommen verzichtet.

Das Resultat: Laut einer NFL-Studie ist die Zahl der Gehirnerschütterungen von noch 192 im Jahr 2015 auf 142 im Jahr 2020 zurückgegangen. Ein Fortschritt, aber klar ist: Um auch zukünftig Kinder und Eltern für Nachwuchs-Football zu begeistern, hat der Football auf diesem Feld noch einen weiten Weg vor sich.

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Martin Jahns
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