INTERVIEW | 05.05.2022

Abenteuerreisen, aber nachhaltig: „Zu Wikinger-Tourismus dürfen wir es nicht kommen lassen“

Prof. Dr. Manuel Sand
Autor:
Martin Jahns

Abenteuerreisen verbinden Urlaub mit Outdoor-Sport – und werden immer beliebter. Professor Dr. Manuel Sand geht dem Phänomen auf dem Grund. Vor der Adventure Tourism Conference im Rahmen der OutDoor by ISPO vom 12. bis 14. Juni in München erklärt er im Interview, dass der nächste Trendsport auf dem Wasser stattfindet, dass die Deutschen vorsichtiger sind als Outdoor-Fans aus den USA und wie Reiseanbieter und Reisende gemeinsam dafür sorgen müssen, dass auf die Natur keine Kreuzfahrt-Zustände zukommen.

Egal ob mit dem Mountainbike, dem Campervan oder dem SUP: immer mehr Menschen finden bei Abenteuerreisen in der Natur ihren perfekten Ausgleich zum Alltag. Und auch für 2022 ist kein Ende des Outdoor-Booms in der Reisebranche in Sicht. Doch welche Outdoor-Aktivitäten und Reiseziele sind besonders gefragt? Ticken deutsche Outdoor-Urlauber anders als US-amerikanische? Aber vor allem: Wie können wir verhindern, dass der Run auf die Natur zu ihrem Ruin führt?

Im Interview mit ISPO.com gibt Prof. Dr. Manuel Sand, Professor an der Hochschule für angewandtes Management im Bereich Outdoorsport und Adventuremanagement sowie akademischer Leiter am Adventure Campus Treuchtlingen, Antworten.

Auch auf der Adventure Tourism Conference in Zusammenarbeit mit der Adventure Travel Trade Association (ATTA), der Hochschule für angewandtes Management (HAM) und dem Adventure Campus Treuchtlingen, widmet sich im Rahmen der OutDoor by ISPO am 12. Juni diesen Fragen. In Keynotes, Workshops und Snapshots dreht sich alles um Bike-, Vanlife- und Tourismus-Innovationen, die nicht nur für Abenteuer pur, sondern auch Nachhaltigkeit stehen.

"Foilen eine Neuheit, die viele in diesem Sommer ausprobieren wollen"

Herr Prof. Dr. Sand, Wie steht es um die Abenteuerlust der Menschen? Ist schon erkennbar, ob der große Outdoor- und Vanlife-Boom der vergangenen Jahre auch 2022 anhält?
Prof. Dr. Manuel Sand: Ich würde mich sehr wundern, wenn das nicht der Fall wäre. Die Leute haben weiter Lust, draußen zu sein, unterwegs zu sein. Ob mit dem Van, dem Mountainbike oder dem SUP. Ich denke, dass das auch in diesem Sommer wieder so sein wird, auch wenn die Natur nicht mehr die einzige Möglichkeit für Aktivitäten ist, wie noch in den vergangenen Corona-Jahren.

Welche Aktivitäten und Reiseformate sind besonders gefragt?
Stand up Paddling erlebt weiterhin einen Mega-Boom, den ich allerdings etwas kritisch sehe. Denn da sind leider auch einige dabei, die sich ein neues Brett gekauft haben, aber nicht wissen, wie man damit im Sinne des Naturschutzes umgehen sollte. Auch Mountainbiking wird angesichts der immer neuen öffentlichen und legalen Trails in Deutschland noch größer werden. Der Sport ist ohnehin schon in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Im Trend, wenn auch derzeit noch bei einer Randgruppe, ist das Wing-Foilen mit einem Brett und einem kleinen Segel. Im Wasser-Action-Bereich gab es zuvor seit dem Kitesurfen lange Zeit wenig Neues. Nun also ist das Foilen eine Neuheit, die viele in diesem Sommer ausprobieren wollen.

Auch der Campervan-Boom wird weitergehen. Man hat alles dabei, kann sich mit Leuten treffen, muss aber nicht. Aktuell versuchen die Anbieter weiterhin so viele Camper wie möglich zu ordern, um sie im Sommer vermieten zu können.

Bedingt durch Corona haben einige Reiseanbieter „Self-Guided“ Reisen entwickelt, bei denen man zwar ein Angebot bucht, aber ohne Guide unterwegs ist. Vielmehrmuss man sich selbst anhand des zur Verfügung gestellten Materials zurechtfinden.

Prof. Dr. Manuel Sand auf einem Stand Up Paddle Board
Prof. Dr. Manuel Sand forscht in den Bereichen Abenteuertourismus, Outdoorsport und Naturschutz, Outdoorsport und Gesundheit.

"Der deutsche Abenteuerreisende ist nicht so offen für Neues"

Wie ticken Abenteuerreisende im Jahr 2022?
Mit meinem Kollegen Prof. Dr. Sven Groß von der Hochschule Harz habe ich eine Befragung durchgeführt, bei der wir wissen wollten: Wer ist überhaupt der deutsche Abenteuerreisende? Die deutschen Abenteuerreisenden wollen sich gern selber besser kennenlernen. Sie machen das weniger aus Adrenalin-Sucht heraus, sondern um ihre eigenen Grenzen auszutesten und sich in schwierigen Situationen zu bewähren. Dazu kommt als Motiv der Austausch mit der Natur und natürlich das gute Gefühl nach dem Outdoor-Sport.

Abenteuerreisende sind oft extrovertierter als andere Menschen. Spannend ist aber, dass der deutsche Abenteuerreisende unseren Erkenntnissen nach nicht so offen für Neues ist, wie man vermuten würde. Der amerikanische Abenteuerreisende ist eher bereit, sich auf neue Situationen einzulassen und vom bekannten Pfad abzuweichen. Das passt zum Bild des klassischen deutschen Touristen und dessen Reisen nach dem Motto „Da weiß man, was man hat“. Das hat mich selbst überrascht, weil ich eher eine „Heute mal das SUP mitnehmen und mal schauen, was passiert“-Mentalität erwartet hätte.

Welche Regionen sind bei Adventure-Angeboten aktuell besonders im Aufwind?

Zum einen hält der Trend der Micro-Adventures an. Die Leute stellen fest, dass es nicht weit von zu Hause tolle Abenteuer gibt. Das werden auch in Zukunft viele Leute machen. Hier kommt auch die aktuell steigende Zahl von Trekking-Plätzen zum Tragen. Das sind Übernachtungsmöglichkeiten im Wald, in denen man gegen eine kleine Gebühr zwischen Wanderungen übernachten kann. Aber natürlich kommt auch die Lust, weiter weg zu fliegen, wieder.

Unsere Befragung hat ergeben, dass bei den Deutschen Kanada, die USA, Neuseeland, Südafrika und Island die dominierenden Länder sind, die mit Abenteuerreisen assoziiert werden. Bei den deutschen Abenteuerreisenden stehen auch Safaris in Afrika noch vor Südamerika relativ weit oben auf der Liste. Letzteres ist dagegen bei US-Amerikanern die Top-Abenteuerreisedestination.

Und was sind Ihre Geheimtipps für die Outdoor-Abenteuer der Zukunft?

Die meisten verbinden Abenteuerreisen noch immer eher mit Europa oder Nordamerika, aber ich glaube, dass der asiatische und afrikanische Markt immer spannender werden wird. Hier locken zahlreiche Länder, die weniger klassische Attraktionen oder Tourismus-Infrastruktur anbieten. Sie können dafür mit Abenteuerangeboten eine Zielgruppe ansprechen, die genau darauf Lust hat.

Außerdem rücken viele große Reiseanbieter vermehrt die unberührten Flecken Südosteuropas, etwa in Rumänien oder Albanien, in den Fokus. Allerdings ist es möglich, dass der Ukraine-Krieg hier negative Auswirkungen hat.

"Zu leise Outdoor-Sport-Lobby in der Coronapandemie war ein Schwachpunkt"

Welche Lehren hat die Outdoor-Branche aus der Corona-Pandemie gezogen? Und wo sind Schwachpunkte offengelegt worden, an denen die Industrie gemeinsam arbeiten kann?
In Deutschland war die zu leise Outdoor-Sport-Lobby in der Coronapandemie ein Schwachpunkt. Zwar haben einzelne Verbände beispielsweise einheitliche Regeln für Kanu-Anbieter erarbeitet, aber es gibt keinen branchenübergreifenden Verband. Mit dem hätte man schon deutlicher sagen können: „Lasst die Leute doch Outdoor-Sport machen!“ Die Schweizer oder Österreicher, die einen Verband haben, hatten da deutlich mehr Möglichkeiten sich gehör zu verschaffen. Es gibt vereinzelte Überlegungen, etwas in die Richtung zu unternehmen. Ich glaube, das wäre eine gute Möglichkeit. International gibt es die Adventure Travel Trade Association (ATTA), die in der Corona-Zeit eine große Hilfe für die Branche war.

So positiv der Outdoor-Boom für die Branche ist, so belastend kann er für die Natur werden. Wie kann die Abenteuerreisebranche steigende Touristenzahlen mit Nachhaltigkeit vereinbaren?
Nachhaltigkeit ist ein wichtiges Thema, das auch einen wichtigen Stellenwert bei der Adventure Travel Conference im Rahmen der OutDoor by ISPO haben wird. Die Branche ist hier schon relativ weit. Viele Anbieter wenden CO2-Kompensationen an und treiben vor Ort in den Regionen nachhaltige Projekte voran. Sei es mit dem Bau klimaneutraler Lodges oder durch die direkte Miteinbeziehung der Einwohnerinnen und Einwohner vor Ort. Dazu gehört auch, dass das Geld der Touristen der Region zugutekommt und nicht wie im Kreuzfahrt-Tourismus nur auf dem Schiff ausgegeben wird. So wird dem Urlaubsort und den Menschen vor Ort auch etwas zurückgegeben.

Nachhaltigkeit: Je mehr Anbieter tun, desto mehr wird es angenommen

Und wie steht es um die Liebe zu Natur bei den Reisenden?
Die Bereitschaft bei den Urlaubern nach Nachhaltigkeit ist ebenfalls ziemlich groß. Viele sagen bei unserer Untersuchung, dass Nachhaltigkeit ein wichtiges Thema ist. Wenn man dann aber fragt, ob sie bereit seien, CO2 zu kompensieren oder mehr Geld auszugeben, sieht es leider oft schon etwas anders aus. Die sogenannte Attitude-Behaviour-Gap – der Unterschied zwischen Einstellung und Verhalten – wurde leider auch bei unserer Befragung deutlich. Ich hoffe, dass hier ein langfristiges Umdenken stattfindet.

Inwiefern können Anbieter hier mitwirken?
Die Aktivität der Branche zum Thema Nachhaltigkeit hilft: Je mehr die Anbieter in diese Richtung tun, desto mehr wird das auch von den Reisenden angenommen.

Aber mehr Leute in der Natur bedeutet auch, dass zunehmend Menschen Outdoor unterwegs sind, die nicht wissen, wie man sich verhalten sollte. So kann beispielsweiser jeder in Apps eigene Touren anlegen, auch abseits der ausgewiesenen Wanderwege durch Naturschutzgebiete. Hier sind die Anbieter gefragt, eindämmend einzugreifen.

Gleichzeitig bin ich der Überzeugung, dass es auf längere Sicht nachhaltiger ist, die Leute an die Natur heranzuführen und zu erklären, wie sie sich dort zu verhalten haben - nicht mit Verboten, sondern durch Aufklärung. Wer weiß, was man schützen möchte und wie man es schützen kann, wird langfristig nachhaltiger handeln.

Zu Wikinger-Tourismus wie in der Kreuzfahrt-Branche, bei dem Schiffe Dörfer „überfallen“, nur ein paar Stunden dort sind und dabei wenig Geld und dafür jede Menge Müll hinterlassen, dürfen wir es in der Natur nicht kommen lassen.

OutDoor by ISPO: Raus aus der eigenen Bubble

Wie wichtig ist es für die Outdoor- und Abenteuerreisebranche, sich auf der Adventure Travel Conference im Rahmen der OutDoor by ISPO wieder persönlich treffen zu können?
Die Leute in unserer Branche sind größtenteils kontaktfreudig. Es kommen Leute mit einem ähnlichen Mindset zusammen, die sich gerne treffen und den persönlichen Austausch sehr wertschätzen. Deshalb glaube ich, dass sich sehr viele freuen, dass man sich endlich wieder sieht. Jeder hat genug von Online-Konferenzen und Meetings, die nicht in dem Maße funktionieren wie in Präsenz.

Was ich sehr spannend finde ist die Mischung, die auf der OutDoor by ISPO zusammenkommen wird: Der wissenschaftliche Bereich ist oft eher unter sich und nicht so nah an der Praxis. Es ist sinnvoll, das zu verknüpfen und Kontakte herzustellen, um die Theorie in die Praxis umzusetzen oder Forschung voranzutreiben, die Anbietern direkt hilft. Das passiert zum Teil, aber das kann noch besser werden.

Auf der OutDoor by ISPO kommen dazu noch die Sportartikel- und Sportgerätehersteller, die auf der OutDoor by ISPO zu Hause sind. Da lässt sich für die Abenteuerreisebranche einiges angehen, etwa eine Kooperation eines Tourenanbieters mit einem Zelthersteller für Testberichte zum neuesten Zeltmodell. Da gibt es viele Anknüpfungspunkte und es wird spannend sein, über den Tellerrand zu schauen und sich mit Bereichen zu vernetzen, in denen man noch nicht so vertreten ist.

Gerade in Corona-Zeiten haben viele doch eher in ihren Bubbles gelebt. Ich hoffe, wir bringen auf der Adventure Travel Conference und der OutDoor by ISPO ein paar Blasen zusammen, die Schnittmengen haben.

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Martin Jahns


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