Julian Galinski
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Julian Galinski

„Dein Winter. Dein Sport“: Wintersport-Wissenschaftler analysiert Zukunft der Branche

Professor Ralf Roth: „Der Wintersport muss offener werden!"

Ralf Roth ist Leiter des Instituts für Natursport und Ökologie, Deutsche Sporthochschule Köln, und einer der weltweit führenden Wissenschaftler, was die Zukunft des Wintersports betrifft. Bei „Dein Winter. Dein Sport" präsentiert er Daten und Fakten aus den Skigebieten der Alpen – und gibt konkrete Handlungsempfehlungen an das Sportbusiness, um dem Wintersport und dem alpinen Tourismus eine erfolgreiche Zukunft zu sichern. 

Experte Ralf Roth spricht bei "Dein Winter. Dein Sport" über die Zukunft des Wintersports.
Experte Ralf Roth spricht bei "Dein Winter. Dein Sport" über die Zukunft des Wintersports.

„Wintersport hat 100 Jahre Tradition in Deutschland. Damals hat man sich nicht strategisch überlegt, wo es hingeht – heute müssen wir planen, wo es hingeht“, sagt Wintersport-Experte Ralf Roth im Rahmen seiner Keynote bei der zweiten Auflage von "Dein Winter. Dein Sport", sein Thema lautet: „Winter. Sport. 2037. Herausforderungen und Chancen aus Sicht der Wissenschaft.“

„Schnee ist ein nicht austauschbares Alleinstellungsmerkmal“, sagt Roth. „Aber In den letzten fünf bis sieben Jahren hat sich vieles verändert. Früher wurden Skigebiete exklusiv geplant, heute geht es um multifunktionale Räume. Die Anforderung der Zukunft ist nicht nur, die Angebote zu entwickeln, sondern auch der gesellschaftlichen Herausforderung gerecht werden.“

Roth analysiert den Wintersport und dessen Zukunft umfassend – ISPO.com beschreibt seine wichtigsten Erkenntnisse und Entwicklungsansätze. Und fasst sieben konkrete Handlungsempfehlungen an die Branche zusammen.

Was ist die Ist-Situation im Wintersport?

Entsprechend der Studie „The Future of Winter Travelling in the Alps“ gab es im Winter 2016/17 im Alpenraum 386 Mio kommerzielle Übernachtungen pro Jahr, dazu 126 Millionen private. 40 Prozent der touristischen Übernachtungen im Winter finden statt. Es gab 158 Millionen Skier Days pro Saison, das sind 45 Prozent aller weltweiten Skitage. Deutschland, Österreich und die Schweiz sind die weltweit größten Märkte für Winterurlaube. Es gibt 48,2 Millionen aktive Wintersportler in Europa. Die Prognose der Studie lautet: Skifahren bleibt auch in Zukunft das Kernprodukt des Winter-Tourismus, weil die Erlebnisdimension einzigartig ist. Aber die breitere Aufstellung für die Zukunft ist zwingend notwendig.

Wie sieht die konkrete Situation in Deutschland aus?

Die Zahlen: In Deutschland gibt es 200 Seilbahnen, 1300 Schlepplifte und 245 Nordic Zentren. Dazu existieren 4300 Vereine und 650 Skischulen. Auf Spitzenlevel gibt es 30 Weltcup-Tage im Jahr, die Athleten haben seit dem Jahr 2005 insgesamt 89 Olympia-Medaillen geholt.

Die nationale Grundlagenstudie 2017 von Ralf Roth besagt: Es gibt 22,9 Mio Wintersportler, darunter 6,3 Millionen Skifahrer. Die Menschen haben im Jahr 327 Millionen Winter Sports Days davon 46 Mio Skier Days. 63,6 Prozent der sportlich aktiven Deutschen sind im Wintersport aktiv. Sie kommen vor allem aus: Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen und leisten sich im Schnitt 12 bis 14 Wintersport-Tage im Jahr. Der Fokus liegt dabei klar auf Ski Alpin, Rodeln/Schlittenfahren und, stark steigend, beim Langlauf. „Ein Paket, das für das ganze Leben reicht – Winterwandern ist das Thema für demographiefeste Angebote“, sagt Ralf Roth.

 

Schnee nur auf den Pisten: Ein mittlerweile bekanntes Bild aus vielen Skigebieten.
Schnee nur auf den Pisten: Ein mittlerweile bekanntes Bild aus vielen Skigebieten.

Mit welchen Veränderungen ist der Wintersport konfrontiert?

Unbestritten sind die Veränderungen bei Klima, Wetter und Schnee: „Wenn wir von kein Schnee im Winter reden, meinen wir eigentlich immer: Weihnachten ohne Schnee. Verabschieden Sie sich davon, dass es zwingend weiße Weihnachten gibt“, sagt Ralf Roth.

Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es keinen Zweifel am Szenario 2100 und einem Anstieg der mittleren Winter-Temperatur im Alpenraum um 2 Grad Celsius. „Leute, diskutiert das nicht mehr – der heutige warme Winter wird in Zukunft ein Durchschnittswinter", sagt Roth.

„Wir brauchen den Schneeberg, nicht einzelne weiße Pisten“, sagt Roth. Aber: „Wir können für die nächsten Jahre keine verlässlichen standortbezogenen Aussagen treffen. Es gab schon immer Jahre mit ganz unterschiedlichen Schneeausprägungen.“

Wo liegen die Chancen für den Wintersport der Zukunft?

Ralf Roth: „Wir brauchen Onsnow-offsnow Angebote. Proaktive Kommunikation. Möglichkeiten für 300 Tage im Jahr für attraktive Produkte und Angebote." Und kein Höher-Schneller-Weiter: „Ein Wort an Seilbahner: Immer mehr, immer weiter macht keinen Sinn. Es geht um qualitative Entwicklung, Nachhaltigkeit, qualitative Entwicklung und die Erhöhung der Wertschöpfung pro Gast.“ Ein großes Feld, das in Zukunft noch mehr Beachtung bekommen muss, ist das der Sharing Economy: Ressourcenschonung, Umweltentlastung, soziale Kohäsion und kooperatives Wirtschaften stehen hier im Mittelpunkt.

Im Mittelpunkt stand und steht aber immer der Mensch – und hier richtet Roth deutliche Worte an die Wintersport-Branche: „Einfache, leistbare und kostengünstige Wintersport-Angebote für Haushaltseinkommen bis 2000 Euro – steigern Sie das Thema Vielfalt und social Diversity! Der Wintersport muss offener für alle werden!“

Besonders im Mittelpunkt stehen in Zukunft auch die Wünsche der urbanen Zielgruppe – der Großteil der Gäste aus dem verdichteten Stadtraum: „Je digitaler unsere Welt wird, desto wichtiger werden echte Erlebnisse und Freundschaften!"



Was sind konkrete Handlungsfelder für die Branche?

Ralf Roth fasst die entscheidenden nächsten Schritte so zusammen:

  1. Kinder, Jugendliche und Erwachsene zum Wintersport bringen
  2. Wintersport-Setting für Schule, Verein und Familie optimieren
  3. Dropout-Quote senken
  4. Sportübergreifend denken und handeln
  5. Siedlungsnahe Wintersportmöglichkeiten bieten
  6. Interesse steigern – Imageverbesserung – mehr Emotion
  7. Ganzjahresangebote entwickeln
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