Bildcredit:
Vaude
INTERVIEW/31.05.2023

„Noch ist Dreck liegen lassen billiger als aufräumen!“

Antje von Dewitz
Wir benötigen Ihre Zustimmung, um die Bewertungsfunktion zu aktivieren!

Diese Funktion ist nur verfügbar, wenn eine entsprechende Zustimmung erteilt wurde. Bitte lesen Sie die Details und akzeptieren Sie den Service, um die Bewertungsfunktion zu aktivieren.

Bewerten
Merken

Seit Antje von Dewitz CEO von VAUDE ist, richtet sie alles konsequent auf Nachhaltigkeit aus. Mit welchen Herausforderungen sie zu kämpfen hat, welche Maßnahmen am wirksamsten sind und warum sie optimistisch in die Zukunft blickt, erzählt sie in ihrem Gastbeitrag für ISPO.com.

Mein Name ist Antje von Dewitz und ich habe 2009 meinen Vater als CEO von VAUDE abgelöst. Er hat durch erste, weitreichende ökologische Projekte dazu beigetragen, dass ich zu der Überzeugung kam, dass nachhaltiges Wirtschaften möglich ist und Unternehmen ökologische Verantwortung übernehmen können und sollten! Seit ich Geschäftsführerin bin, ist bei uns alles konsequent auf Nachhaltigkeit ausgerichtet: am Standort, in den Lieferketten, in den Produkten.  

In meinem Gastbeitrag für ISPO.com möchte ich einen Einblick in unsere Transformation und die damit verbundenen Herausforderungen geben und Mut machen, einen nachhaltigen Weg einzuschlagen. Denn: Als Unternehmen fair und menschlich zu agieren, nachhaltig zu sein und damit wirtschaftlichen Erfolg zu haben ist möglich!

Wir sind Teil des Problems, also müssen wir Teil der Lösung sein

Als wir vor 15 Jahren mit der Transformation begonnen haben, war uns schon bewusst, dass wir zu einer der kritischsten Branche zählen und somit großen Anteil an globalen Problemen wie dem  Klimawandel, Ressourcenverbrauch etc. haben. Da ist es nur logisch, dass wir auch Teil der Lösung sein müssen und uns dieser Aufgabe stellen wollen. 

Bei VAUDE verfolgen wir eine konsequent nachhaltige Unternehmensstrategie mit hohen, ambitionierten Zielen. Unter anderem haben wir uns zum Greenpeace Detox Committment oder den Science Based Targets verpflichtet, um unseren Beitrag zur Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels gemäß des Pariser Klimaabkommen zu leisten. Dafür arbeiten wir immer wieder mit NGOs zusammen, die auch mit Kritik nicht zurückstecken – zum Beispiel Greenpeace oder WWF. Wir möchten ihre Ansprüche kennenlernen und uns daran messen.

Reduce, reuse, recycle

Konkret sichtbar wird unser Engagement an unserem Label Green Shape, das knapp 80 Prozent der VAUDE Produkte bereits erfüllen. Green Shape Produkte werden in auditierten Produktionsstätten fair hergestellt, besitzen eine hohe Materialeffizienz und sind im Design angelegt auf möglichst hohe Reparatur- und Recyclingfähigkeit. Ihre Materialien sind  gemäß der höchsten Nachhaltigkeitsstandards zertifiziert und zudem mehrheitlich recycelt oder biobasiert. Damit sparen sie rund 50 % Emissionen im Vergleich zu neuwertigen Materialien ein.  

Green Shape zahlt damit voll auf unser Klimaengagement und unsere Bemühungen rund um Kreislaufwirtschaft ein. In Deutschland sind wir durch Einsparungen und Kompensationen bereits seit 2012 klimaneutral, seit 2022 gilt dies auch für unsere weltweit hergestellten Produkte.

Wir arbeiten mit Hochdruck daran, unsere Emissionen anhand ehrgeiziger Klimaziele weiter zu senken. Das ist besonders in der weltweiten Produktion und den Lieferketten noch eine große Herausforderung. Dafür arbeiten wir auch hier mit anderen Brands der European Outdoor Group (EOG) im Rahmen Supply Chain Decarbonization Project (SCDP) - des größten Projekts für klimaneutrale Lieferketten zusammen. Wirkliche nachhaltige Transformation geht immer nur als Teamsport, daher arbeiten wir in vielen Initiativen und Projekten auch quer über die Wertschöpfungskette mit anderen Unternehmen zusammen, bspw. auch zum Thema Textilrecycling.  

Momentan werden weltweit nur 1% aller Textilien recycelt. Um hier eine wirklich funktionierende Infrastruktur aufzubauen, müssen alle an einem Tisch zusammenkommen: vom Garnhersteller über Materialproduzenten, die Brands und den Handel bis hin zum Sammler, Sortierer und Recycler. Alle Beteiligten der Wertschöpfungskette müssen voneinander wissen, lernen und auf dasselbe Ziel hinarbeiten. Das ist wahnsinnig komplex, aber ich bin der veränderten politischen Rahmenbedingungen überzeugt davon, dass das in den kommenden Jahren gelingt.



Nachhaltiges Wirtschaften ist möglich

Wir sind als Unternehmen in den letzten 15 Jahren immer politischer geworden, weil es angesichts der globalen Herausforderungen doch sehr schräg ist, dass es viel schwieriger ist, unternehmerisch Verantwortung zu übernehmen, als es sein zu lassen. Es ist aktuell immer noch billiger, den eigenen Dreck liegen zu lassen, als ihn wieder aufzuräumen. Kein Wunder, dass in den meisten Köpfen nach wie vor verankert ist, dass sich Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit ausschließen.  

Nachhaltiges Wirtschaften ist möglich und ich bin sehr glücklich darüber, dass dafür nun Schritt für Schritt gesetzliche Rahmenbedingungen geschaffen werden. Mit dem European Green Deal ist ganz klar formuliert, dass die Textilindustrie bis 2050 kreislauffähig und klimaneutral werden muss.

1994 waren wir tatsächlich schon einmal so weit. Wir hatten die erste voll recycelbare Polyester-Kollektion in Verbindung mit dem Recycling-Netzwerk Ecolog auf den Markt gebracht. Wir haben sie leider fünfzehn Jahre später wieder eingestellt, weil sie ihrer Zeit einfach voraus war. Mit unserer neuen Rethink-Produkten auf reiner PET-Basis können wir nun erneut garantieren, dass unsere Textilien vollständig recycelt werden können. Damit erfüllen wir in diesen Produkten nun alle EU-Anforderungen im Hinblick auf einen geschlossenen Textilkreislaufs: sie sind langlebig, recyclefähig, recycelt und schadstofffrei. 

Nachhaltige Transformation klappt nur gemeinsam

Ich bin stolz darauf, dass wir uns bei VAUDE eine Kompetenz für nachhaltiges Wirtschaften aufgebaut haben. Die teilen wir auch gerne – bspw. im Rahmen unserer VAUDE Academy für nachhaltiges Wirtschaften. Denn die nachhaltige Transformation klappt nur gemeinsam. Wir steuern auf eine Überhitzung des Planeten zu und müssen den Klimawandel noch viel ernster nehmen. Kooperation schafft echten Wandel und macht Spaß! Dazu möchte ich als Unternehmerin Impulse geben und Mut machen – zum Beispiel auch über mein LinkedIn-Profil. Was mich im Inneren antreibt, ist, dass ich meinen Kindern und Enkeln später in die Augen sehen und sagen kann: Wir haben uns wirklich, wirklich bemüht. 

Themen dieses Artikels