Autor:
Thomas Becker

Zum Tod von David Lama

David Lama: „Ein Leben ist perfekt, wenn man alles ausprobiert“

Der Alpinist David Lama starb am 16. April 2019 durch eine Lawine am Howes Peak in den kanadische Rocky Mountains. Die Welt verliert einen Ausnahme-Sportler, dessen Leidenschaft für die Bergwelt auf viele Menschen abstrahlte und sie inspirierte - Novizen genauso wie professionelle Kletterer.

Der Bergsteiger David Lama.
Der Bergsteiger David Lama.

David Lama wusste, was ein perfektes Leben ausmacht. Im Buch „High. Genial unterwegs an Berg und Fels“ wird der Meisterkletterer, der Sohn eines tibetanischen Sherpas und einer Österreicherin aus Innsbruck ist, zitiert:

„Ein Tag ist dann perfekt, wenn man eine Wand vor sich hat, die noch keiner geschafft hat. Ein Sommer ist dann perfekt, wenn man wochenlang nur dort unterwegs ist, wo kein Auto hinfährt, kein Handy Empfang hat. Ein Leben ist dann perfekt, wenn man alles ausprobiert.“

Und das konnte Lama wirklich von sich behaupten: Er hatte alles ausprobiert. 

Wunderkind des Kletterns

Schon früh galt Lama als Wunderkind des Kletterns. Peter Habeler, dem einst mit Reinhold Messner die Erstbesteigung des Everest ohne zusätzlichen Sauerstoff gelungen war, sah ihm beim Klettern zu als er fünf Jahre alt war. Habeler erkannte sofort sein außergewöhnliches Gefühl für den Felsen. In der Kletterhalle lernte Lama seinen späteren Trainer Reini Scherer kennen. Bald folgten die ersten Wettkämpfe – natürlich war er erfolgreich.

In den Jahren 2004 und 2005 wurde er Jugend-Weltmeister. Im Jahr darauf gewann er mit 16 als jüngster Weltcupsieger überhaupt einen Vorstieg- und Boulder-Weltcup in einer Saison.

Doch allmählich erlahmte seine Begeisterung für das Wettkampfklettern. Es zog ihn raus, zum Alpinismus. Bald war er an den unwirtlichsten Orten unterwegs, die der Erdball zu bieten hat. 2012 gelang ihm mit Peter Ortner die erste freie Begehung der Kompressor-Route am Cerro Torre in Patagonien. 

Aus dem Erfolg macht einer seiner Sponsoren sogar einen abendfüllenden Kinofilm: „Cerro Torre - Nicht den Hauch einer Chance“. Das gewaltige Medieninteresse schien den bescheidenen, beinahe schüchternen jungen Mann damals völlig zu erschlagen. Selbstdarstellung und -Inszenierung waren noch nie sein Ding. 

Natürlich musste er sich für seine Sponsoren auch auf den sozialen Medien präsentieren. Doch sah man ihn auf seinen Bildern meist nur als kleinen bunten Punkt vor oder in einer monumentalen Felslandschaft. In einem seiner letzten Posts aus dem Banff National Park beschreibt er das Glücksgefühl dieses Lebens fernab jeglicher Zivilisation: kein Mensch weit und breit, aber frische Bärenspuren...

Spitzen-Alpinist David Lama auf der ISPO Munich 2019.

Lama war kein manischer Gipfel- oder Rekordesammler, obwohl er die Fähigkeit dazu besessen hätte. Sein Mantra: „Es geht nicht um die Leistung. Es geht ums Erlebnis.“ Dass dieses natürlich risikobehaftet ist, war ihm stets bewusst. Sein Risikomanagement beschrieb er einmal so: „Ist das Erlebnis, das auf der anderen Seite wartet, es wert, dieses Risiko einzugehen? Wenn man die Frage mit einem klaren Ja beantworten kann, dann ist es absolut legitim, da durchzugehen. So gehe ich mit dem Thema Risiko um.“

Im vergangenen Oktober gelang Lama schließlich die Solo-Erstbesteigung des 6895 Meter hohen Lunag Ri in Nepal über den Westpfeiler. 2015 und 2016 war er dort noch gescheitert, einmal 250 und einmal 300 Meter unterhalb des Gipfels. Sein Partner Conrad Anker hatte zuvor einen Herzinfarkt erlitten und musste umgehend ausgeflogen werden. 

"Lama hob das Expeditionswesen in neue Dimensionen"

Eine bittere Erfahrung, aber auf die dürfe man nicht unvorbereitet sein, sagt Lama: „Natürlich kann eine Verkettung unglücklicher Umstände bei jedem meiner Abenteuer zu einem fatalen Ausgang führen. Dieser Tatsache darf man sich nicht verschließen. Doch es ist gerade diese Bereitschaft zum Risiko, die die vollkommene Überzeugung meines Tuns widerspiegelt und meinem Bergsteigen einen großen persönlichen Wert gibt.“

Lamas Leidenschaft für die Bergwelt strahlte auf viele Menschen ab - auf Novizen genauso wie auf Kletterkollegen. Stefan Glowacz sagte einmal: „Mich inspirieren kreative Kletterer. Leute, die nicht nur gut klettern, sondern zum Beispiel irgendwo hinsegeln und eine Erstbegehung machen. Die sich überlegen: Was ist die nächste Stufe? In diese Liga gehört David Lama auch. Das sind Leute, die das Expeditionswesen in eine neue Dimension heben.“ 

Am 16. April 2019 wurde Lama in den kanadischen Rocky Mountains zusammen mit seinen Kameraden Hansjörg Auer und Joss Rosskelley von einer Lawine erfasst. Am Ostermontag waren Rettungsteams in der Lage, die Körper der drei getöteten Kletterer zu bergen. 

Unter welchen Umständen Lama, der sich noch im Februar auf der ISPO Munich 2019 als glücklichen Single bezeichnet hatte, mit seinen Freunden in diese gewaltige Lawine am Howse Peak geriet, wird man wohl nie erfahren.

Denn es ist nun mal so, wie es Lama selbst einmal formuliert hatte: Du bist dort oben auf dich allein gestellt. Wenn etwas passiert, dann kommt keiner rauf und holt dich. Wenn du es nicht schaffst, selbst runter zu kommen, bleibst du oben.

Diesmal schaffte Lama es nicht. Es ist das Ende eines kurzen, aber nach seinen Vorstellungen perfekten Lebens.

Wir trauern um David Lama. 



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Thomas Becker
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