Kletterer und Bergsteiger spricht über Einsamkeit am Berg

David Lama am Lunag Ri: „Am Gipfel ist es wie im Auge des Sturms“

David Lama ist der Rockstar unter den Bergsteigern. Dem Österreicher gelang 2018 die spektakuläre Solo-Erstbesteigung des Lunag Ri in Nepal. Im Interview spricht er über den glücklichsten Moment und verrät, warum Einsamkeit ein Vorteil sein kann.

David Lama hat die legendäre "Kompressorroute" am Cerro Torre in Patagonien frei geklettert.
David Lama war einmal mehr auf der ISPO Munich.

David Lama, Sohn einer Innsbruckerin und eines Nepalesen, feierte den ersten großen alpinistischen Erfolg 2012, als er mit Peter Ortner die erste freie Begehung der Kompressor-Route am Cerro Torre in Südamerika unternahm. Durch einen Film über die Besteigung machte Lama sich damit auch außerhalb der Kletter-Szene einen Namen.

2018 bezwang Lama den Lunag Ri in Nepal. Damit verwirklichte der 28-Jährige sich einen Traum und schrieb wieder Geschichte, denn noch nie hatte jemand diesen Berg bestiegen und Lama gelang es Solo. Davor lagen allerdings drei erfolglose Versuche – beim zweiten erlitt sein Partner Conrad Anker einen Herzinfarkt.

David Lama: „Es war eine fantastische Erfahrung“

ISPO.com: David, auf ihrem Blog schreiben Sie, allein zu klettern ist intensiver, jetzt haben Sie den Lunag Ri alleine bezwungen. Ein Projekt, das ursprünglich zusammen mit Conrad Anker geplant war. Lassen Sie uns also über den entscheidenden Unterschied sprechen, über Alleinsein und Einsamkeit.
David Lama: Gerne. Aber vorweg: Einsamkeit ist ein Gefühl. Nur, weil man alleine ist, muss man noch lange nicht einsam sein. Erst auf Dauer ist das in gewisser Weise der Fall.

Erklären Sie bitte den Unterschied.
Der Begriff der Einsamkeit hat oftmals einen negativen Beiklang. Ich sehe es so, dass man sich in Phasen der Einsamkeit sehr gut auf sich selbst konzentrieren kann. Andere Dinge in einer anderen Intensität wahrnehmen kann.

Sie haben mehrere Anläufe gebraucht, um den Gipfel des Lunag Ri zu erreichen. Erst im Alleingang haben sie es gepackt.
Aber ich habe mich keine Sekunde lang einsam gefühlt dabei. Es war eine fantastische Erfahrung, die zwar viel mit Leid zu tun hatte, aber auch viel mit Freude und sogar Genuss.

„Bei schwierigen Projekten hilft ein gleicher Blick auf die Welt“

Sie sagen von sich selbst, dass sie unheimlich wählerisch sind, wen sie mit auf den Berg nehmen.
Absolut.

Was muss man mitbringen, wenn man mit David Lama in den Berg will?
Extreme Touren, beispielsweise nach Nepal, sind immer einzigartige Erlebnisse. Wenn ich im Himalaya auf einen 6000er steige, möchte ich mit jemandem unterwegs sein, mit dem ich auch gerne unterwegs bin. Einerseits ist mir also Freundschaft wichtig, oder sagen wir besser: eine persönliche Beziehung. Anderseits brauche ich blindes Verständnis und Vertrauen.

Gerade bei schwierigen Projekten hilft ein gleicher Blick auf die Welt. Es ist fatal, wenn man auf den Berg schaut und für den einen ist es ein Kinderspiel und für den anderen ein Ding der Unmöglichkeit. Dann möchte der eine die Tour auf der linken Seite gehen, der andere auf der rechten. Dann ist der Konflikt da.

Schon erlebt?
Das gibt es immer wieder.

David Lama: Freude setzt schon vor dem Gipfel ein

Sind Sie im Normalfall der Chef in der Wand? Oder ist das eine Kategorie, die am Berg nicht zählt?
Bergsteigen hat sehr viel mit Effizienz zu tun. Effizient ist man dann, wenn man als Team gut zusammenarbeitet. Entsprechend gibt es Situationen, in denen man eine Entscheidung für beide trifft, in denen beide gemeinsam entscheiden oder in denen der Partner für einen entscheidet. Wenn ich nicht vorsteige, muss ich meinem Vorsteiger ja blind vertrauen. Je besser man sich kennt und je genauer der gemeinsame Blick auf den Berg ist, desto besser funktioniert man im Team.

Dieser Blick auf den Berg ist Ihre Spezialität. Sie können Wände hervorragend lesen, heißt es.
Man muss als Bergsteiger eine gute Vorstellungskraft mitbringen. Wie man sich durch eine Wand schlängeln möchte – wie man Strukturen aus Fels und Eis zu seinem Vorteil nutzen kann.

Als Sie vergangenes Jahr gemerkt haben, Sie packen es, Sie werden endlich den Gipfel des Lunag Ri erreichen: Wann setzte da die Freude ein?
Die Freude, dass man einen Berg packen wird, setzt nicht erst am Gipfel ein, sondern vorher. Bei mir war das am dritten Tag der Fall. Ich war allein in der Wand, ungefähr 100 Meter unter dem Gipfel. Da habe ich gesehen, dass sich die Wand ein Stückchen zurücklehnt. Der Gipfelgrat wurde von der Sonne angeschienen. In einer Nordwand. Da war mir klar, das muss der Gipfel sein, es wird funktionieren. Ein unglaublich schöner Moment.

David Lama: „Informationsflut setzt am Gipfel kurz aus“

Der Gipfel selbst ist Ihnen gar nicht so wichtig?
Es war einer der wenigen Gipfelmomente, die mir in Erinnerung geblieben sind. Ganz oben ist ja ein Punkt, an dem man kurz mal nicht mehr weitermachen muss. Wie gesagt: Beim Bergsteigen geht es um Effizienz, also nimmt man ständig die Umgebung wahr. Wie sind die Schneeverhältnisse? Wie ist das Eis? Man nimmt ganz wenig von den weniger wichtigen Informationen auf. Man bemerkt zwar den Sonnenaufgang beispielsweise, aber man muss ihn nicht verwerten, um sicher rauf und runter zu kommen. Diese Informationsflut setzt am Gipfel kurz aus.

Wie im Auge des Sturms.
Das trifft es gut, ja. Dieser kurze Moment der Ruhe, bevor man sich dem Abstieg widmen muss, ist wie im Auge des Sturms. Ein paar Minuten, in denen man auch für Bergsteiger unwichtige Informationen aufnehmen kann. Nennen wir es: Genießen.

Das Einzelkind David Lama, der Einzelkämpfer David Lama, sind Sie eigentlich auch Single?
Ja, bin ich.

Vielen Dank für das Gespräch, und Hals- und Beinbruch, David!
Vielen Dank. Aber bitte schreiben Sie noch: Glücklicher Single! 

Hinweis der Redaktion: David Lama wurde am 16.04.2019 zusammen mit Hansjörg Auer und Jess Roskelley in den kanadischen Rocky Mountains von einer Lawine erfasst. Die Behörden gehen vom Tod der Bergsteiger aus. Wir trauern um drei großartige Menschen. Unser Mitgefühl ist bei den Angehörigen. 

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