Autor:
Benjamin Prüfer

Ausnahme-Kletterer im Interview

Adam Ondra: „Jemand wird eine 10a-Route klettern – aber nicht ich”

Adam Ondra gilt als der beste Kletterer der Welt. Indem er als erster eine Route mit dem Schwierigkeitsgrad 9c bezwang, hat er die Grenzen des Möglichen nicht nur für sich selbst, sondern für alle Kletterer verschoben. Mit ISPO.com sprach der 26-jährige Tscheche darüber, wie man sich als Sportler motiviert, wenn es sehr schwer geworden ist, noch besser zu werden. 

Adam Ondra auf der ISPO 2020
Adam Ondra gilt als der beste Kletterer der Welt.

ISPO.com: Sie sind der erste Kletterer der Welt, der eine Route mit dem Schwierigkeitsgrad 9c bewältigt hat. Um die Silence-Route in der Hanshelleren-Höhle in Norwegen zu durchsteigen, haben sie die Route zwei Jahre analysiert und wie besessen trainiert. Wie wichtig ist es für Sie, etwas zu tun, was vorher noch niemand getan hat?
Adam Ondra: Für mich ist eher das Sahnehäubchen auf dem Kuchen. Es geht mir nicht darum, etwas zu tun, was niemand zuvor getan hat – sondern darum, etwas zu tun, was ich noch nicht getan habe. Und wenn dies zufällig die härteste Route der Welt ist – um so besser. Ab einem bestimmten Punkt demotiviert es, wenn man sich mit anderen vergleicht. Man muss sich selbst immer weiter verbessern wollen. 
 

„Beim Klettern bin ich mein wahres, inneres Ich.”

Die Einschätzung 9c haben Sie der Route selbst gegeben und damit einen Schwierigkeitsgrad geschaffen, den es bisher noch nicht gab. Bisher war niemand in der Lage, die Route zu durchsteigen, um dies zu bestätigen. Wer soll dies tun?
Ich hoffe wirklich, dass es irgendwann jemand versucht. 9c als Schwierigkeitsgrad ist mein Vorschlag, es ist nicht bestätigt. Und es ist nicht in Stein gemeißelt, dass es eine 9c ist. Aber ich habe die meisten der 9b+-Routen und 9bs gemacht und ich musste trotzdem so viel härter arbeiten als für jede andere Route, die ich in meinem Leben gemacht habe. Darum hatte ich den Mut, sie als eine 9c einzuschätzen.

Sie haben einmal den perfekten Geisteszustand beim Klettern als in der Zone sein beschrieben. Wie fühlt sich diese Zone an?
Wenn ich anfange zu klettern und mich wirklich in der Zone fühle, ist es, als ob alles automatisch abläuft. Wenn man anfängt, darüber nachzudenken, was man als Nächstes tun soll, kann man die Dinge nicht im richtigen Fluss tun. Ich fühle mich unglaublich gut beim Klettern, weil ich es seit so vielen Jahren tue und dabei so sehr an meiner Intuition gearbeitet habe, dass ich ihr vertrauen kann, selbst, wenn ich Route zum ersten Mal klettere. In der Zone fühle ich mich präsent, während mein rationaler Verstand gleichzeitig ausgeschaltet ist. Dann bin ich mein wahres, inneres Ich.

Was bringt sie in die Zone?
Es gibt kein Rezept. Manchmal passiert es, manchmal nicht. Je mehr ich mich darauf freue, zu klettern, desto besser ist es. Je weniger nervös ich bei einem Wettkampf bin, desto besser. Was definitiv hilft, ist, wenn ich beim Betrachten einer Route beeindruckt und inspiriert bin und denke: Wow, diese Route muss ich unbedingt ausprobieren. Entscheidend ist der Moment, wenn ich meinen Fuß vom Boden hebe und anfange zu klettern und es klappt alles. Erst dann verliere ich den Druck.

Mit der Durchsteigung einer 9c-Route haben Sie nicht nur die Grenzen für sich, sondern für alle Kletterer verschoben. Glauben Sie, dass Sie noch weiter gehen können?
Das ist sehr schwierig. Wenn wir über die Zahlen sprechen, besteht vielleicht eine kleine Chance, dass ich 9c+ klettern werde. Jemand wird sicher einmal eine 10a klettern, aber nicht ich - da bin ich mir ziemlich sicher. Vielleicht meine Kinder! 

Warum nicht Sie?
Im Moment kann ich mir nicht vorstellen, dass ich jemals eine so große Verbesserung erreichen werde. Es sieht so aus, als sei es nur ein kleiner Unterschied zwischen 9c und 10a, aber in Wirklichkeit ist er sehr groß. Hier eine Analogie: Wenn man 100 Meter in 14 Sekunden läuft, ist es leicht, sich um 5 Prozent zu verbessern. Aber wenn man die Distanz in 10 Sekunden läuft, ist es sehr, sehr schwer, besser zu werden.

Beim Klettern geht es nicht nur um die körperliche Fitness, auch der Geist muss in Topform sein. Haben Sie jemals Angst?
Manchmal. Aber ich habe so viel erlebt und bin so viel geklettert, dass ich die meiste Zeit weiß, dass es sicher ist. Wenn ich weiß, dass es eine sichere Route ist, habe ich keine Angst vor einem Fall – auch wenn es ein 20 Meter-Sturz wäre. Aber es gibt zwei Arten von Ängsten: die Angst vor dem Absturz und die Angst vor dem Versagen. Angst vor dem Versagen habe ich öfter. Ich gebe mir viel Mühe beim Training, also muss alles perfekt sein. Wenn man scheitert, ist es schmerzhaft.

Sie sind zu einem Vorbild geworden. Welche Verantwortung bringt das mit sich?
Ich fühle eine große Verantwortung für die Erhaltung dessen, was unser Sport ist. Das Klettern sollte ein Sport mit so vielen unterschiedlichen Bereichen bleiben. Es ist toll, dass es Kletterhallen und Cracks gibt, die sicher sind. Aber es ist auch wichtig, dass es weiter das Abenteuer gibt, für diejenigen von uns, die es suchen. Unsere Cracks und Berge sind groß genug für beide Arten des Kletterns.

Adam Ondra gibt einem Fan ein Autogramm
Adam Ondra mit Fans auf der ISPO Munich 2020

Ondra: Müssen Neulinge am Fels aufklären

Klettern und Bouldern haben sich von Nischensportarten zu einem Volkssport entwickelt. Haben Sie Angst, dass diese Entwicklung mit überfüllten und vermüllten Routen enden könnte?
Sicher, Klettern ist heute sehr populär, aber nur auf einigen Gebieten. Das Hallenklettern ist sehr beliebt geworden, auch das Bouldern und Sportklettern. Aber es wird weiter nur wenige anziehen, in die Berge zu gehen, um eine entlegene Route zu finden. Aber wir als Kletter-Community haben eine Verantwortung, den Leuten, die aus den Kletterhallen kommen, zu zeigen, wie sie sich im Freien verhalten sollen und dass sie jetzt in der Natur sind – und dass sie diese gut behandeln müssen.

Das Klettern ist jetzt eine olympische Disziplin geworden. Wie wird Tokio 2020 den Sport verändern?
Ich glaube, es wird Klettern noch populärer machen und vor allem den Hallensport stark verändern. In den letzten fünf Jahren ist die Zahl der Kletterer in den Boulderhallen ja massiv angestiegen. Wir müssen aufpassen, dass der Sport nicht zu schnell wächst und gerade Neulinge beim Klettern am Fels aufklären. Doch ich glaube nicht, dass es den Outdoor-Teil des Sports verändern wird. Beim Klettern im Freien ist die Veränderung sehr gering. 

Sie werden als der beste Kletterer der Welt bezeichnet. Wie motiviert man sich, wenn man niemanden mehr hat, zu dem man aufschauen kann?
Keine Sorge, es gibt in jedem Bereich immer jemanden, der auf einem sehr ähnlichen Niveau ist. Und wenn wir über die Olympischen Spiele in Tokio sprechen, dann gibt es sogar einige Wettkämpfer, die mit noch größerer Wahrscheinlichkeit als ich Gold holen werden.

Ihre Schreie während des Kletterns sind ihr Markenzeichen. Gibt es Situationen, in denen Sie schreien, wenn Sie nicht klettern?
Nein, ich mag keinen Streit. Ich glaube, ich schreie wirklich nur beim Klettern. 

Autor:
Benjamin Prüfer
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