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Lernen von den Besten

Andy Holzer – Wie ein blinder Kletterer Sehenden die Augen öffnet

  • Silvia Koch
  • 19. Dezember 2019

Der Österreicher Andy Holzer ist als blinder Bergsteiger und Kletterer in der Branche berühmt. Zu seinen größten Erfolgen zählt die Besteigung des Mount Everest. In einem Interview erklärt der 53-Jährige, warum er ein Gewinner-Typ ist und woher er diese Einstellung hat. Unter dem Claim Den Sehenden die Augen öffnen hält der ehemalige Heilmasseur Vorträge. Seine Geschichte inspiriert nicht nur Outdoor-Liebhaber und Sportler, sondern auch Menschen nach Rückschlägen, wieder aufzustehen und sich den Herausforderungen zu stellen


Der Österreicher Andy Holzer ist einer von zwei Bergsteigern auf der Welt, die ohne Augenlicht den Mount Everest bestiegen haben. Der 53-Jährige und der Amerikaner Eric Weihenmayer sind allerdings alles andere als Konkurrenten. „Wir teilen uns den Planeten zu zweit bei diesem Thema“, erklärt Holzer bei einem Telefonat.

Der österreichische Extremsportler ist ein Gewinnertyp. Während unseres fast zweistündigen Gesprächs wird das immer wieder deutlich. Für ihn gibt es keine Grenzen, keine Hindernisse, kein Handicap. Holzer will 100 Prozent, zu jedem Zeitpunkt seines Lebens. „Viele wissen gar nicht, was sie eigentlich können. Ich bin mir sicher, dass viele Menschen viel mehr aus sich herausholen können und es selbst nicht realisieren“, erklärt er. Seine Stimme wirkt energisch und entschlossen. Er weiß, was er kann und er hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, sich immer wieder neuen Herausforderungen zu stellen. Trotz seiner Blindheit ist es ihm wichtig Dinge zu realisieren, die andere trotz funktionierendem Augenlicht nicht sehen.

Wie denkt man anders? Was sind die Perspektiven und Alternativen in jeder Lebenslage? Holzer ist dafür kein Vergleich zu groß. Elon Musk, Steve Jobs oder Mark Zuckerberg, sie alle hätten es nie so weit gebracht, hätten sie nicht über ihren Horizont hinausgeblickt. Davon ist er überzeugt.

Andy Holzer im Vorstieg
Bildcredit: Martin Kopfsguter

Schweres Erdbeben verhindert Triumph im Himalaya

„Wir haben verdammt wenig Zeit auf diesem Planeten“, sagt der gelernte Masseur. „Also warum sollte ich nicht immer höher, schneller, einfach mehr wollen?“ Neid und Missgunst sind für Holzer Fremdwörter. Solche Emotionen seien reine Energieverschwendung: „Sowas brauchen wir doch alle miteinander nicht.“ Sein Freund Eric hat bereits 2001 als blinder Bergsteiger den Mount Everest bestiegen, lange vor ihm. 2001 arbeitete Holzer noch als Heilmasseur. Er tastete sich an das Klettern und Bergsteigern heran

Den perfekten Wohnort für seine Leidenschaft hat er sowieso. Denn der 53-Jährige lebt am Fuße der Dolomiten, in Lienz. 2004 kletterte er die sogenannte „gelbe Kante“. Viele Touren haben sich in seinen Erinnerungen eingebrannt. Darunter viele Rückschläge. 2014 wagte er sich zum ersten Mal an die Champions League der Extrem-Bergsteiger. Begleitet von einem ARD-Kamerateam wollte er auf den Mount Everest. Wie sein Kumpel Eric Weihenmayer bereits 13 Jahre zuvor. Doch eine Eislawine brachte die Crew schlussendlich zum Abbruch. Nur ein Jahr später versuchte Holzer es erneut. Ein Erdbeben in Nepal mit fast 9.000 Toten hinderte ihn auch dieses Mal am Erfolg. Er findet noch immer kaum Worte für die Tragödie, die sich damals ereignete: „Das war der Wahnsinn, was damals an Geröll alles abgegangen ist.“

Sein Leben hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits gravierend verändert. Die mediale Aufmerksamkeit um seine Person überforderte ihn. Um 10 Uhr morgens Interviews geben, stand bis dahin nicht auf seiner Agenda. „Da kommt man ja erst um 11 Uhr zum Wandern“, ärgert er sich und lacht herzlich während des Gesprächs. Er fühlte sich lange Zeit in der Gegenwart von Kameras nicht wohl. Zudem wurde er plötzlich von wildfremden Menschen an Flughäfen erkannt, wie beispielsweise in Amsterdam oder Köln.

Nach seinen zwei fehlgeschlagenen Versuchen, den höchsten Berg der Erde im Himalaya Gebirge zu erklimmen, zog es ihn 2016 in die Antarktis und nach Madagaskar. Doch von einem auf den anderen Tag war er wieder da: Der Wunsch diesen einen Gipfel zu bezwingen. Gedacht, gesagt, getan.

Andy 2009 auf Nepalbrücke
Bildcredit: Andreas Scharnagl

Die Brücke zum Himmel

2017 startete er mit Versuch Nummer drei: Noch bevor er am 21. Mai 2017 die letzten Schritte in Richtung Gipfel tat, erhielt er noch eine tragische Nachricht. Sein Vater war verstorben. Holzer hörte nicht auf, er drehte nicht um. Er erreichte sein Ziel und ist somit heute der zweite Bergsteiger ohne Augenlicht, der den Mount Everest bestieg. Als Holzer von seinen Gedanken und Erinnerungen in diesem Moment erzählt, senkt sich seine Stimme, er wird tiefgründig: „Man sagt nicht ohne Grund, dass der Everest die Brücke zum Himmel ist. Das Leben ist dort anders. Und vor allem ist es nicht so sicher, wie wir es uns in unserer kleinen, heilen Welt immer vorstellen.“  

Holzer erbrachte eine immense körperliche und mentale Leistung. Die Reaktionen vieler Mitmenschen ärgerten ihn. „Du hattest aber schon Sauerstoff dabei, oder?“, war eine häufig gestellte Frage. Als würde das seine Leistung schmälern. „Viele haben das, was ich geschafft habe, kleingeredet. Sowas verstehe ich nicht. Ich bin der zweite Mensch, der ohne die Zuhilfenahme von Licht den Mount Everest bestiegen hat. Woher kommen dieser Neid und diese Missgunst?“, ärgert er sich. Der Druck macht selbst dem sonst so gefestigten Sportler zu schaffen.

Andy auf dem Mount Everest
Bildcredit: Klemens Bichler

Den Sehenden die Augen öffnen

Er erzählt, dass er damals probiert habe, am Gipfel ohne zusätzlichen Sauerstoff zu atmen. Zehn Minuten hielt er es aus. „Das war schon komisch. So als würde dir jemand eine Jacke ausziehen“, erklärt er sein Gefühl.

Der entscheidende Unterschied zwischen Andy Holzer und anderen Bergsteigern liegt auf der Hand: Holzer ist auf seine Begleiter angewiesen. Er hört beim Gehen die Steigeisen vor ihm und folgt so den Schritten seiner Vorderleute. Dabei darf er maximal fünf Meter von ihnen entfernt sein. Ansonsten verzieht sich die Akustik. Insbesondere bei extremen Bergtouren ist es von enormer Wichtigkeit, dass seine Begleiter und er im selben Takt gehen, denselben Rhythmus haben. Außerdem müssen die Wanderer stetig ein zügiges Tempo beibehalten, ohne sich dabei zu überanstrengen. Holzer erklärt: „Du musst schon schnell gehen, damit du nicht erfrierst. Aber eben auch nicht zu flott, sonst gehst du KO.“

Holzer lebt einen ausgeprägten Pragmatismus. Was er sagen will, sagt er direkt, ohne Umschweife. Mit dieser rationalen Denkweise trifft er auch persönliche Entscheidungen. 2009 stand er vor einem Wendepunkt in seinem Leben: „Was kann ich denn noch für Berufe ausüben, ohne dabei zu sehen, habe ich mich gefragt.“ Telefonist, Bürstenbinder, Korbflechter, das sind die typischen Berufe für Blinde. Obwohl ihn damals viele Leute für verrückt erklärt haben, schmiss er seinen Job als Heilmasseur nach 26 Jahren hin und begann Vorträge zu halten: „Den sehenden die Augen öffnen.“ Das ist sein Credo.

Für die einen mag es ironisch, gar makaber oder überheblich klingen, für die anderen vollkommen logisch. Blinde Menschen kompensieren die fehlende Sehkraft häufig mit einem ausgeprägten Gehör. Natürlich „sehen“ sie die Dinge auch vollkommen anders, haben ein anderes Gespür für bestimmte Situationen. Andy Holzer spürte, dass da mehr sein muss in seinem Leben, dass er mit seiner Zeit mehr anfangen kann und ein einzigartiges Potenzial in ihm schlummert.

Andy 2010 auf dem Mount Everest
Bildcredit: Andreas Scharnagl

Rückschlag Anfang 2019

Nach seinen fehlgeschlagenen Versuchen, den Mount Everest zu erklimmen, sagte ihm ein Freund: „Cool, dass du wieder gescheitert bist. Das gehört jetzt zu deiner Geschichte.“ Holzer stimmte zu. Er sei ein Steh-Auf-Charakter.

Das half ihm auch nach einem herben Schicksalsschlag im Januar 2019. Bei einem Unfall während des Heimwerkens verletzte er sich schwer. Sein rechter Zeigefinger musste amputiert werden. Unterkriegen lässt er sich davon nicht, ganz im Gegenteil. Seine leidenschaftliche Hingabe für Outdoor-Abenteuer bleibt. Holzer reagiert mit seinem gewohnten Pragmatismus. Seit dem Unfall habe es in seinem Leben mindestens wieder 30 Gewinne gegeben. Er habe das Gewinner-Gefühl in sich und nicht das Verlierer-Sein.

Eine Sache hat der Sportler zweifelsohne mitgenommen: Sein Durchsetzungsvermögen. Er lacht herzlich im Gespräch und sagt: „Gewinnen ist einfach geil.“  

Andy 2010 mit seinen Mitstreitern auf dem Mount Everest
Bildcredit: Andreas Scharnagl