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Find the Balance // 25.07.2022

Find the Balance - Workations: Urlaub + Arbeit = Ärger?

Bildcredit: Messe München
Autor:
Martin Jahns

Arbeiten am Strand, auf der Berghütte oder als Metropolen-Hopping. Workations verbinden Arbeit und Urlaub und werden immer gefragter. Firmen, Regionen und Tourismusanbieter reagieren mit flexiblen Angeboten. Doch der Trend steht noch auf wackligen Beinen: Die Gesetzeslage hinkt der New-Work-Realität hinterher. Von Führungskräften und Angestellten erfordern Workations neues Verantwortungsbewusstsein, damit aus dem Privileg kein Stimmungskiller wird.

Workation, also Arbeiten (Work) und Urlaub (Vacation) in einem, ist in aller Munde. Arbeiten vom Strand, Calls während der Bergwanderung – Workations machen es möglich. Durch den Home-Office-Boom während der Corona-Pandemie haben längst nicht mehr nur Selbstständige, Freelancer und Digital Nomads die weite Welt als Großraumbüro für sich entdeckt.

Dahinter verbirgt sich nicht etwa der wahrgewordene Turbokapitalismus-Albtraum der ständigen Erreichbarkeit im Urlaub, verpackt in einem neuen, zynischen Kofferwort. Im Gegenteil: Workations halsen keine Arbeit an einem Urlaubstag auf, sondern ermöglichen es, an einem Arbeitstag im Urlaub zu sein.

Zahlen zeigen: Die Nachfrage ist da

Sarah Siddle, Public Relations und Marketing Manager beim Reiseanbieter Holidu drückt es so aus: „Eine Workation ist der perfekte Weg, um einen längeren Zeitraum an einem Reiseziel deiner Wahl zu verbringen, ohne den Limitierungen des Jahresurlaubs zu unterliegen.“ Urlaubssperren? Städtetrips nur an langen Wochenenden, um Urlaubstage zu sparen? Hier bringen Workations neue Flexibilität. Statt nach dem Arbeitstag auf dem heimischen Sofa in der bekannten Umgebung zu versacken, locken neue Eindrücke und Begegnungen.

Das Konzept kommt an. Laut der Expedia-Studie „Work from Here“ aus dem Jahr 2020 wünschten sich in den USA 74 Prozent der Angestellten, die remote arbeiteten, dass sie für einen Tapetenwechsel auch an einem Urlaubsort arbeiten können. In Deutschland waren es immerhin 49 Prozent der Angestellten im Home Office.

In der Studie „Travel Trends 2021“ der Strategie- und Marketingberatung Simon-Kucher & Partners zeigten sich 42 Prozent der Deutschen offen dafür, in naher Zukunft eine Workation anzugehen.

Wer Workations anbietet, wird attraktiver

Kein Wunder, dass gerade bei jungen Fachkräften die Möglichkeit fürs Arbeiten von überall zum Faktor bei der Wahl des Arbeitgebers wird. Unter den Befragten einer Studie des Fachportals Workation.de unter Berufstätigen gaben 62 Prozent an, dass es für sie bei der Jobwahl entscheidend sei, ob der Arbeitgeber Workations anbietet.

Demnach bevorzugten 51 Prozent der Befragten einen Arbeitgeber, der im Arbeitsvertrag eine Workation anbietet, nur 38 Prozent würden demgegenüber ein höheres Gehalt vorziehen.

Die Unternehmen reagieren: Immer mehr Global Player wie Airbnb, SAP oder Deloitte bieten ihren Angestellten inzwischen das Arbeiten von überall an. Vodafone Europa erlaubt immerhin 20 Arbeitstage im Jahr aus einem beliebigen EU-Land.

Satya Nadella, CEO von Microsoft, sagte zum sich verändernden Arbeitsmarkt: „Im vergangenen Jahr hat sich kein Bereich so schnell verändert wie die Art und Weise, wie wir arbeiten. Die Erwartungen der Angestellten ändern sich, und wir müssen die Produktivität viel breiter definieren - einschließlich der Aspekte Zusammenarbeit, Lernen und Wohlbefinden. Wichtig ist Flexibilität bei den Fragen, wann, wo und wie die Menschen arbeiten.“

Workation-Vorteile: Community, Netzwerken und Austausch

Neben der Attraktivität als Arbeitgeber im Wettlauf um die besten Talente bringen Workations mit neuen Ideen und Networking-Möglichkeiten abseits der üblichen Pfade weitere Vorteile für Unternehmen. Und: Koordinierte Workations können als Teamevents für mehr Schwung und Zusammenhalt sorgen.

„Ob im Coworking-Space, als Team-Urlaub oder in neu zusammengewürfelten Gruppen – bei der Workation oder auch Coworkation geht es vor allem um Community, Netzwerken und Austausch“, sagt Veronika Engel vom Standortmarketing für den Landkreis Miesbach, wo sie unter anderem den Verein CoworkationALPS betreut.

Ein Privileg mit Konfliktpotenzial

Allerdings gibt es auch Fallstricke für Angestellte und Unternehmen: Koordinierte Workation-Programme erfordern einen hohen Planungsaufwand. Sind vor Ort Steckdosen vorhanden? Sind Adapter nötig? Gibt es eine stabile Internetverbindung und VPN? Oder scheitert es schon an einem Schreibtisch?

Um Frust auf beiden Seiten zu vermeiden, muss zudem die Arbeitsweise im Vorfeld geklärt sein: Wann ist Arbeits-, was Urlaubszeit? Welche Calls und Meetings sind Pflichttermine und wie verlaufen, gerade zwischen unterschiedlichen Zeitzonen, Eskalations- und Feedbackschleifen möglichst zeitsparend und reibungslos? Die Antworten auf diese Fragen bestimmen letztlich darüber, ob das Konzept Workation im Einzelfall wirklich funktioniert, oder ob es in die Extreme Ineffizienz oder Non-Stop-Arbeitstag entgleist. Bei mehreren Workation-Anfragen lohnen sich deshalb standardisierte Prozesse und einheitliche Regeln.

Und: Workations sind ein Privileg, das längst nicht jedem vergönnt ist. In Handwerk, Produktion oder Dienstleistungsberufen führt in der Regel kein Weg an der Präsenzpflicht vorbei. Auch für Angestellte mit Kindern oder Pflegebedürftigen im Umfeld sind Workations häufig ein Ding der Unmöglichkeit. Diesen Daheimgebliebenen sollten Führungskräfte in Unternehmen, die Workation-Programme anbieten, Kompensationsmöglichkeiten anbieten, um Konflikten vorzubeugen.

Organisatorischer Aufwand: Workations machen Arbeit

Ganz zu schweigen von Steuer- und Sozialversicherungsfragen: Während etwa EU-Bürger*innen innerhalb der EU für kurzfristige Workations weitestgehend flexibel sein können, hängt der Sozialversicherungsstatus in Nicht-EU-Gebieten von Abkommen zwischen den einzelnen Staaten ab.

Bei längerfristigen Workation-Plänen sollte auch vor einer Zusatzvereinbarung zum Arbeitsvertrag nicht zurückgeschreckt werden. Aber: Bei einem dauerhaften Aufenthalt im Ausland könnte selbst die schon nicht mehr ausreichen. Wo Workation aufhört und Home-Office mit Wohnsitz im Ausland anfängt und welche rechtlichen Anforderungen der jeweilige Status mit sich bringt, ist häufig von Staat zu Staat unterschiedlich.

Kein Wunder, dass gerade mittelständische Unternehmen vorsichtshalber nach dem Motto „Wer nichts macht, macht nichts verkehrt“ verfahren und Workations oder Remote Work im Ausland gar nicht erst gestatten. Andere, wie etwa Elon „Sie sollen woanders so tun, als würden sie arbeiten“ Musk, halten aus Prinzip nichts von Remote Work. Beim Blick auf die obigen Studienergebnisse ein Wettbewerbsnachteil.

Immerhin: Besserung ist in Sicht. Die Popularität von Workations sorgt laut dem Personaldienstleiter Haufe weltweit zunehmend für Präzedenzfalle. Rechtliche Leitplanken seien demnach schon in Kürze zu erwarten.

Chance für die Tourismusbranche

Zudem haben sich inzwischen zahlreiche Tourismusanbieter und Regionen auf den Workation-Run vorbereitet und bieten Unterkünfte und Co-Working-Spaces an, die allen Arbeits- und Urlaubsansprüchen gerecht werden.

CoworkationALPS etwa bietet in Bayern, Österreich und Italien 22 Coworkation-Locations an und trifft damit einen Nerv. „Vor allem ländliche Gebiete mit der Möglichkeit, Zeit in der Natur zu verbringen, sind sehr gefragt“, sagt Jurriën Dikken vom Europäischen Tourismus Institut (ETI).

Auch für die in den Corona-Jahren gebeutelten Hotel- und Gasthofbesitzer ist das eine Chance abseits der Hauptsaison. „Tourismusanbieter rivalisieren um ein begrenztes Zeitbudget pro Jahr. Coworkation ist prinzipiell ein ‚365 Tage-Ding‘ – somit ergibt sich das Marktpotenzial allein schon mathematisch“, so Georg Gasteiger, Inhaber des Mesnerhof-C in Tirol, der seinen Hof als Mitglied von CoworkationALPS ebenfalls für Workation-Aufenthalte anbietet.

Island bietet Workation-Interessierten an, ohne große bürokratische Hürden bis zu 180 Tage im Jahr auf dem Inselstaat remote arbeiten zu können. Das Emirat Ras Al Khaimah in den Vereinigten Arabischen Emiraten vergibt bis zu zwölf Monate gültige Workation-Visa und bietet Rabatte für Langzeit-Hotelaufenthalte und Mietwagen an.

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Ranking: Bangkok die attraktivste Metropole

Der internationale Reiseanbieter Holidu hat in einem Ranking die besten Workation-Destinationen nach Kriterien wie den Remote-Arbeitsbedingungen, der Zahl von Co-Working-Spaces und Lebenserhaltungskosten zusammengestellt.

Hier stehen mit Bangkok und Neu-Delhi zwei asiatische Städte an der Spitze. Gefolgt von den südeuropäischen Co-Working-Paradiesen Lissabon und Barcelona. „Alle Städte, die es auf die vorderen Plätze geschafft haben, haben dies vor allem aufgrund ihrer sehr erschwinglichen Lebenshaltungskosten geschafft, wobei die Preise für Unterkunft, Essen und Getränke äußerst attraktiv sind", so Siddle. "Darüber hinaus sind diese Städte auf ihre Weise kulturelle Hotspots, die alle eine Reihe von beeindruckenden Sehenswürdigkeiten und Aktivitäten bieten.“

Top 10: Die attraktivsten Städte für Workations laut der Holidu-Studie:

  1. Bangkok, Thailand
  2. Neu-Delhi, Indien
  3. Lissabon, Portugal
  4. Barcelona, Spanien
  5. Buenos Aires, Argentinien
  6. Budapest, Ungarn
  7. Mumbai, Indien
  8. Istanbul, Türkei
  9. Bukarest, Rumänien
  10. Phuket, Thailand

Die Arbeitsweise der Zukunft

Ob nun auf dem idyllischen Alpenhof oder im Co-Working-Wolkenkratzer: Workation ist gekommen, um zu bleiben. Airbnb-CEO Brian Chesky ist sich sicher, dass Remote Working und flexible Arbeitsorte “der bevorzugte Weg sein wird, wie wir in zehn Jahren arbeiten“.

Damit davon sowohl die Globetrotter als auch die Daheimgebliebenen profitieren, ist für Führungskräfte, Personalabteilungen, Politik und Gerichte aber noch viel zu tun.

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Martin Jahns
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