Unterschiedliche Laufradgrößen bei Mountainbikes

So verbinden Mullet Bikes die Vorteile von 29ern und 27,5 Zoll

Neue Standards sind in der Bike-Industrie keine Seltenheit. Erst sieht man sie flüchtig beim Gang durch die Boxengasse vor einem Rennen, dann werden sie von Pros und Medien inszeniert, etablieren sich zunehmend als Serienbikes und irgendwann ist aus dem einstigen Trend ein unverzichtbarer Standard geworden.

Einen der neuesten Trend Mulletbikes mit „hybriden Laufraddimensionen“ haben wir bei einem Test am Gardasee genauer unter die Lupe genommen.

Vorne ein großes hinten ein kleines Laufrad. Mullet- oder Hybrid-Bikes wie hier das Alutech Fanes“ love or hate“ sind im Kommen.

Die Idee, vorne ein großes und hinten ein kleineres Laufrad zu fahren, kommt aus dem Motorcross und setzt sich nun auch immer mehr im MTB-Segment durch.

Selbst im UCI Downhill Worldcup fahren immer mehr Piloten mit 29 Zoll an der Front und 27,5 am Heck.

Höchste Zeit für uns, im Selbstversuch die Vor-und Nachteile dieser Konstruktion zu ergründen.

Um sein 27,5-Bike umzurüsten, benötigt man folgende Komponenten:

-Eine 29er Gabel mit 44 mm oder 51mm Offset und in unserem Falle 160mm Hub
-Einen Rahmen dessen Geometrie auf die höhere Bauhöhe der Front ausgerichtet ist (die 29er-Gabel ist etwa 2cm höher als vergleichbare 27,5-Gabel)
-Ein 29er-Laufrad mit entsprechender Bereifung.

Die Norddeutsche Kult-Bike-Schmiede Alutech, unter Bike-Pionier Jürgen Schlender, gehört (noch) zu einer der wenigen Brands, die ein solches Bike unter dem Namen „Love or Hate“ als Komplettbike anbieten.

Daher lag es für uns nahe, mit einer Custom Version des neuen Enduros Fanes 6.0 diesen Test umzusetzen. Die Firma Newman von Ex-Liteville Chef Michael Grätz unterstützte unser Vorhaben mit den entsprechenden Laufrädern (Evolution A.30), denn anders als bei vielen anderen Herstellern, verkauft Newman sowohl einzelne Laufräder als auch Sets mit unterschiedlichen Durchmessern. Die skandinavischen Suspension Spezialisten von Öhlins statteten uns für den Test mit der neuen 29er Gabel RXF 36 Evo aus.

Für unseren Vergleichstest statteten uns die Komponentenexperten von Newman mit dem Al 30 Laufradsatz aus. Dieser ist sehr leicht und verfügt trotzdem über ein hohes Maß an Steifigkeit. Im Unterschied zu vielen anderen Marken, kann man hier separat auch e

Fakten:

Durch die höhere Bauhöhe der Gabel und den größeren Durchmesser der Laufräder wandert die Front nach oben und die Geometrie (also der Lenk- und Sitzwinkel) wird flacher.

In unserem Fall etwa 1 Grad flacher als beim 27,5er-Bike. Somit erhöht sich auch das Innenlager um etwa einen Zentimeter.

Unser Eindruck:

Nach dem Promenaden-Shooting ging es auf dem durchnässten Naranch Trail oberhalb von Torbole ans Eingemachte: Neben flowigen Trailabschnitten gibt es hier auch ruppige Rockgarden-Passagen, in denen wir uns einen ersten Eindruck vom Fanes „Love or hate“ machen konnten.

Bergauf bewirkt der flachere Lenk und Sitzwinkel ein etwas trägeres Uphill-Verhalten, jedoch ohne den Vortrieb zu stark zu beeinträchtigen. In Trailabschnitten, in denen Anstiege und Abfahrten im schnellen Wechsel aufeinander treffen (z.B. an den Isartrails in München), ist dieser Unterschied am deutlichsten zu spüren. Hier muss jeder für sich selbst entscheiden, ob die Zeit der Gegner ist (dann empfehlen wir eher ein leichtes AM oder XC 29er Bike), oder ob eher der Weg das Ziel ist.

Hier der Größenunterschied: Beim Hybriden (mit 29er-Vorderrad) wandert das Cockpit etwa 2cm nach oben. Das kleinere 27,5-Vorderrad ist deutlich kleiner und somit wendiger.

Seine Vorteile spielt das Mulletbike definitiv auf der Abfahrt aus: Durch das große Vorderrad, die flachere Geometrie und das damit verbundene bessere Überrollverhalten meistert man steilste Wurzelteppiche und Geröllfelder wesentlich souveräner. Die größere Kontaktfläche des 29er Reifens bringt ein Plus an Traktion. Insgesamt hat man das Gefühl auf einem 29er unterwegs zu sein. Doch im Gegensatz zum 29er-Bike, bei dem man einfach einen Punkt am Ende der Schlüsselstelle bergab anvisiert und draufhält (Point and Shoot), ermöglicht das flinke kleinere Hinterrad am „Love or hate“ eine wesentlich agilere Downhillperformance mit der Option auf schnelle Richtungswechsel und Spielereien, wie ein Scandinavian Flick. Das Alutech bügelte derart souverän über alle Hindernisse, schlängelte sich durch verwinkelte Serpentinen und hinterließ in flowigen Abschnitten viel Euphorie beim Piloten.

Ehrlich gesagt, hatten wir nach unserem zweitägigen Test nur wenige Argumente an der Hand, die gegen einen Hybridaufbau bei einem Enduro sprechen würden.

Da die Newmann AL 30 SL Laufräder für ein Alu-Laufrad sehr leicht sind und gleichzeitig eine hohe Seitensteifigkeit aufweisen, hält sich das Mehrgewicht des Vorderrades und die damit verbundene höhere Massenträgheit in Grenzen, was die Uphill-Performance positiv beeinflusst.

In flowigen, kurvigen Trailabschnitten spürt man das Plus an Wendigkeit durch das kleinere Hinterrad im Vergleich zum reinen 29er.

Fazit:

Beeindruckendes Gesamtbild, geprägt von hervorragenden Bergab-Fahreigenschaften im Vergleich zum klassischen 27,5-Bike. Die leichten Abstriche bei der Uphillperformance nehmen Gravitybiker gerne in Kauf. Vortriebshungrige Höhenmeter-Sammler finden effizientere Klettereigenschaften bei gleichgroßer Laufraddimension vorne und hinten.

Im Vergleich zum 29er Enduro ist das Mulletbike deutlich agiler und hat ­– durch das kleinere Laufrad am Heck – eine bessere Übersetzung bei steilen Uphill-Rampen

Unser Tipp:

Wer sich sein Bike mit einer 29er Gabel umgerüstet hat, kann durch ein zusätzliches vorderes Laufrad (in 27,5) jederzeit von Hybrid auf klassisch 27,5 switchen und somit je nach geplanter Strecke das Optimum für sich wählen. Vorausgesetzt die Rahmengeometrie und der Bike-Hersteller lassen dies zu.

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