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Denis Kuvaev/Canva Pro
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Sportbusiness/25.06.2024

Paris 2024: Wie nachhaltig können Olympische Spiele sein?

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Die Olympischen Sommerspiele in Paris 2024  wollen ihre Nachhaltigkeit mehr als jemals zuvor unter Beweis stellen. Die Ambitionen sind da, der Druck auch. Aber was bleibt am Ende tatsächlich übrig und wo wird ein wenig zu sehr durch die grüne Brille geschaut?

Sportgroßveranstaltungen haben eine unvergleichbare Kraft. Sie lösen unfassbare Euphorie aus, Nationen feiern und verbinden sich, für eine kurze Zeit scheint die Welt stillzustehen und die Menschen vergessen ihre Sorgen, Ängste und Nöte. Gänsehaut beim Zuschauen, goldene Momente für die Ewigkeit erleben. Wer schon mal das Glück hatte, dort dabei gewesen zu sein, kann das nachvollziehen. 

Das größte Sportevent auf diesem Planeten sind die Olympischen Sommerspiele. Vom 26. Juli bis 11. August werden in Paris insgesamt rund 11.200 Athlet*innen erwartet, knapp 10 Millionen Tickets stehen für 329 Entscheidungen zur Verfügung. Zum Vergleich: Vor 100 Jahren haben die Spiele ebenfalls in der französischen Hauptstadt stattgefunden. Damals traten “nur” knapp 3000 Athlet*innen an, die an 126 Wettkämpfen teilgenommen haben. Rund 100 Journalist*innen haben damals über die Spiele berichtet.

Die Herausforderungen bei heutigen Veranstaltungen sind riesig. Das IOC (Internationale Olympische Komitee) als Veranstalter der 33. Olympischen Sommerspiele hat sich ambitionierte Ziele auferlegt. Für Gleichberechtigung will man stehen, inklusiv sollen die Spiele sein und im Hinblick auf Nachhaltigkeit will man neue Standards setzen. Das muss man auch, denn vorbei sind Zeiten, in denen Organisatoren bei Sportveranstaltungen durch Metropolen pflügen, diese kurzfristig aufblühen lassen, am Ende aber häufig nur unfruchtbare und zerstörte Hektar zurücklassen. 

Da passt es ganz gut, dass das IOC mit Paris auf eine Millionenmetropole trifft, die sich längst nicht mehr alles gefallen lässt und seit einigen Jahren Impulse setzt, um sich Lebensqualität zurückzuholen. Das Bewusstsein, den ökologischen Fußabdruck globaler Veranstaltungen zu reduzieren, war nie größer. Die Notwendigkeit dringender denn je. Wie also wollen sich die Organisatoren dort einreihen und welche Wege werden im Hinblick auf Nachhaltigkeit beschritten?

Grand Palais in Paris 2024: Ikonischer Austragungsort, modernisiert für die Olympischen Spiele, mit nachhaltigen Verkehrsanbindungen und beeindruckender Architektur.
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Mirco Magliocca/Paris Press 2024

Reduktion des CO₂-Fußabdrucks ist das ganz große Ziel

Geht es nach den Organisator*innen von Paris 2024, so soll der CO₂-Ausstoß im Vergleich zu früheren Veranstaltungen wie London 2012 (3,4 Millionen Tonnen) und Rio de Janeiro 2016 (3,6 Millionen Tonnen) mehr als halbiert werden. Während der Wettkampftage und durch den Bau neuer Wettkampfstätten und Einrichtungen für die Aktiven möchte Paris seinen CO₂-Fußabdruck auf maximal 1,6 Millionen Tonnen beschränken. Zum Vergleich: Berlin emittiert jährlich zirka 15 Millionen Tonnen CO₂. 

Um sich am Ende als klimaneutrale Spiele darstellen zu können, sollen die Emissionen, die nicht vermieden werden können, z.B. durch umweltfreundliche Projekte wie Aufforstung ausgeglichen werden. Das ist gut. Klar ist aber auch: “CO₂-Kompensation wird den Klimawandel nicht aufhalten”, sagt Klimaforscher Roger Pielke. Technischer Fortschritt und politische Entscheidungen hingegeben schon. Beide stehen in Paris auf der Agenda. Dennoch, Fakt ist auch:  Sportgroßveranstaltungen produzieren große Mengen an CO₂.

Weniger Neubau, mehr Bestand nutzen

Dieses Konzept hat bereits bei den European Championships 2022 in München für Applaus und Akzeptanz gesorgt. Ganz so vorbildlich geht Paris nicht vor, aber ein Umdenken findet statt. Der bauliche Fußabdruck soll begrenzt werden, indem zu 95 Prozent auf vorhandene und temporäre Infrastruktur zurückgegriffen wird. Schließlich bietet die Stadt an der Seine bereits viele Möglichkeiten und grandiose Kulissen. Neu gebaut werden lediglich das Wasserzentrum “Aquactis Centre” (Schwimm- und Wassersprungwettbewerbe), die Sportarena “Porte de La Chapelle” (Badminton und rhythmische Sportgymnastik) und das Olympische Dorf im ärmsten Pariser Vorort Seine-Saint-Denis. Das Wasserzentrum soll zukünftig Kindern als Bildungseinrichtung zugutekommen, das Olympische Dorf soll zu einem belebten Wohnviertel umgebaut werden. Dass davon allerdings die unmittelbaren Anwohner*innen profitieren, bezweifeln einige.

“Die Apartments werden sich später hauptsächlich Leute von außerhalb kaufen – Anwohner*innen können sich Wohnungen für um die 7000 Euro pro Quadratmeter doch nicht leisten”, sagt Hamid Ouidir, Interessenvertreter der Anwohner des Olympischen Dorfes in St. Denis. Für die meisten Familien und Student*innen, für die das Dorf später primär vorgesehen ist, wird das jedenfalls ein schwerer Wettkampf. Übrigens wurde beim Bau des Olympischen Dorfs auf den Einbau von Klimaanlagen verzichtet, was die Athlet*innen sicherlich weniger freuen wird. Angesichts einer möglichen Hitzewelle kann das durchaus zu einem Thema während der Spiele werden.

Champions Park in Paris 2024: Nachhaltiger Austragungsort, erreichbar mit öffentlichen Verkehrsmitteln, und umgeben von neuen grünen Flächen.
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Florian Hulleu/Paris Press 2024

Harte Kritik und sanfte Mobilität

Zumindest besteht der Wille, alle 41 Wettkampfstätten mit 100 Prozent erneuerbaren Energien zu nutzen. Allerdings darf die Frage erlaubt sein, warum man für die Surfwettbewerbe nach Tahiti, auf die größte Insel Französisch-Polynesiens, gehen muss? Natürlich muss man nicht gleich eine künstliche Surfwelle bauen, wie derzeit vielerorts dem innerstädtischen Surf-Trend nachgekommen wird. Nach Angaben der Organisator*innen sei Teahupo’o die nachhaltigste Option gewesen, da die meisten Teilnehmer*innen an den Surf-Wettbewerben aus Ozeanien oder Nordamerika stammten und dementsprechend die Anreise deutlich kürzer als nach Mitteleuropa sei.

Dass dort aber jetzt ein neuer Turm für die Wertungsrichter*innen einen bestehenden Holzturm ersetzen soll, inmitten eines Korallenriffs, sorgt für einen heftigen Konflikt mit Umweltschützer*innen und Bewohner*innen. Diese fühlen sich übergangen. Im Gegensatz dazu scheint das Konzept in Paris selbst aufzugehen. Alle Austragungsorte werden mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar sein, 80 % liegen in einem Umkreis von 10 km und weniger als eine halbe Stunde vom Olympischen Dorf entfernt. Schon ein Jahr vor Beginn der Spiele hat Paris außerdem damit begonnen, in der Stadt Parkplätze abzuschaffen und den dadurch gewonnenen Raum in grüne Flächen zu verwandeln. Zudem wird Paris neue Tempolimits auf der Stadtautobahn einführen und Reisebusse aus dem Zentrum verbannen. Neue Fahrradwege wurden geschaffen. Davon profitiert die Stadt nachhaltig. Dass für den Transport der Offiziellen klimafreundliche Fahrzeuge eingesetzt werden, ist schön, aber auch irgendwie erwartbar.

Surfwettbewerbe in Tahiti: Konflikte um neuen Turm im Korallenriff trotz Fokus auf Nachhaltigkeit. Paris setzt auf umweltfreundliche Verkehrslösungen für die Olympischen Spiele.
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thomas Ashlock/Unsplash.com

Mehr Trinkbrunnen, weniger Fleisch

Während der Spiele werden 13 Millionen Mahlzeiten für Athlet*innen, Offizielle, Freiwillige und Zuschauer*innen serviert. Hier wird auf nachhaltige, fleischarme Kost mit lokalen und saisonalen Produkten sowie lokale Partner*innen gesetzt. Ziel ist es, die Lebensmittelverschwendung sowie den Abfall während der Veranstaltung so gering wie möglich zu halten. Das angestrebtes Ziel ist, die Menge an Einwegplastik, das während der Spiele verwendet wird, zu halbieren. Ganz ohne geht es also nicht. Aber durch die Wiederverwendung von Trinkflaschen und den Bau von Trinkwasserbrunnen soll das Ziel erreicht werden. Und wenn die Trinkwasserbrunnen auch außerhalb der Sportstätten und über die Spiele hinaus Verwendung finden, dann hilft das der ganzen Stadt nachhaltig.

Vermächtnis für nachfolgende Generationen

Mit dem Versprechen “Saving the Seine”, die Seine so sauberzumachen, dass man wieder darin schwimmen kann, hat die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo vor sieben Jahren das Rennen um die Olympischen Spiele gewonnen. Das Flusswasser der Seine zu säubern, ist das wohl aufwendigste Projekt dieser Spiele, denn Jahrzehnte war der Fluss die reinste Kloake. Bei der Eröffnungsfeier am 26. Juli, die erstmals nicht in einem Stadion stattfindet, wird es eine Schiffsparade über eine strahlend blaue Seine geben. Damit will man der ganzen Welt zeigen, was man in Paris möglich gemacht hat. Ganz nebenbei möchte man auch, dass bei dieser Veranstaltung die Bewohner*innen der Stadt dabei sein können. Erwartet werden rund 400.000 Menschen. Freiwasserschwimmen und das Schwimmen im Triathlon sind im Fluss geplant. Im März wurde das Wasser der Seine offiziell zum Schwimmen freigegeben. Dutzende Naturwasserschwimmbäder sind jetzt geplant. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron zeigt sich euphorisch: “Wir sind dabei, eine der schönsten Erbschaften der Olympischen und Paralympischen Spiele zu verwirklichen.” Es bleibt der Stadt zu wünschen, dass sich alle diese Ziele am Ende auch umsetzen lassen. Eine Seine, in der man auch im nächsten Sommer noch baden kann. Dann werden sich wieder mehr Bürger*innen in die Stadt der Liebe verlieben und das wäre der wohl nachhaltigste Gewinn dieser Olympischen Spiele.

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