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Ich möchte lieber tanzen als an der Bar rumstehen

Extrembergsteiger Jost Kobusch ist 26 Jahre alt

Als Kind konnte er nicht vom Dreimeterbrett springen, heute ist Jost Kobusch Extrembergsteiger. Der 26-Jährige besteigt die höchsten Gipfel der Welt – allein und ohne Sauerstoff. Zurzeit bereitet er sich auf eine Solobesteigung des Mount Everest vor, allein und im Winter. Das hat vor ihm noch keiner geschafft. Hier erklärt der Bielefelder, warum Angst ein guter Antrieb sein kann, wie man auch aus kleinen Abenteuern lernt, und welche Tipps er für uns Normalbergsteiger hat

 


Deine Entwicklung als Bergsteiger ist fast unwirklich schnell verlaufen. Du kommst aus dem Flachland, aus Nordrhein-Westfalen, warst mit 17 zum ersten Mal auf der Zugspitze …
… damals übrigens noch mit der Bergbahn …

und warst dann vier Jahre später der jüngste Solo-Bezwinger der 6.814 Meter hohen Ama Dablam. Ihr Gipfel gilt als einer der schwierigsten überhaupt.
Im Rückblick sehe ich, dass da ganz viel "lern oder stirb" dabei war. Ich habe Sachen gemacht, für die ich nicht bereit war, für die ich nicht genügend Erfahrung hatte. Und häufig hat es ja auch nicht funktioniert. Ich bin oft auf die Schnauze geflogen. Aber gerade deswegen habe ich auch richtig viel gelernt.

Wieso hast du dich immer wieder überfordert?
Mich haben schon immer die Dinge gereizt, vor denen ich Angst hatte. Das hat dazu geführt, dass der Weg sehr schnell sehr steil wurde – ich habe mir einfach immer mehr Sachen gesucht, vor denen ich mich gefürchtet habe.

Ist Angst wirklich ein guter Antrieb in den Bergen?
Die Angst selbst sicher nicht. Aber der richtige Umgang damit. Ich hatte früher in der Schule sogar Probleme, vom Dreimeterbrett zu springen. Ich bin dagestanden, die ganze Klasse hat zugeschaut und ich bin immer wieder rückwärts die Leiter hinuntergestiegen. Im Prinzip war mir das egal. Aber ich hatte das Gefühl, dass mich meine Furcht einschränkte. Also habe ich voll attackiert, bin immer wieder hoch, habe mich der Angst gestellt. Und dieses Gefühl, wenn du dich der Angst gestellt und sie bezwungen hast, das macht süchtig.

Jost Kobusch am Berg Nangpai Gosum II im Himalaya
Jost Kobusch am Nangpai Gosum II. Er ist der Erste, der den Berg auf der chinesisch-nepalesischen Grenze bestiegen hat
Bildcredit: Jost Kobusch

Wer das Erlebnis genießt, erreicht leichter den Gipfel

Wann hast du gemerkt, dass das Bergsteigen dein ganzes Leben bestimmen wird?
Der entscheidende Moment war sicher die Lawine im Everest Basecamp, im April 2015. Es gab 18 Tote. Ich war fest überzeugt, dass ich sterben würde. Das zu überleben, war wie eine Wiedergeburt. Und zum ersten Mal konnte ich klar sehen, was ich will: Bergsteigen, alles ausprobieren, so leben, als könnte es morgen vorbei sein.

Andere hätten nach so einem Erlebnis vielleicht eher mit dem Bergsteigen aufgehört... 
Bei mir ging es um etwas Anderes. Ich dachte immer, man muss studieren. Ich war ja gut in der Schule und hatte all diese Möglichkeiten. Ich dachte, es ginge darum, einen guten Platz in der Gesellschaft zu finden. Damals wollte ich noch irgendwelchen Erwartungen gerecht werden. Aber in der Lawine wurde mir klar, dass ich mein Leben so leben möchte, dass ich nichts bereuen muss.

Damals warst du der junge Wilde, der volles Risiko geht. Wann hat sich das geändert?
Der Wendepunkt für mich war ganz klar die Annapurna, ein Jahr nach den Ereignissen am Everest. Dieser Berg ist mit seinen knapp 8.100 Metern so riesig und menschenfeindlich – es herrscht oft eine extreme Lawinengefahr und er ist auch alpinistisch eine echte Herausforderung. Auf dieser Expedition hat sich mein Risiko-Mindset komplett verändert. Davor habe ich die Berge immer als Sportplatz betrachtet und mich obendrein unbesiegbar gefühlt. Die Annapurna hatte zu der Zeit eine Todesrate von 33 Prozent. Ich habe beim ersten Blick auf den Berg die reale Gefahr gespürt und zum ersten Mal wirklich Demut erfahren. Damals habe ich angefangen, den Gipfel als Bonus wahrzunehmen.

Am Ende des Tages steigst du nur auf irgendeinen bedeutungslosen, eisbedeckten Steinhaufen. Deshalb musst du deinem Projekt selber eine Bedeutung geben. Eigentlich geht es doch darum, deinem Leben eine Richtung zu geben. So zu leben, dass du nichts bereust

Der Weg ist das Ziel und der Gipfel nur noch Zugabe?
Ganz so ist es nicht. Ich will schon ganz nach oben, für alles andere bin ich viel zu sehr Dickkopf. Aber es muss nicht immer sofort und um jeden Preis sein. An der Annapurna war ich jederzeit bereit, umzudrehen. Ich habe mir keinen Druck gemacht und jeden Schritt genossen. Dadurch war ich super entspannt und es ging ganz locker von der Hand.

Wobei es auch für Dich nicht einfach war, den Gipfel zu besteigen.
Klar, der erste Versuch hat nicht funktioniert. Zuviel Wind, zu kalt. Aber ich bin ganz entspannt im Basecamp gewesen und habe zwei Wochen gewartet. Alle anderen haben gezittert, gebangt und jeden Tag auf den Wetterbericht gestarrt. Mir war das ehrlich gesagt egal. Und deshalb hatte ich für den zweiten Aufstieg noch so viele mentale Ressourcen übrig. Ich fand es einfach cool, dass ich dort sein konnte.

Zustieg zur Route am Berg Nangpai Gosum II
Was Jost Kobusch auf den höchsten Bergen der Welt erlebt, kann im Kleinen jeder für sich erfahren: Sich selbst herausfordern und weitermachen, auch wenn es nicht sofort klappt
Bildcredit: Raphael Schardt

Lieber selbst auf den Berg gehen, als die Seilbahn nehmen

Wer das Scheitern zulässt, kommt höher hinaus?
Auch hier geht es um den Blickwinkel. Ich scheitere ja gar nicht, ich habe es nur noch nicht geschafft. Weil ich weiß, dass ich irgendwann wiederkomme. Ich weiß, dass ich es so lange versuche, bis ich Erfolg habe.

Warum sind konkrete Ziele, wie der Gipfel, wichtig?
Du tust dir da oben ja auch unglaubliches Leid an. Und um das zu ertragen, braucht man schon ein Ziel. Übrigens ist es erst einmal das Schlimmste, wenn du dein Ziel erreichst. Denn damit tötest du es. Aber am Ende des Tages steigst du nur auf irgendeinen bedeutungslosen, eisbedeckten Steinhaufen. In ein paar Jahren interessiert keinen mehr, was du gemacht hast. Deshalb musst du deinem Projekt selber eine Bedeutung geben. Eigentlich geht es doch darum, deinem Leben eine Richtung zu geben. So zu leben, dass du nichts bereust.

Du bist alleine und ohne Hilfsmittel unterwegs, „by fair means“, wie es am Berg heißt. Bei uns nutzen immer mehr Menschen die Infrastruktur im hochalpinen Raum oder fahren mit E-Bikes den Berg rauf. Was hältst Du von dieser Einstellung?
Ich habe überhaupt nichts gegen E-Bikes. Es muss jeder selbst entscheiden, wie er sich am Berg bewegt. Viel schlimmer finde ich, dass immer mehr Seilbahnen gebaut werden, um immer mehr Menschen auf die Berge zu bringen. Ich glaube, da geht viel verloren. Für die Natur ist es nicht gut und für das Erlebnis des Einzelnen auch nicht.

Jost Kobusch hat eine Lawine am Everest Basecamp überlebt
Jost Kobusch möchte nicht nur Gipfel besteigen. Es ist ihm vor allem wichtig, die Welt mit der Begeisterung eines Zwölfjährigen zu entdecken und sich etwas Spielerisches zu bewahren 
Bildcredit: Ben Breuer

Die Berge sind ein riesiger Spielplatz

Erlebt man mehr, wenn man aus eigener Kraft unterwegs ist?
Natürlich. Vor allem aber lernt man auch etwas über sich selbst. Wenn du dir immer wieder neue Herausforderungen suchst und dabei auch mal an deine Grenzen gehst, dann merkst du ziemlich schnell, wie du mit Extremsituationen umgehst und welcher Typ du bist.

Was können wir normalen Outdoor-Menschen daraus lernen?
Das gilt eigentlich immer: Ich möchte lieber tanzen, als an der Bar rumstehen. Sei aktiv, aber nicht verbissen. Geh an den Berg, um Spaß zu haben. Sportlicher Ehrgeiz ist schön und gut. Aber viel wichtiger ist es doch, dieses spielerische Element freizusetzen. Stell dir einen Zwölfjährigen vor, der gerade die Welt entdeckt, und behalte so lange wie möglich die Begeisterung. Die Berge sind ein riesiger Spielplatz. Es gibt dort so viel zu entdecken, zu erleben und zu genießen. Und wenn man Spaß hat, setzt das ungeheure Energien frei und gibt einem neue Motivation.

Ist das ein Plädoyer für mehr Alpinismus im Kleinen?
Von mir aus. Es ist aber noch mehr. Mir geht es darum, Neues zu entdecken. Wage dich an unbekannte Dinge, geh auf Microadventures, mach Sachen, vor denen du Angst hast. Geh aus der Komfortzone raus, jag dir selbst einen kleinen Schrecken ein. Und du wirst sehen, dass sich alles viel intensiver anfühlt. Dass du unglaublich viel über dich selbst entdeckst, was du vorher nicht wusstest. Dafür muss man nicht den Everest besteigen – da reicht der Waxenstein vollkommen aus.