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Selbstgebaute Steinschleuder aus Eibenholz
Immer dabei

Die selbstgebaute Steinschleuder

  • Paul-Philipp Hanske
  • 19. Juni 2019
Credits Titelbild: Frank Stolle

Unser Autor nimmt auf jede Wanderung eine selbstgebaute Zwille mit. Damit kann er gegen Straßenschilder und auf Seen schießen – und ganz nebenbei ist sie ein wichtiges Instrument fürs Family Bonding


Als Vater von drei Söhnen – 7, 10 und 14 Jahre alt –  sehe ich dem Wochenende immer etwas ängstlich entgegen. Das Testosteron kann sich in der Wohnung stauen wie feuchte Sommerhitze vor einem Gewitter, gewaltige Entladungen sind in beiden Fällen die Folge. Da hilft nur eines: die Kinder auslüften, raus in die Natur. Das Problem ist nur, dass sie auf das Wort „Wandern“ so aggressiv reagieren wie auf den Satz: „Du hast Hunger? Im Kühlschrank steht eine Schale ‚Naschgemüse’!“ Also wurde der sonntägliche Ausflug umgelabelt. Statt Wandern sage ich jetzt: Expeditionen. Essenziell für die gute Laune dabei sind drei Dinge: so viele Kekse, dass jede halbe Stunde eine große Pause eingelegt werden kann. Ein Taschenmesser pro Kind, mit dem Stöcke angespitzt werden können. Vor allem aber die Steinschleuder, die ich mit ihnen gebaut habe.

Das Ergebnis ist keine einfache Schleuder – sondern eine präzise Waffe mit enormer Schussweite

Schon die Beschaffung der Materialien war ein Abenteuer. Ich wollte eine Astgabel aus Eibe, eines der härtesten heimischen Hölzer. Sie ist so zäh, dass im Mittelalter daraus Bögen gebaut wurden. Den Kindern leuchtete ein, dass die Schleuder nur aus Eibe sein kann. Dummerweise aber wachsen Eiben sehr verkrüppelt, so dass wir sehr lange durch sehr struppiges Gebüsch kriechen mussten, um die geeignete Astgabel zu finden. Für den Gummizug zerschnitt ich ein ultraelastisches orthopädisches Trainingsband. Die Tasche für den Stein besteht aus dem Leder einer alten Handtasche meiner Mutter. Das Ergebnis ist keine einfache Schleuder – sondern eine präzise Waffe mit enormer Schussweite.

Dann tönt ein lauter Glockenschlag durch den Wald und wir schauen uns alle etwas erschrocken an und rennen schnell weg

Die erste halbe Stunde der Wanderung verbringen wir dann damit, Steine zu sammeln. Möglichst rund und glatt müssen sie sein und etwa einen Zentimeter im Durchmesser haben. An Flüssen werden wir schnell fündig – weswegen sich unsere Wochenend-Wanderrouten vom Gebirge in Flussebenen verlagert haben. Dann das schießen, immer reihum. Als gute Ziele haben sich verschiedene Objekte erwiesen. Zum Beispiel die Stämme von Buchen. Viel besser als Fichten. Welche Befriedigung, wenn der Stein mit einem dumpfen Klang vom harten Buchenholz abprallt. Schön ist es auch, auf einen See zu schießen, den Stein auf seinem Scheitelpunkt aus den Augen zu verlieren und sehr viel später, ganz weit draußen, den Wasserkrater zu sehen. Am heroischsten aber finden ich und meine Söhne es, auf Straßenschilder zu schießen, etwa solche an Feldwegen. Kurz nach links und rechts schauen, schnell zielen, abfeuern. Dann tönt ein lauter Glockenschlag durch den Wald, wir schauen uns alle etwas erschrocken an – und rennen schnell weg. Mit dem Förster möchte sich der bewaffnete Arm unserer Familie dann doch nicht anlegen.