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Ich will gar nicht ankommen

Jost Kobusch beim Gipfel-Selfie am Amotsang

Jost Kobusch ist der derzeit vielleicht meistdiskutierte Bergsteiger der Welt. Manche sehen in ihm einen Pionier, der die Grenzen des Bergsteigens weiter verschieben könnte, andere einen lebensmüden Bergsteiger. Warum? Weil er im Winter 2019/2020 Solo den Mount Everest besteigen will. Ein „Instaview“ mit Jost Kobusch


Seit über einem Vierteljahrhundert war kein Bergsteiger mehr im Winter auf dem Mount Everest, Jost Kobusch  – aus Bielefeld  ist das egal, schon seit einigen Jahren denkt er über eine Winterexpedition auf den Everest nach, allein und ohne zusätzlichen Sauerstoff. Jetzt will er sie in die Tat umsetzen und zwar von Nordwesten durch das anspruchsvolle Hornbein Couloir.

„Wie kann er sich sowas ausdenken? Völliger Übermut“, sagen die einen; „Wagemutig, aber nicht unmöglich“, sagen die anderen. Er selbst sagt, „schon die 8000er Marke wäre ein Erfolg“. Für den Akklimatisationsprozess ist der 27-Jährige seit September 2019 im Himalaya. Kurz bevor Kobusch zu seinem ersten größeren Etappenziel innerhalb der Akklimatisierungsphase aufgebrochen ist, hat er einige Fragen per Instagram-Chat beantwortet. Hier findet ihr die Antworten des „Instaviews“:

Hier geht es zu Teil 2 des Instaviews: Ich hoffe, dass es gut geht

OutDoor Society: Du willst den Everest im Winter angehen. Die dezidierte Vorbereitung beginnt aber jetzt. Bist du die ganze Zeit allein?
Jost Kobusch: Ich akklimatisiere jetzt drei Monate. Die ersten paar Wochen war ich mit meinem Vater und meiner Schwester gemeinsam unterwegs, wir haben den Anapurnatrek gemacht. Jetzt gerade bin ich in einer Lodge in Koto und werde einen unbestiegenen 6000er, den Amotsang (6393m) in Angriff nehmen. Jetzt habe ich zwei Träger. Die werden mein Gepäck abladen, an einem Punkt, wo ich mein Basislager aufschlagen werde. Dann werde ich allein sein. Ich habe ein, zwei gute Bücher dabei, ein bisschen Musik. Ich habe mir von Netflix auf mein Handy ein paar Folgen Suits heruntergeladen, allerdings nicht zu viele. Letztendlich wird das sehr schnell aufgebraucht sein und dann werde ich sehr viel nachdenken, allerdings nur im Basecamp.

Screenshot Instagram
Screenshot aus dem Chat von Jost Kobusch und Claudia Klingelhöfer, die zu der Zeit in den Dolomiten unterwegs war
Bildcredit: Instagram Claudia Klingelhöfer

Und dann?
Sobald ich oben am Berg bin, bin ich in so eine Art Überlebensmodus. Es zählt der nächste Schritt, die nächste Pause, bei der ich was trinken kann, der nächste Zwischenstopp. Der Fokus ist auf viele kleine Details gerichtet. Ich bin wirklich sehr präsent in jedem einzelnen Moment und dadurch fühle ich mich auch nicht einsam. Wenn ich zurückkomme von dieser Expedition – in einem Monat, kommt meine Freundin und wir werden gemeinsam noch einmal Bergsteigen gehen. Anfang Dezember kommt der Fotograf an. Der wird auch immer im Basecamp sein. Ich werde also maximal zehn Tage auf mich alleine gestellt sein und dann im Basecamp wieder jemanden haben.

Bildcredit: Jost Kobusch

Kobusch: „Soli sind meditativ"

Nach dem Amotsang geht es für dich ja noch auf einen 7000er , ebenfalls Solo, bevor dann im Winter der Everest folgt, wieder Solo. Du sagst Soli sind auch Reifeprozesse. Wie gereift wird dich diese Expedition zurückbringen?
Die Soli sind so meditativ, weil sie so reizreduziert sind, so minimalistisch. Weil es neben der

Tatsache,­­­ dass es kein Internet, Handy, Radio oder Fernsehen gibt, auch keinen Seilpartner gibt. Deswegen sind Soli immer auch eine große Reise in mich selbst. Aber ich weiß ja nie, wohin mich eine solche Reise führt. Ich weiß erst nachher, was ich alles gelernt habe. Ich werde unglaublich kreativ dabei und kriege so viele neue Ideen und auch so viel Aufmerksamkeit für so viele unterschiedliche Gedankengänge.

Everest im Winter, das ist ein fundamentaler Schritt: Fühlt er sich eher wie eine weitere Etappe des lebenslangen Trainings an oder eher wie der Start in einen neuen Abschnitt?
Einer hat mir neulich geschrieben: Ich möchte, dass du ankommst, und das findest, wonach du gesucht hast. Und ich denke mir so: Ich will gar nicht ankommen, ich liebe diesen Wandel. Ich liebe es, neue Dinge zu denken, viel ­zu lernen. Ich bin angekommen, weil ich weiß, dass ich nicht ankommen will. Das habe ich für mich herausgefunden. Jeder und alles hat so seine eigene Wahrheit, also werde ich vermutlich auch nie diese eine Wahrheit finden.

Jost Kobusch Selfie aus Alaska
Bildcredit: Instagram Jost Kobusch

Jost Kobusch: Auf dem Gipfel des Amotsang

Wann denkst du, können wir hier wieder schreiben?
Ich schätze, dass wir so in etwa 25 Tagen spätestens wieder schreiben können. Wenn alles richtig gut läuft, vielleicht auch schon schneller. Allerdings: Bei so unbestiegenen Bergen weiß man nie genau, was passieren wird. Und ich will die steile Südwand machen, die ich schöner finde, die aber schwieriger ist. Da wird es vielleicht noch einige Überraschungen geben.

Epilog: Jost Kobusch bestieg am 24.10 erfolgreich den Gipfel des Amotsang. Zur Zeit ist er in Rolwaling / Nepal an der Grenze zu Tibet, für den nächsten Akklimatisierungs-Schritt. Unser Instaview geht also bald weiter mit Teil 2.

Bildcredit: Jost Kobusch Instagram