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Ich will kein Erbe hinterlassen. Ich will nur Menschen für das Meer begeistern

Surfstar Kai Lenny im Wasser

Kai Lenny ist der beste Surfer und Waterman der Welt. Was den 26-jährigen Hawaiianer so außergewöhnlich macht, ist sein grenzenlos offener Ansatz, mit dem er sich dem Meer und den größten Wellen der Ozeane nähert – und quasi jede Wassersportart zur Perfektion treibt

 


Wellenreiten, Wind- und Kitesurfen, SUP, Big Wave Surfen, Tow-in Surfing und zuletzt hast Du an deine Boards noch Foils geschraubt... Habe ich was vergessen?
Nein, nein, da ist schon fast alles dabei! Ich liebe einfach das Meer und das Draußen-Sein. Auch das Bodysurfing oder das Fahren in einem Kanu mit Ausleger, um die Liste wirklich vollständig zu machen.

Ist es nicht anstrengend, so viele Sportarten mit den passenden Geräten auszuüben? Für mich sind all die Boards wie Werkzeuge in meiner persönlichen Schatzkiste. Auf Wellen zu reiten ist einfach das Beste – egal, wie groß oder klein die Wellen sind. Mit dem richtigen Brett ist jeder Ausflug aufs Wasser eine unglaubliche Erfahrung.

Du gehörst in allen Surf-Arten zur absoluten Weltspitze. Muss man so gut sein, um zu verstehen, was den Reiz der Disziplin ausmacht?
Natürlich nicht! Und genau das macht Surfen ja so besonders. Für jeden ist der Ozean da und wenn man will, dann wird er zu Deinem Spielplatz. Dafür muss man nicht Profi sein.

Big Waves in Nazaré. Kai Lenny gehört in allen Surf-Arten zur Weltspitze
Das Leben ist eine Welle: Kai Lenny surft kleine Flüsse in Österreich oder die Klassiker in Hawaii. Am wohlsten fühlt er sich in Big Waves – wie hier mit dem Foil-Board in Nazaré 
Bildcredit: Derek Dunfee

Du surfst die legendäre Welle „Jaws“ auf Maui – sowohl mit dem Tow-in-Board als auch durch reine Kraft des Anpaddelns. Die Bilder davon sind atemberaubend und der Respekt aus der Surfszene entsprechend groß. Aber dann sieht man dich auch auf einem Foil Board in einer kleinen Flusswelle in Österreich – ganz ohne meterhohe Wasserwände und Adrenalin. Wie passt das zusammen?
Das passt sehr gut zusammen. Auch wenn, ehrlich gesagt, nichts an den Adrenalinschub rankommt, den man in Jaws bekommt. Und ja, natürlich ist es immer wieder hart zu akzeptieren, dass dieser Flash nicht jeden Tag zu haben ist. Deshalb ist es wichtig, sich auch an den Basics erfreuen zu können, das zu genießen, fit zu bleiben und sich für den nächsten großen Tag mental und körperlich in Form zu halten.
 

Die Wellenreitszene hat den Ruf, durchaus skeptisch in Bezug auf Material-Innovationen oder gar Disziplin übergreifendes Denken zu sein. Ob Shortboard, SUPs oder Foilboards: Wassersportler definieren sich oft über die eigene kleine Nische...
Mir geht es hingegen vor allem darum, was ich persönlich auf einer Welle fühlen und möglich machen will – im Endeffekt bleibe ich mir da immer treu. Dementsprechend wenig Interesse habe ich daran, mir sagen zu lassen, was ich im und auf dem Wasser machen darf und was nicht. Solange man niemanden verletzt oder in Gefahr bringt, ist es voll okay, seinen ganz eigenen Ansatz von Wellenreiten zu verfolgen. Der Platz dafür ist definitiv da. Und ich lebe den Ansatz auch an Land. Bei mir passiert zwar das Meiste im Wasser, trotzdem machen mir Mountainbiking, Snowboarding und Skateboarding auch sehr viel Spaß. Die müssen sich nur oft hinten anstellen – wenn eben die Wellen gut sind.

Der Surfstar und sein Equipment. Er hat sich nicht auf einen einzigen Boardsport festgelegt
Material Boy: Wenn Kai Lenny unterwegs ist, geschieht das selten mit weniger als einem Dutzend verschiedener Surf-, Windsurf- und SUP-Boards
Bildcredit: Derek Dunfee

Bist Du ein Camping Fan?
Klar, wenn es Teil einer Mission ist, um länger in den Bergen zu sein, oder die perfekte Welle zu finden, dann liebe ich es!
 

Du wirst als Surfer und Waterman bezeichnet. Und damit als legitimer Erbe von dem großen Waterman der 2000er-Jahre – Laird Hamilton. Fühlst du dich damit wohl?
Das ist ein Ding der Unmöglichkeit – dem Bild von jemand anders gerecht zu werden. Laird ist Inspiration, so wie viele Andere auch. Aus dieser Inspiration kann ich aber nur etwas Eigenes machen. Damit fühle ich mich wohl.

Für jeden ist der Ozean da und wenn du willst, dann wird er zu deinem Spielplatz. Dafür muss man nicht Profi sein 
Kai Lenny

Wie wird man zu einem selbstbewussten Waterman?
Indem man ein Leben lang lernt, sich wieder und wieder ins Meer begibt und zwischen den Elementen lebt. Übrigens gilt das auch für jede Waterwoman! Man muss sehr viele unterschiedliche Situationen und Zustände von Wasser erleben, um dann schon bei einem Blick aufs Meer zu wissen, was da eigentlich los ist, welche Kräfte am Werk sind und wie sich alles miteinander bewegt und arbeitet. Und dafür muss man raus und mit verschiedenen Boards und Booten Erfahrungen sammeln.

Kai Lenny: selbstbewusster Waterman
Bildcredit: Derek Dunfee
Kurze Pause, bevor es wieder ins Wasser geht
Kurze Pause am Strand von Nazaré. Kai Lenny ist auch im Wettkampfmodus ein entspannter Typ - und nur schwer vom Wasser zu trennen
Bildcredit: Derek Dunfee

Robby Naish war eine prägende Person in Deinem Leben. Hast du manchmal das Gefühl, dass du deinen alten Mentor überflügelt hast?
Robby ist eine Legende, ein Champion, und ich bin dankbar für alles, was ich von ihm lernen konnte und durfte. Es geht da nicht ums „überflügeln“, sondern eher darum, dass ich mich inzwischen erwachsen genug fühle, um auf meinen eigenen Beinen zu stehen. Allerdings wird sein Wort bei mir immer großes Gewicht und Bedeutung haben.
 

Was würdest du selber gerne als Erbe an junge Surfer hinterlassen?
Ein Erbe zu hinterlassen ist mir nicht wichtig. Ich will mein Bestes geben, Menschen damit unterhalten und inspirieren, selber das Meer zu erleben und sich dafür zu begeistern… Das wäre doch toll! Nichts geht über das echte Leben und das echte Meer. Man verbindet sich mit den Elementen, alles wird eins und man ist zu hundert Prozent Mensch.