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OutDoor Society Autorin Anke Eberhardt in Norwegen
Unterwegs

Abenteuer für Anfänger

  • Anke Eberhardt
  • 27. Juni 2019

Unsere Autorin dachte immer, Wandern wäre was für Rentner. Für echte Abenteuer müsse man mindestens einen Eispickel im Gepäck haben. Dabei kann die Herausforderung auch darin liegen, in der Wildnis auf sich allein gestellt zu sein und sich seine Route fernab der Wege selbst zu suchen. Ein Querfeldeinversuch in den höchsten Bergen Skandinaviens


Was ein Abenteuer ist, liegt im Auge des Betrachters. Der Graben vor meinen Füßen ist auf jeden Fall überschaubar. Drei, vielleicht vier Meter breit, an der tiefsten Stelle maximal knietief. Für nasse Schuhe würde es trotzdem reichen. Also platziere ich meine Schritte vorsichtig auf den Steinen, die aus dem unverschämt klaren Wasser herausragen und balanciere mit albern ausgebreiteten Armen über den Bach. Nach drei Tagen ohne Dusche hat der Gedanke an einen Tauchgang auch etwas Verführerisches – dann aber bitte ohne die siebzehn Kilo Klamotten, Schlafsack und Essen auf dem Rücken.

Wo es denn mit dem großen Rucksack hingehen soll, fragte das nette ältere Ehepaar im schönsten norwegischen Singsang auf dem Parkplatz. Richtung Westen, ganz grob, antwortete ich. Irgendwo zwischen dem Bygdin-See und dem Olefjorden durch. Dass ich primär vermeiden will, Menschen im fortgeschrittenen Alter mit Zip-off-Hosen und Trekkingstöcken zu begegnen (auch wenn sie wirklich herzallerliebst sind), erwähnte ich hingegen nicht.

Es ist ja nichts verkehrt am Ruhestand. Und bestimmt auch nicht am Wandern. Doch beides ist nicht gerade der Inbegriff von Abenteuer, und wenn man in deutschsprachigen Tälern aufgewachsen ist und mit dem Gefühl vertraut ist, dass die Schlange zum Hütten-Kaiserschmarrn schon an der Talstation beginnt, kann einem die Lust am Laufen in den Bergen vergehen.

Flussüberquerung in Norwegen: mit 17 Kilo auf dem Rücken
Wo kommt der Fluss denn schon wieder her? Zur Schneeschmelze tauchen auf der norwegischen Hochebene, der »Vidde«, überall Bäche und Flussläufe auf, die man in den Karten vergebens sucht 
Bildcredit: Hans Herbig

Querfeldein durch Norwegen: Kein Plan, kein Weg, kein Problem

Nun bin ich aber auch nicht wagemutig genug, um nur noch mit Steigeisen vor die Tür zu gehen. Wohin also mit dem Bergbedürfnis? Was liegt zwischen Spaziergang am Spitzingsee und Sauerstoffmaske am K2? In unserem Fall die letzten Schneereste des Winters, die sich mit den blühenden Büschen des Mittsommers abwechseln. Die letzten drei Tage haben Hansi, der Fotograf, und ich nichts anderes getan, als einen Fuß vor den anderen zu setzen. Mal auf staubige Erde, mal auf federndes Moos, dann wieder in schmatzendes Moor und unzählige Male auf Gestein, das in so vielen verschiedenen Facetten von Grau und Grün schimmert, dass Fifty Shades nicht annähernd reichen. Meist hatten wir dabei das Gefühl, die ersten Menschen zu sein, die diese Landschaft betreten.

Anke Eberhardt beim Navigieren mit Karte und Kompass
Walk On The Wild Side: 30 Kilometer zum nächsten Dorf, und kein Netz. Der gute, alte Kompass gehört wieder zur Standardausrüstung  
Bildcredit: Hans Herbig

Zwar gibt es in diesem Land 20.000 Kilometer Wanderwege, und man könnte entlang der vom norwegischen Wanderverein akkurat aufgetürmten Steinpyramiden mit den roten „T“-Markierungen auch ordentlich Strecke machen, aber es soll ja ums Abenteuer gehen, nicht ums Abhaken von Etappen. Am Ende werden wir niemandem erzählen können, wie viele Kilometer wir zurückgelegt oder in welcher Zeit wir von A nach B gekommen sind. Außer dem Vorsatz, drei Tage in der norwegischen Wildnis zu verbringen, fernab von Hütten und Verpflegung, stattdessen mit Zelt und Couscous, gibt es keinen Plan. Keine Route. Kein Ziel. Und keinen Weg.

Und während ich mich regelmäßig daran erinnern muss, dass wir hier nicht durch eine Fototapete laufen, schießt gelegentlich der Gedanke quer, dass ich beim in die Landschaft schauen nicht über die nächste Wurzel stolpern sollte

Da sich die Landschaft bei aller Schroffheit doch recht übersichtlich um die Gebirgszüge schlängelt, kann man problemlos auch abseits der Pfade gehen. Und während sich die Anzahl der Menschen, die mit einem freundlichen „Hei, Hei“ grüßen, schon auf dem Wanderweg in Grenzen hielt, ist nur wenige Kilometer entfernt dann wirklich niemand, aber auch gar niemand mehr zu sehen.

Kein Geräusch außer dem Wind und dem beständigen Background-Gesang der Vögel. Nur die eigenen Tritte und das Schnaufen, das dem 52-Liter-Rucksack Tribut zollt. Hier wartet nicht hinter jeder Kuppe eine Hütte wie im bayerischen Voralpenland. Hier trägt nicht der Wind den Bass der Schirmbar auf den Berg wie in Tirol. Hier ertappt man sich dabei, dass man das entfernte Rauschen für eine Autobahn hält, nur um dann zu merken, dass es in Wahrheit ein Wasserfall ist, der das Schmelzwasser ins Tal befördert. Und dass der Kuckuck tatsächlich echt ist, und kein Scherz eines anderen Wanderers.

Zeltaufbau in der norwegischen Wildnis
Bildcredit: Hans Herbig
Schlafplatz für die Nacht: über den östlichen Ausläufern des Bygdinsees
Zelten mit Aussicht: Wer hier, im Herzen Südnorwegens, das Zelt auf knapp 2000 Meter über dem Meer aufstellt, kann noch mal 1000 Höhenmeter draufrechnen. Das entspricht der Klimazone in den Alpen. Die Nacht wird kalt. Sehr kalt 
Bildcredit: Hans Herbig

Wir sind in der Wildnis, und zwar richtig

Die stillen Seen und kantigen Schieferformationen lassen einen immer wieder ungläubig von den Wanderschuhen aufschauen. Und während ich mich regelmäßig daran erinnern muss, dass wir hier nicht durch eine Fototapete laufen, schießt gelegentlich der Gedanke quer, dass ich beim in die Landschaft schauen nicht über die nächste Wurzel stolpern sollte. Die Zivilisation ist einen Tagesmarsch entfernt, und auch wenn das Gelände nicht besonders fordernd ist, liegt zwischen entspanntem Spazieren und verknackstem Knöchel nur ein falscher Schritt. Und humpelnd wäre die Abgeschiedenheit, die wir uns erlaufen haben, alles andere als schön.

Zugegeben: Zelt, Equipment und Verpflegung für mehrere Tage durch die Landschaft zu tragen, ist anstrengender, als ich dachte

Zwischen strahlendem Sonnenschein und prasselndem Regen liegen in Norwegen mitunter nur Minuten. Nachts bewegen sich die Temperaturen um den Gefrierpunkt, und wer zu spät merkt, dass der Fleecepulli nicht im Rucksack, sondern noch daheim im Wäschetrockner steckt, kann nicht mal eben im Souvenirshop Ersatz kaufen. Die Herausforderung bei Wildwandern liegt also nicht primär im Körperlichen. Zugegeben: Zelt, Equipment und Verpflegung für mehrere Tage durch die Landschaft zu tragen, ist anstrengender, als ich dachte. Vor allem, wenn man auch völlig überflüssige Dinge wie eine Stirnlampe eingepackt hat, obwohl es in diesen Breitengraden im Sommer auch mitten in der Nacht nicht dunkel wird. Ein Spaziergang ist die Sache nicht.

Kleine Pause beim Querfeldein-Wandern in der norwegischen Wildnis
Bildcredit: Hans Herbig

Was beim Querfeldein-Wandern wirklich zählt: Wetter und Studentenfutter

Ausschlaggebend sind aber andere Dinge. Etwa mit dem Fotografen auszudiskutieren, ob es wirklich eine schlaue Idee ist, das Zelt oben am Gipfel des Bitihorns aufzuschlagen, obwohl der Wind schon beim Aufbau so stark ist, dass es um ein Haar im nächsten Tal gelandet wäre. Und dann nach zwei Stunden bibbernd die Bestätigung zu bekommen, dass das eine ziemlich blöde Touristenaktion war und man lieber doch 200 Höhenmeter absteigt, um dann am Fuß des Berges bei absoluter Windstille doch noch Wohlfühltemperatur im Schlafsack zu haben. Dafür braucht es nicht das Basislager des Mount Everest, da reichen auch 1600 norwegische Höhenmeter – und trotzdem ist Wandern plötzlich alles andere als langweilig.

Das Studentenfutter so zu portionieren, dass am letzten Tag nicht gefastet werden muss, entscheidet freilich nicht über den Hungertod wie am Nanga Parbat. Trotzdem habe ich schon nach der zweiten Mahlzeit im Campingkocher das Gefühl, ein Abenteurer zu sein. Zwar Anfänger, aber doch Abenteurer. Denn abzuwägen, ob das Wasser noch bis zum Fluss im nächsten Tal reicht, oder schon hier im See aufgefüllt werden sollte (aus dem man in Norwegen zum Glück bedenkenlos trinken kann), führt wahlweise zu einem schlagartig schwereren Rucksack, oder zu unangenehm trockener Kehle, wenn die Sonne überraschend rauskommt und auf einmal T-Shirt-Temperaturen herrschen.

Wandern abseits markierter Wege in Norwegen
Die Gegend rund um die Seen Gjende und Bygdin ist in etwa die norwegische Variante der Königssee-Region. Eine Art landesweiter Naturmythos, den jeder kennt. Mit einem großen Unterschied: Hier ist kein Mensch, nirgends 
Bildcredit: Hans Herbig

Wer sein Leben lang stur gelben DAV-Wegweisern gefolgt ist, muss auch erst einmal lernen, der eigenen Intuition Raum zu geben, wenn es bei der Frage, ob man den Bergrücken nun links oder rechts passiert, kein richtig oder falsch gibt. Sich auf diese Art von Gehen einzulassen und sich wortwörtlich ein Stück weit gehen zu lassen, hat etwas Befreiendes. Nicht nur von dem Zwang, vor dem Frühstück schon den GPS-Track für die Tagesroute suchen zu müssen.

Am Morgen nicht vom Wecker, sondern von der Sonne geweckt zu werden, fühlt sich richtig an, egal zu welcher Zeit
Zufluchtsort im norwegischen Nebel: das eigene Zelt
Bildcredit: Hans Herbig
Nach einem langen Wandertag: Ausruhen im Schlafsack
Hochsommer in Norwegen: Wenn in Jotunheimen das schlechte Wetter kommt, verschwinden die weiten Gipfel im Nebel – und die Navigation kann anspruchsvoll werden
Bildcredit: Hans Herbig

Am Morgen nicht vom Wecker, sondern von der Sonne geweckt zu werden, fühlt sich richtig an, egal zu welcher Zeit. Nur die Kleidung zur Verfügung zu haben, die im Drybag liegt, macht leicht (auch wenn der Rücken etwas anderes behauptet). Und irgendwann den Kopf auszuschalten, und einfach den Füßen zu folgen, weil das Ziel tatsächlich nur der Weg ist, lässt einen ankommen. Dann wird das Gemisch aus Schweiß, Staub und Sonnencreme, das man sich am Abend mit eiskaltem Fjordwasser von der Haut schrubbt, zum ebenso stolzen Souvenir wie ein erklommener Gipfel.

Und die Moral vom Rucksackgewicht?

Gerade in Norwegen, wo die Natur so aus der Zeit gefallen wirkt, dass man meint, den Urknall noch nachhallen zu hören, kann man schon mal ins Sinnieren kommen. Über das Gehen, den Sinn und den Unsinn davon. Und neben einem Rucksack voll staubiger Klamotten, leerer Nusspackungen und einer unbenutzten Stirnlampe ist nach drei Tagen ebenfalls die Erkenntnis im Gepäck, dass Wandern schlichtweg das ist, was man daraus macht. Und unelegante Schritte auf wackelige Steine im Flussbett zu setzen, das geht auch daheim – garantiert auch noch im Ruhestand.

Den Kopf ausschalten und den Füßen folgen beim Wandern in der norwegischen Wildnis
Bildcredit: Hans Herbig