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Der Gleitschirm ist so leicht, dass man ihn im Rucksack mitnehmen kann
Weiterträumen

Rauf laufen, weiter fliegen

  • Joschko Hammermann
  • 21. Juni 2019

Längst hat der Gleitschirm die Alpen erobert. Mit der Entwicklung immer leichterer Schirme entdecken die Piloten jetzt das Abenteuer wieder, das schon die Pioniere angetrieben hat: mit dem Fluggerät im Rucksack auf irgendeinen Berg steigen und von Hütte zu Hütte gleiten. Hike & Fly heißt der Trend. Unser Autor hat sich einen Wanderschirm gekauft – und es einfach ausprobiert


Es ist so dunkel, dass man die Kühe kaum erkennt. Trotzdem wissen wir, dass sich die ganze Herde in Bewegung setzt. In unsere Richtung. Vor fünf Stunden saß ich noch in meinem Bus, auf dem Weg von München in die Berge. Jetzt hechte ich in der Finsternis über einen Stacheldrahtzaun, rutsche durch ein paar Kuhfladen und stehe kurz darauf orientierungslos in einem Birkenwald. Das ist der Nachteil, wenn man seinen Rückweg vorher nur aus der Luft gesehen hat. Und genau die Art von Abenteuer, die ich gesucht habe.

Dass mein erstes Hike & Fly-Wochenende eine Herausforderung werden würde, war spätestens am Treffpunkt in Lenggries klar. Die ersten Worte von Felix Wölk, erfahrener Pilot, Fluglehrer, Fotograf und mein Mentor für die nächsten Tage: „Wir haben einen fetzen Wind.“ Der zweite Wettercheck erfolgt in der Flugschule. Wie sattelfest ich fliege, fragt man mich dort. Denn der Föhn kann mit einem Mal durchbrechen – und dann ist der Gleitschirm nur noch ein Spielball des Windes. Doch Felix ist kein Mann des Zauderns. Und auch, wenn man als Gleitschirmflieger auf keinen Fall einen Berg hinunterlaufen möchte, lässt einem ein leichter Wanderschirm natürlich genau diese Möglichkeit. Wir laufen also los in Richtung Benediktenwand.

Unser Autor beim Aufstieg
Erst hoch und dann fliegend immer weiter: Die Kombination aus Gleitschirmfliegen und Wandern hat Joschko zum ersten Mal ausprobiert – bei nicht ganz optimalen Bedingungen
Bildcredit: Felix Woelk

Der Wind bläst ordentlich, die Sicht ist fantastisch und das abendliche Wandern in den verlassenen Bergen tut der Seele gut. Zwischendurch checke ich immer wieder den Wind am Patscherkofel südlich von Innsbruck. Meistens kündigt sich dort der Föhn in 2000 Meter Höhe schon früher an. Heute 80km/h. Wir planen, im Gipfelhaus zu übernachten und morgen zu starten.

Wir legen die Schirme aus, Felix macht die Kamera scharf und ich achte penibel auf den Wind

Nach dem Abendessen auf der Hütte schläft der Föhn ein. Tatsächlich werden die Verhältnisse immer besser, obwohl eine Kaltfront mit viel Wind für die Nacht angekündigt ist. Genau dieser Wind könnte uns morgen früh einen Strich durch die Rechnung machen. Die Flugausrüstung wiegt zwar nur fünf Kilogramm, aber größer als die Angst, abzustürzen, ist für uns Flieger wie gesagt nur jene, den Schirm bergab tragen zu müssen. Ein letztes Mal halten wir die Nase in den Wind und beschließen, kurz nach Sonnenuntergang vom Berg zu fliegen und die erste Nacht in unseren Bussen zu verbringen.

Start mit dem Gleitschirm – bei der Landung wird es schon dunkel sein
Beim Wandern mit Gleitschirm kommt es auf jedes Gramm an: Die Flugausrüstung wiegt nur fünf Kilogramm
Bildcredit: Felix Woelk

Wir legen die Schirme aus. Ich ziehe den Schirm auf und innerhalb einer Millisekunde steht er direkt über mir. Ein Schritt genügt, und ich bin in der Luft. Vorwärtsfahrt. Unten im Tal schaut es schon ziemlich dunkel aus, Felix fliegt Kreise um mich und versucht, noch das letzte Licht aus dem Tag zu kitzeln. Nach nur 10 Minuten landen wir auf einer Wiese, die etwa einen Kilometer vom Parkplatz entfernt ist. Ich sehe kaum noch den Schirm. Als ich mir gerade euphorisch zum ersten Nachtflug gratulieren will, schlägt die erste Böe der Kaltfront vom Berg hinunter. Letzter Drücker. Wir raffen unsere Schirme zusammen. Und dann hören wir die Muh-Geräusche.

Ein Föhn kommt selten allein

Der Samstagmorgen ist nahezu windstill. Weil die bayerischen Hütten über das Pfingstwochenende komplett ausgebucht sind, ändern wir unsere Pläne, in den bayerischen Voralpen von Hütte zu Hütte zu fliegen und fahren weiter zum Tiroler Achensee, wo wir uns zwei Tage zwischen Gipfeln und Wasser bewegen wollen. Diese Möglichkeit, spontan und ohne Hilfe von Bergbahnen seine Flugziele aussuchen zu können, ist vielleicht das Reizvollste am Fliegen mit Wanderschirmen. Man verzichtet mit Hike & Fly-Material zwar auf etwas Performance und Komfort, aber dafür wachsen die Möglichkeiten ins Unendliche. Sobald man als Pilot seine Grundausbildung hinter sich hat und bereit ist, sich selbstständig mit Flugrecht und vor allem den lokalen Wetter- und Windverhältnissen auseinanderzusetzen, ist der Weg zum Wochenendabenteurer offen.

Der Vorteil am Fliegen in Tirol (und übrigens auch in der Schweiz): Man darf, anders als in Deutschland, nicht nur von offiziellen Startplätzen abheben. Unser erstes Tagesziel oberhalb des Achensees hat den schönen Namen „Unnütz“. Zwei Stunden Aufstieg und riesige Wiesen zum Starten. Die Wanderung hoch ist gemütlich. Bis auf ein paar Schneefelder geht es gut voran. Am Grat hängen immer noch riesige Wechten auf der Nordseite, aber wir wollen ohnehin nach Westen starten.

Der Gleitschirm, den unser Autor dabei hat, wiegt nur rund fünf Kilo
Aufstieg zum Gipfel des Unnütz. Von diesem Bergmassiv aus musste Joschko mit Rückenwind starten 
Bildcredit: Felix Woelk

Am Gipfel machen wir eine kleine Brotzeit. Das einzige, was einen hier oben in die Zivilisation zurückholt, ist das Horn des Ausflugsdampfers auf dem Achensee. Es dröhnt bis auf den Berg. Das Karwendel gegenüber bietet eine gewaltige Kulisse. Wir wollen irgendwo auf der Ostseite des Sees landen und schräg rüber in Richtung Rofan laufen, um dort zu übernachten. 

In der Hütte musst du immer zu den Tätern gehören, niemals zu den Opfern

Langsam realisiere ich, dass der geplante Start nach Westen vom Unnütz tatsächlich ein Rückenwindstart wird. Ich muss also so schnell laufen, dass der Schirm – plus Wind von hinten – fliegt. Ich werde wieder nervös. Vom Achensee ist auch bekannt, dass er ein starkes Talwindsystem hat und dass der Föhn auch dort gut durchpeitschen kann. Trotzdem laufe ich los und flitze über die Wiese. Die Beine werden immer leichter und ich fliege. Felix ist direkt neben mir, wir kreisen in Formation über den Achensee. Zwischen meinen Füßen und der Wasseroberfläche ist: nichts. Ein Freiheitsgefühl, das mit jedem Flug stärker wird.

Start mit dem Gleitschirm. Vor allem bei Föhn kann das Fliegen gefährlich sein
Losrennen, schauen, ob alles mit dem Schirm in Ordnung ist – und dann auf die richtige Thermik hoffen
Bildcredit: Felix Woelk

Nach der Landung geht es zu Fuß weiter. Der Weg hinauf zum Rofan dauert drei Stunden. Langsam kommt auch mein alter Freund wieder: der Föhn. Wenn ich an morgen denke, läuft es mir kalt den Rücken runter. Als wir gegen sieben am Berggasthof Rofan ankommen, brauchen wir sofort etwas zu essen. Es waren doch einige Höhenmeter heute. Der Wirt serviert uns einen kleinen Snack: „Hier Jungs: bayerischer, ähhhhh, Tiroler Wurstsalat.“ Wir lachen und gehen vom Snack direkt zum Hirschragout über – wie es sich für Tirol gehört: natürlich mit Preiselbeeren.

Flug über den Achensee in Tirol
Momente der Ruhe – und eine Aussicht, die den Wenigsten vorbehalten bleibt. Unser Autor rund 400 Meter über dem Achensee 
Bildcredit: Felix Woelk

Beim Abendessen lassen wir uns von lokalen Piloten beraten. Die Einheimischen zeigen auf so gut wie jeden der umliegende Gipfel und schwärmen, wie gut man dort starten könne – außer vom üblichen Startplatz. Dort habe man nachmittags eine „Waschmaschine“, durch die man durchfliegen müsse. Wir trinken noch ein paar Bier und beschließen, am nächsten Morgen auf einen der höheren Gipfel zu steigen. Dann stolpern wir ins Lager.

Achtsamkeitstraining

Strahlend blauer Himmel. Ich checke das Föhndiagramm auf dem Telefon. Mist. Spätestens mittags ist Freund Föhn zurück. Da ist sie wieder: Die Angst vor dem Abstieg. Trotzdem lassen wir uns das Frühstück schmecken und bekommen als Nachtisch einen Anpfiff von den drei Damen, neben denen wir im Lager geschlafen haben. Wir waren wohl zu laut und sollten doch bitte unser „Achtsamkeitstraining“ machen. Unrecht haben sie nicht. Felix beugt sich zu mir: „In der Hütte musst du immer zu den Tätern gehören, niemals zu den Opfern.“

Pause auf der Alm zwischen zwei Flügen mit dem Gleitschirm
Frühstück, packen, starten: Am letzten Tag der Tour wehen gefährlich starke Föhnwinde 
Bildcredit: Felix Woelk

Schon jetzt weht es ordentlich. Ich habe ein flaues Gefühl im Magen, aber wir brechen trotzdem zu einem Gipfel auf. Die Tage sind lang im Juni, und Felix meint: „Es ist erst vorbei, wenn es vorbei ist.“ Für mich ist der Flugtag innerlich jetzt schon gelaufen. Am Gipfel kommt der Wind genau aus der falschen Richtung und ist deutlich zu stark. Ich lege mich in die Sonne und mache ein kleines Nickerchen.

Als ich aufwache, steht am Horizont eine Abschirmung. Das ist Fliegerdeutsch für „Bewölkung“. Wir beschließen, zu warten, bis diese über uns steht. Eventuell lässt der Wind dann nach und wir können doch noch starten. Sofort springt die Gefühlsachterbahn wieder an. Kritisch achte ich auf jeden Windfetzen. Werfe Grasbüschel in die Luft und halte meine Hand über den Abhang, um zu prüfen, ob zum Föhn auch noch Thermik kommt. Felix ist innerlich schon in der Luft und erwartet einen „bärigen“ Flug.

Der Start führt uns über eine kleine Wiese direkt auf die Hangkante zu. Ich ziehe auf, lauf los – und dann ist dieses Freiheitsgefühl sofort wieder da

Langsam schieben sich die Wolken über uns und der Wind schläft tatsächlich ein. Ich bin skeptisch, aber eigentlich spricht alles fürs Fliegen. Wir stehen auf einem der höchsten Gipfel des Massivs und es regt sich kaum noch ein Lüftchen. Penibel sortiere ich die Leinen. Der Start führt uns über eine kurze Wiese direkt auf die Hangkante zu. Ich ziehe auf, lauf los und dann ist dieses Freiheitsgefühl sofort wieder da. Schnell noch um den Berg herum, und der Achensee präsentiert sich wieder von seiner schönsten Seite – aus der Vogelperspektive. Außer uns ist kein Schirm in der Luft.

Vor dem Flug kontrolliert unser Autor Joschko Hammermann den Schirm
Ideales Flugwetter sieht anders aus. Konzentration und Kontrolle am Schirm vor dem Abflug
Bildcredit: Felix Woelk

Nach zwanzig Minuten setzen wir sanft im Tal auf. Ich kann es immer noch nicht fassen, dass es noch für einen Flug gereicht hat. Ich bin tatsächlich ein bisschen sprachlos. Anders als ein anderer Hike & Fly-Pilot, der kurz nach uns von einem anderen Berg gestartet ist. Er verfehlt zwar den Landeplatz, bringt seine Begeisterung dafür aber umso lauter zum Ausdruck. Unser gemeinsames Fazit der Nachbereitung des Wochenend-Wetters: Bei Föhn ist’s eben schön – und runter laufen ist eigentlich keine Option. Und mein persönliches Fazit nach meinem ersten Hike & Fly-Wochenende? Unseren ursprünglichen Plan, von Hütte zu Hütte zu fliegen, konnten wir zwar nicht ganz umsetzen – aber eigentlich ist ja genau das der Reiz an meinem neuen Lieblings-Outdoor-Tool: dass man einfach gucken kann, wohin einen die Flügel tragen.